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Nitrosegas freigesetzt Chemieunfall bei Hagedorn in Lingen: Feuerwehr erst nach 49 Minuten alarmiert

06.07.2012, 05:57 Uhr

Bei einem Chemieunfall am Mittwochabend bei Hagedorn in Lingen ist giftiges Nitrosegas ausgetreten. Die Feuerwehr alarmiert hat nicht das Unternehmen, sondern 49 Minuten nach dem Zwischenfall die Polizei. Das Gas war um 20.35 nach einem Defekt an einer Pumpe in dem im Ortsteil Schepsdorf gelegenen Werk entwichen. Es entwickelten sich dunkelgelbe Dämpfe, die weithin sichtbar vom Werk wegwehten.

„Zunächst hatten Mitarbeiter der Firma versucht, das Unglück zu bekämpfen“, erklärten Christian Kuhlmann, Leiter Personal der Muttergesellschaft Hagedorn AG, und der technische Leiter des Lingener Werkes, Paul Hemelt, am Donnerstag. „Die Kollegen haben gedacht, wir haben das in zehn Minuten im Griff“, meinte Kuhlmann.

Nach Recherchen unserer Zeitung dauerte es mehr als eine Dreiviertelstunde bis zur Alarmierung der Rettungskräfte. Die Leitstelle des Landkreises Emsland wurde um 20.54 Uhr informiert – nicht von Hagedorn, sondern von einem Anwohner, der Schwefelgeruch gemeldet habe, wie Anja Rohde, Sprecherin des Landkreises, bestätigte. Der Anrufer habe davon gesprochen, dass schon Kräfte vor Ort seien.

Die daraufhin von der Leitstelle über das Lageführungszentrum in Lingen informierte Polizei sei nur wenige Minuten später bei Hagedorn eingetroffen. „Da hat es seitens Hagedorn geheißen: Das kriegen wir alleine hin“, so Polizeisprecher Achim van Remmerden. Erst um 21.22 Uhr habe die Polizei bei der Leitstelle die Feuerwehr angefordert, so Rohde. „Unsere Alarmierung erfolgte um 21.24 Uhr“, erklärte der Lingener Stadtbrandmeister Günther Reppien. Dass es vom Schadenszeitpunkt bis zur Alarmierung der Feuerwehr 49 Minuten gedauert habe, hielt Reppien „für eine sehr lange Zeit“.

Zum Unglückshergang erläuterte Kuhlmann, es seien an einer Pumpe unterhalb eines Behälters, in dem Zellulose und Nitriersäure chemisch zu Nitrozellulose reagieren, schlagartig Bolzen abgerissen. In der Folge seien etwa 5000 Liter Nitrozellulose aus der Leitung des Behälters zur Pumpe auf den Boden des Produktionsgebäudes geflossen. Die dabei entstandenen Nitrosegase hätten in unmittelbarer Umgebung des Schadensortes die zulässigen Grenzwerte weit überschritten. Außerhalb des Betriebsgeländes habe die Feuerwehr jedoch keine die Grenzwerte übersteigende Konzentration feststellen können.

Mit Wasser habe die Feuerwehr, die unter Atemschutz an den Unglücksort vordringen konnte, die austretende Nitrozellulose in das Abwasser gespült. „Dieses ist in die werkeigene Kläranlage geflossen, die das auch geschafft hat“, versicherte Kuhlmann, dass es zu keiner Umweltgefährdung durch verunreinigtes Wasser gekommen sei.

Ermittlungen eingeleitet

Die schadhafte Pumpe war nach einer Überholung erst am Morgen des Unglückstages installiert worden. Ob es bei der Überholung oder dem Einbau der Pumpe zu Fehlern gekommen sei, könne beim derzeitigen Stand der von der Gewerbeaufsicht eingeleiteten Untersuchungen noch nicht gesagt werden. Hemelt fügte hinzu, dass kurzfristig ein Sachverständiger hinzugezogen werde, um die Ursachen klären.

Kuhlmann erklärte, dass in dem Werk, in dem 134 Beschäftigte arbeiteten, die Produktion zurzeit ruhe. Den Erstschaden an der Pumpe schätzte er auf 20000 bis 25000 Euro. Hinzu würden wohl die Kosten für den technischen Hilfeeinsatz der Feuerwehr und gegebenenfalls Folgekosten durch den Produktionsausfall kommen.

Die Frage, ob es durch die im Mai angemeldete Insolvenz des Unternehmens aus finanziellen Gründen zu Einbußen bei der Sicherheit gekommen sei, verneinte Kuhlmann. „Wir haben dem Insolvenzverwalter gesagt, dass es keine Abstriche bei der Sicherheit geben darf“, betonte er. Den seit Langem umstrittenen Standort in Lingen-Schepsdorf aufgeben, wie bereits nach Bränden 1995 und 1996 von vielen Seiten gefordert, wolle das Unternehmen auch nach dem jüngsten Zwischenfall nicht.

Während des Einsatzes wurde in Teilen Lingens dazu aufgerufen, Türen und Fenster verschlossen zu halten. Konkrete Auskünfte erhielten die Medien jedoch erst gegen 0.30 Uhr. „Wir mussten erst gesicherte Erkenntnisse haben“, erklärten hierzu Hemelt und der Lingener Oberbürgermeister Dieter Krone. Sie waren erst nach Mitternacht vor die Presse getreten, während im Internet und auf Facebook seit Stunden über den Vorfall diskutiert und spekuliert wurde.