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Stadt gründet Genossenschaft Das Ziel: 30 günstige Wohnungen pro Jahr in Lingen

Von Sven Lampe | 27.10.2017, 18:30 Uhr

Die Stadt Lingen gründet gemeinsam mit fünf Partnern eine Wohnungsbaugenossenschaft. Warum, was ist das Ziel und wer soll davon profitieren?

Das Thema „Bezahlbarer Wohnraum“ spielt auch in Lingen eine zunehmende Rolle. Besser gesagt, der Mangel an eben jenem Wohnraum. Traditionell sind das Emsland und damit auch die Stadt Lingen geprägt vom Wohnen in Wohneigentum, insbesondere in Ein- oder Zweifamilienhäusern. Sich wandelnde Bevölkerungs- und Haushaltsstrukturen führen dazu, dass vermehrt (Miet-)Wohnungen benötigt werden. Untersuchungen haben ergeben, dass insbesondere Familien, Alleinerziehende, Studierende, Ältere, Menschen mit Behinderungen und Arbeitnehmer mit geringen Einkommen Probleme haben, bezahlbaren Wohnraum zu finden. All dies hat die Stadt Lingen in ihrem Wohnraumversorgungskonzept erfasst. Mit der Erkenntnis, dass in Lingen ein großer Bedarf an Wohnraum aller Art besteht, insbesondere jedoch bei bezahlbaren Geschosswohnungen. Laut Stadtbaurat Lothar Schreinmacher wird dieser Trend unter anderem dadurch verstärkt, dass die Belegungsbindungen der in den 1990er Jahren privat erstellten Sozialwohnungen in zwei Jahren komplett ausgelaufen sind.

Genossenschaft oder Gesellschaft?

Da privat finanzierter neuer Wohnraum aus wirtschaftlichen Erwägungen eher eine Klientel anspricht, die zumindest ein gehobenes Haushaltseinkommen hat, möchte die Stadt mit ihren Mitteln Wohnraum für diejenigen schaffen, die sich die auf dem privaten Wohnungsmarkt geforderten Mieten nicht leisten können. Um dieses Ziel zu erreichen hat sich der Rat der Stadt mehrheitlich mit den Stimmen von CDU, SPD, Grünen und Bürgernahen für die Gründung einer Wohnungsbaugenossenschaft entschieden. Alternativ stand die Gründung einer Wohnungsbaugesellschaft zur Diskussion. Die FDP hat sich dafür ausgesprochen, dass die Stadt Lingen direkt — weder über eine Genossenschaft noch über eine Gesellschaft — auf eigene Kosten Wohnungen baut. Laut Schreinemacher hat sich die Stadt letztlich für das Genossenschaftsmodell entschieden, da dieses nicht auf Gewinnmaximierung ausgelegt ist und die Stadt entscheidenden Einfluss auf das Geschehen hat. Da auch die Mieter der genossenschaftlichen Wohnungen für die Dauer ihrer Mietverhältnisse Mitglieder der Genossenschaft sind, bleiben erwirtschaftete Erträge in der Genossenschaft und können für Modernisierung, Instandhaltung oder Neubauten verwendet werden.

Pflichtanteile

Das Gründungskapital der Genossenschaft liegt bei 1,1 Millionen Euro. Mit jeweils 250000 Euro steigen die Stadt Lingen, die Volksbank Lingen, das Bonifatius-Hospital und das Christophorus-Werk ein. Jeweils 50000 Euro steuern die katholischen und die evangelischen Kirchengemeinden aus der Stadt bei. Nach der Gründung können weitere Lingener Bürger und Unternehmen Anteile erwerben. Jeder Anteil kostet 100 Euro, die Höchstsumme eines finanziellen Engagements liegt bei 500 Genossenschaftsanteilen beziehungsweise 50000 Euro. Wer als Investor Anteile kauft, legt sich für mindestens fünf Jahre fest, denn so lange läuft die Kündigungsfrist. Die Genossenschaftsanteile sollen laut Schreinemacher möglicherweise mit ein bis zwei Prozent jährlich verzinst werden. Etwas anders sieht dieses bei Mietern aus. Um eine Wohnung mieten zu können, müssen sie grundsätzlich Mitglied der Genossenschaft werden und eine gewisse Anzahl von Pflichtanteilen erwerben. Diese, ebenfalls verzinslichen Anteile, können sie jedoch nach Ende des Mietverhältnisses innerhalb eines Vierteljahres wieder zurückgeben — ähnlich einer sonst üblichen Kaution. Die Anzahl der für jeweils 100 Euro zu erwerbenden Pflichtanteile bewegt sich laut Satzung im Bereich von vier Anteilen bei einer Wohnung unter 40 Quadratmeter bis hin zu zehn Anteilen für Wohnungen, die größer als 90 Quadratmeter sind. Für Empfänger staatlicher Transferleistungen, beispielsweise Bezieher von Hartz-IV, könnte und würde die Stadt Lingen den Kauf dieser Anteile übernehmen.

Aktuell 95 städtische Wohnungen

Aktuell verfügt die Stadt Lingen über 95 Wohnungen, die komplett in die Genossenschaft eingebracht werden. Ziel ist es, jährlich rund 30 neue Wohneinheiten zu bauen. Diese sollen satzungsgemäß vorrangig an Personen mit dringendem Wohnungsbedarf und niedrigem Einkommen vergeben werden.