Ein Artikel der Redaktion

Kundgebung vor dem Rathaus Pflegekräfte demonstrieren in Lingen gegen Arbeitsbedingungen

Von Julia Mausch | 18.07.2019, 16:30 Uhr

Sandra Barth und Kerstin Suren lieben ihren Beruf. Sie kümmern sich um die Gesundheit ihrer Mitmenschen, sie arbeiten in der Pflege. Doch die Arbeitsbedingungen haben sich in den vergangenen Jahren verschlechtert, sagen sie und dagegen wollen sie demonstrieren.

Seit 21 Jahren arbeitet Kerstin Suren aus Lathen als Krankenschwester in Meppen. Früher sei sie mit Freude zur Arbeit gekommen, heute ist diese getrübt. Jeden Tag gehe sie nach Hause und sei einfach nur kaputt. Die Arbeitsbelastung sei hoch, geschuldet auch durch Personalmangel. "Immer gehe ich mit einem schlechten Gewissen nach Hause und frage mich, ob ich bei der Arbeit irgendetwas wichtiges vergessen habe", beschriebt die Emsländerin, als sie am Mittwoch in der Redaktion sitzt, unter welchem Druck sie steht.

Neun Minuten pro Patient

Neben ihr sitzt Sandra Barth. Sie ist ebenfalls in der Pflege tätig, nicht im Krankenhaus, sondern in einem Seniorenheim. Bei Nachtschichten ist die Frau aus Uelsen mit 55 Bewohnern alleine. Neun Minuten hat sie für jeden einzelnen Patienten in dem Heim Zeit, in dem der Tod täglich präsent sein kann. Liegt dann einer der Bewohner im Sterben, sitzt Barth in der Zwickmühle. Es herrscht Zeitdruck – auch in solchen traurigen Situationen. "Das kann doch nicht sein", sagt die Pflegerin. Sie ist sauer und macht ihrer Wut seit geraumer Zeit Luft. (Weiterlesen: Patient Pflegebranche: Zehntausende Fachkräfte fehlen)

Bei der Demo kennengelernt

Regelmäßig geht sie mit anderen Pflegekräften auf die Straße und demonstriert gegen diese Arbeitsbedingungen. In Uelsen hat sie demonstriert, Werlte und Cloppenburg. Auf einer dieser Demos hat sie Kerstin Suren kennengelernt – seitdem sind sie ein Team. Sie wollen den Menschen in der Region aufzeigen, was in ihrem Berufsstand alles schief läuft. Und das ist einiges, sagen die Frauen. Angefangen beim Personalschlüssel: In deutschen Kliniken gibt es gemessen an der Patientenzahl deutlich weniger Pflegepersonal als in anderen vergleichbaren Ländern. Während in den USA durchschnittlich 5,3 Patienten auf eine Pflegefachkraft kommen, in den Niederlanden sieben, in Schweden 7,7 und in der Schweiz 7,9, müssen sich in Deutschland Pfleger im Schnitt um 13 Patienten kümmern. Um das zu ändern ist mehr Personal notwendig, sind sich die Frauen einig und bezeichnen den derzeitigen Personalschlüssel als eine „Abfertigung am Fließband“. (Weiterlesen: Intensivstationen für Kinder in Hannover leiden unter Personalmangel)

Dass sich diese Zahl sogar noch erhöhen wird, befürchtet Sandra Barth mit Blick auf die generalisierte Ausbildung, die ab 2020 startet. Es ist eine einheitliche Pflegeausbildung, die an die Stelle der bisherigen Zweige Alten-, Kinder- und Krankenpflege tritt. Nach Abschluss der Ausbildung können die Pflegekräfte dann entscheiden, in welchem Bereich sie beruflich tätig werden möchten. Laut Barth ist die Vergütung in Altenheimen schlechter als in Krankenhäusern, deswegen vermutet sie, dass dann viele Auszubildende sich gegen die Arbeit in Pflegeheimen entscheiden. Die Personalnot wird dann noch größer, sagt sie.

Bescheide über 140 Euro

„Mit der heutigen Arbeitsverdichtung gewinnt man keine jungen Leute für die Pflege“, sagt Kerstin Suren. Ihrer Meinung nach folgen Schulabgänger bei der Wahl des Ausbildungsberufes nicht nur ihren eigenen Interessen, sondern orientieren sich auch an der Vergütung. Und hier kommt laut Suren erschwerend die Pflegekammer mit ins Spiel, die in Niedersachsen im August ihre Arbeit aufgenommen hat. Sie soll den Stellenwert der Pflege erhöhen, doch hagelt es Kritik vor allem wegen der Zwangsmitgliedschaft von Pflegekräften. Sie müssen einen Beitrag zahlen, der nach dem Einkommen bemessen wird. Doch vor Weihnachten hatte die Kammer Bescheide über 140 Euro fürs Jahr 2018 verschickt, was Jahreseinkünften von 70.000 Euro entspricht. "Ich kenne niemanden, der in der Pflegebranche so viel verdient", sagt die Lathenerin und weiter: "Es kann nicht sein, dass uns diese Vertretung aufgezwungen wird, das ist eine zusätzliche finanzielle Belastung."

Demo am 26. Juli 2019 in Lingen

Die Frauen sind sich einig: Pflegekräfte leisten einen Beitrag für die Allgemeinheit, dann sollten sie für ihre Arbeit nicht auch noch mit einem Pflichtbeitrag bestraft werden. Ähnlich sehen es andere Pflegekräfte. Mittlerweile gibt es eine Petition zur Auflösung dieser Kammer in Niedersachsen mit knapp 51.000 Unterstützern. Weitere könnten es am 26. Juli werden. Barth und Suran haben in Lingen eine Demonstration angemeldet, die bereits genehmigt wurde. Um 14 Uhr beginnt die Demo am Bahnhof in Lingen, zusammen geht es dann zum neuen Rathaus, wo eine Kundgebung stattfindet. Gegen 15 Uhr werden unter anderem Bundestagsmitglied Jens Beeck (FDP), Landtagsmitglied Christian Fühner (CDU), die ehemalige Landrats-Kandidatin Vanessa Gattung (SPD), Nicole Verlage (Verdi) sowie Mitglieder der Vereine "Pflegende Angehörige" und "Pflegestimme" sprechen. Das Ende der Demo ist gegen 17 Uhr vorgesehen.