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SKM berät über Insolvenzverfahren Chance für überschuldete Bürger im Raum Lingen

Von Thomas Pertz | 15.11.2014, 13:03 Uhr

Schublade auf, Rechnungen und Mahnbescheide rein, Schublade zu. Bis sie überquillt. Dann gibt es noch andere Schubladen. Natürlich ist das keine Lösung, das weiß auch jeder. Aber wer tief in dem Schulden-Schlamassel steckt und längst den Überblick verloren hat, ist aus eigener Kraft kaum mehr in der Lage, Kontoauszüge und vor allem das eigene Leben zu sortieren. Stefanie Meyer und Volker Herold (Namen von der Redaktion geändert) haben es mithilfe von Dieter Zapf geschafft, dass der Schuldenberg nicht mehr wie ein Mühlstein an ihnen hängt. Zapf ist Schuldner- und Insolvenzberater beim SKM in

Seit 22 Jahren berät der Sozialarbeiter Bürger in der Region, die aus den unterschiedlichsten Gründen ihre Raten nicht mehr aufbringen können. Der SKM als anerkannte Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle hat nach Schätzungen von Zapf seit 1999 bislang rund 1000 Bürger aus dem Altkreis Lingen im Rahmen von Verbraucherinsolvenzverfahren (siehe Infobox) begleitet. Mit diesem Verfahren hat der Gesetzgeber eine Möglichkeit geschaffen, dass der Schuldner nach längstens sechs Jahren den Schuldenberg los ist.

Kritiker des Verbraucherinsolvenzverfahrens sehen darin eine einfache Möglichkeit, sich auf Kosten anderer zu entschulden. Die Gläubiger müssen nämlich in der Regel erhebliche Summen in den Wind schreiben. Zapf sieht das anders. In solche Situationen manövriere sich niemand freiwillig hinein. „Jeder hat eine neue Chance verdient“, betont Zapf und verweist auf Umstände wie Arbeitslosigkeit, Krankheit, Trennung und Scheidung, die das bisherige Einkommen von einem Tag auf den anderen schmälern können – während die Höhe der Raten bleibt.

So war es auch bei Stefanie Meyer. Sie und ihr Mann konnten die Raten für das Haus nicht mehr abbezahlen, nachdem ihr Partner krank und arbeitslos geworden war. „Das Haus konnten wir zum Glück noch verkaufen, bevor es versteigert wurde“, berichtet sie. Dennoch blieben über 40000 Euro Schulden. „Ich habe mich sehr dafür geschämt“, schildert sie ihre damaligen Gefühle. Auch vor dem eigenen Sohn hielt die 60-Jährige ihre finanzielle Situation geheim. Rechnungen machte sie gar nicht mehr auf. „Ich kannte aber den SKM und dass er eine Schuldnerberatung anbietet“.

Zapf nahm sich nicht nur der Angelegenheit, sondern der beiden Eheleute an, informierte sie über den Ablauf eines Verbraucherinsolvenzverfahrens mit allen seinen Konsequenzen bis hin zur Abgabe des pfändbaren Einkommens. Das Ganze ist aber eben auch mit der Perspektive verbunden, am Ende von in der Regel sechs Jahren ohne Schulden da zu stehen. „Sechs Jahre klingen lang, aber wenn das Verfahren einmal eröffnet ist, läuft die Uhr“, sagt der Sozialarbeiter.

In diesem Fall nicht gegen Stefanie Meyer – und auch nicht gegen Volker Herold. 33 Jahre ist er alt. Ein Handyvertrag stand am Anfang seines Schuldenbergs, der bis zum Insolvenzverfahren auf rund 8000 Euro angewachsen war. Denn ein geregeltes Einkommen hatte Herold nicht. Jetzt bestellen, später bezahlen, Konsumwünsche aus dem Katalog befriedigen und die Rechnung ausblenden: Schulden machen wird einem nicht sonderlich schwer gemacht. „Ich hatte irgendwann den Überblick verloren“, sagt er. Selber schuld?

Berater Zapf ist solch ein Urteil zu einfach. „Man schlittert da rein, es fehlt an Geld, man braucht aber die Kleidung, bestellt die, zahlt auf Raten, bis irgendwann Verträge gekündigt werden und Mahnbescheide kommen.“ Auch bei Herold kann der Schuldnerberater das Knäuel aus Gläubigerforderungen entwirren und dazu beitragen, dass ein Insolvenzverfahren eröffnet wird. Das ist inzwischen abgeschlossen. Noch einmal wolle er das nicht erleben, sagt der 33-Jährige.

„Viele Betroffene resignieren und fügen sich in ihr Schicksal“, sagt Zapf und berichtet von einem kürzlichen Gespräch mit einem Mann, der noch 100 000 Euro vor sich herschiebt. 60 000 hat er in den letzten Jahren schon abbezahlt. Die Schulden aus eigener Kraft regeln zu wollen, treibe viele um, aber das sei oftmals unrealistisch, sagt der Berater des SKM. Hier könne ein Verbraucherinsolvenzverfahren wieder neue Lebensperspektiven eröffnen. „Jetzt kauf ich erst, wenn ich das Geld zusammen habe“, erzählt Volker Herold. Und lächelt zum ersten Mal.