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Professur für Violoncello Olaf Nießing aus Lingen hat neue Ziele in Chile

Von Peter Löning, Peter Löning | 16.02.2017, 11:18 Uhr

Wenn Olaf Nießing am 24. Februar den Flieger in Richtung Chile besteigen wird, ist dies sicherlich nicht das erste und auch nicht das letzte Mal. Aber ein sehr besonderer Flug ist es allemal, denn einem Ruf der „Universidad de Talca“ folgend begibt er sich dieses Mal dorthin, um eine Professur für Violoncello anzutreten.

„Es ist nicht so, dass ich hier unbedingt wegwollte“, sagt der Cellist „vielmehr sind die Chilenen an mich herangetreten und boten mir eine Chance, die ich jetzt wahrnehmen möchte“. Nießing lässt das Emsland hinter sich. „Es ist eine Herausforderung und ich freue mich darauf.“ Nicht ohne lange und reiflich vorangestellte Überlegungen geschieht das, denn die Entscheidung, diese Professur anzutreten, trifft nicht nur ihn allein. Seine Frau und seine drei Kinder werden sich verabschieden und ihm im Sommer folgen (in Chile ist dann Winter!). Also steht Spanisch lernen gerade ganz oben auf der Agenda im Hause Nießing.

Seit 25 Jahren regelmäßig vor Ort

Talca, eine Stadt mit ca. 200.000 Einwohnern, liegt in der Mitte Chiles, etwa 200 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago und ist das Anbaugebiet schlechthin für Obst, Gemüse und Wein. Seine zukünftige Uni gehört zu den führenden staatlichen Universitäten des Landes. Sie hat einen ausgezeichneten Ruf, und Kultur spielt hier eine große Rolle. Die Musikfakultät, die Nießing hier erwartet ist noch sehr jung, dementsprechend gibt es dort viel an Aufbauarbeit zu tun. „Aufbauen und Dinge gestalten“, sagt er im Gespräch mit der Redaktion, „das mache ich sehr gerne.“ Für verschiedene Projektideen ist ihm bereits Interesse signalisiert worden. „Ob sich das so alles realisieren lässt, wird sich zeigen.“ Seit rund 25 Jahren regelmäßig vor Ort, verfügt der Musiker in Chile bereits über ein gut ausgebautes Netzwerk und kennt sich aus. Ganz ungewiss wird seine Zukunft hier nicht sein. „Ich kenne das Land eigentlich recht gut“.

In Chile Jugendakademie für den Nachwuchs aufbauen

Neben seiner Studienklasse mit elf Cellostudenten wartet auf Olaf Nießing die Aufgabe, eine Kammermusikklasse aufzubauen. Angedacht ist auch die Gründung einer Jugendakademie zur Förderung begabten Nachwuchses – ein altes und zentrales Anliegen Nießings. Bereits als der Lingener Ende der 1990er Jahre, nach Studium in Detmold und Köln sowie der Besetzung verschiedener Orchesterstellen (Münster, Trier und München) ins Emsland zurückkam, versuchte er mit der Gründung des „Emsland Ensembles“ einen Schritt in die Richtung der Nachwuchsförderung zu gehen: Ein Kammerensemble mit hochkarätigen Musikern und einer engen Anbindung an die Musikschule sollten nicht nur dem emsländischen Kulturleben, sondern auch dem jungen Musikernachwuchs in der Spitze dienlich sein.

Projekte im Emsland imitiert

Letztlich ist sein Konzept hier nicht ganz aufgegangen. Doch unter den sehr zahlreichen Konzerten des höchst variabel besetzten Ensembles sind den Lingenern vor allem wohl die „OLB-Konzerte“ in wacher Erinnerung oder die jüngste „Dvorak-Reihe“ im Ludwig-Windthorst-Haus. Auch die Gründung der „Junge Ems-Dollart-Philharmonie“ zielte in diese Richtung. Junge begabte Musiker der Region konnten sich hier in intensiven Probenphasen und einer Reihe anschließender Konzerte mit hoch anspruchsvoller Literatur im Orchesterspiel ausprobieren und sehr gewinnbringend weiterbilden.

Emsländischen Kammerphilharmonie gegründet

Auf sein Konto geht ebenfalls die Gründung der Emsländischen Kammerphilharmonie, in der sich vor allem die ambitionierten Musiker und Musikschullehrer der Region versammeln, um sich auf hohem Niveau der Orchestermusik zu widmen. „Die hat sich eigentlich ganz gut etabliert“. Hier tritt er nicht nur als Dirigent, sondern auch als Organisator in Erscheinung. Der bisherige Höhepunkt war wohl die Aufführung Ludwig van Beethovens neunter Sinfonie zum 25. Jubiläum der Deutschen Einheit.

„Internationales Cello-Festival“ ins Leben gerufen

Nicht zu vergessen in der Reihe der von Olaf Nießing initiierten Projekte ist das „Internationale Cello-Festival“, das er in Lingen ins Leben rief und das anschließend in Brasilien stattfand, in diesem Jahr in Mexiko fortgesetzt wird, und das von Anfang an die ganz großen Namen der europäischen Cello-Szene im Boot hatte. „Ob dieses Festival, wie geplant, 2018 wieder im Emsland stattfinden wird, kann ich nicht sagen“, betont der Musiker in unserem Gespräch mit wohl weinendem Auge.

Kammerorchester geleitet

Mit diesem blickt er auch zurück auf die letzten elf Jahre, in denen er das Lingener Kammerorchester (LKO) leiten durfte. „Das war eine ganz tolle Zeit und ich habe sehr viel gelernt“. Dem Neujahrskonzert des LKO war es dann auch vorbehalten, diese Neuigkeit zu verkünden. Einer anrührenden Laudatio des Fachdienstleiters Kultur der Stadt, Rudolf Kruse, war dabei zu entnehmen, dass Olaf Nießing auch für die Stadt Lingen in den vergangenen Jahren ein kompetenter und gern gehörter Berater war.

Nicht immer Unterstützung gefunden

„Ich habe im Emsland viele gute Dinge erlebt, man muss aber auch sagen, dass es nicht immer leicht war, hier Unterstützung zu finden für das, was ich mache.“ Es sei zuweilen schwierig gewesen, öffentliche Stellen von seinen Ideen zu überzeugen, geschweige denn für diese Ideen Fördermittel zu bekommen. So ist die „Junge Ems-Dollart-Philharmonie“ bereits leider Geschichte, die Idee, eine Nachwuchs-Akademie im Emsland zu gründen, erst gar nicht aufgenommen worden.

Wünsche für das Emsland

So bleiben natürlich Wünsche übrig für das Emsland und da wiederum für die Nachwuchsförderung in der Spitze, die in seinen Augen einen deutlich größeren Stellenwert benötigt. „Wir haben hier vor Ort großartige junge Talente, und auch wenn man ihnen vor Ort keinen adäquaten Unterricht anbieten kann, so sollte man ihnen dringend eine Plattform geben, auf der sie sich präsentieren können. Junge Musiker brauchen die Bühne, um sich dort „auszuprobieren“, andererseits können sie anderen jungen Musikern dann als Vorbild dienen. Ich verstehe nicht, dass so etwas hier nicht passiert. Wenn Nachwuchs nur noch in der Breite gefördert wird, ist das eine Katastrophe.“

Vielleicht gelingt es ihm in Chile, seine Ideale zu verwirklichen.