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Müssen Radfahrer den Radweg nehmen? Zehn Irrtümer zum Thema Radfahrer im Verkehr

Von Jörg Sanders | 04.03.2015, 13:31 Uhr

Viele Autofahrer regen sich über Fahrradfahrer auf – und umgekehrt. Und Fußgänger über alle. Oftmals beanspruchen alle Seiten das Recht für sich. Das sind häufige Irrtümer zum Thema Radfahrer im Verkehr.

1. Radfahrer müssen Radwege grundsätzlich benutzen: Falsch! Die Radwegepflicht gilt nur, wenn das entsprechende blaue Schild mit dem Fahrrad darauf vorhanden ist. In allen anderen Fällen gilt: Radfahrer dürfen auf der Straße fahren, selbst wenn es einen Radweg gibt. (StVO § 2, Absatz 4)

Verwarngeld bei Missachtung der Radwegepflicht: 20 Euro (mit Behinderung: 25 Euro; mit Gefährdung: 30 Euro; führte zum Unfall/zur Sachbeschädigung: 35 Euro)

Für Kinder gilt: Bis zum vollendeten achten Lebensjahr müssen sie den Gehweg benutzen. Bis zum zehnten vollendeten Lebensjahr dürfen sie ihn befahren (StVO § 2, Absatz 5).

2. Radfahrer dürfen auf der Straße nicht nebeneinander fahren: Richtig und falsch! Radfahrer dürfen nebeneinander fahren, aber nur dann, wenn sie den Verkehr nicht behindern. In Fahrradstraßen ist das Nebeneinanderfahren grundsätzlich erlaubt. (StVO § 2, Absatz 4)

Verwarngeld: 20 Euro (mit Gefährdung: 25 Euro; führte zum Unfall: 30 Euro)

Anders verhält es sich bei Verbänden – mehr als 15 Radfahrer bilden einen Verband. Die Radfahrer darin dürfen unabhängig von vorhandenen Radwegen zu zweit nebeneinander auf der Straße fahren, wie es die sogenannte „Critical Mass“ in Osnabrück und vielen anderen Städten weltweit einmal pro Monat tut. (StVO § 27, Absatz 1)

3. Radfahrer dürfen ihr Rad mit batteriebetriebenen Lampen ausstatten: Richtig! Batteriebetriebene Lampen sind erlaubt. Sie müssen aber „fest angebracht sowie ständig betriebsbereit“ sein – auch mittags bei strahlendem Sonnenschein können Radfahrer bei einer Kontrolle nicht auf die Tageszeit verweisen. Wer weiß schon, wann die nächste Sonnenfinsternis kommt? (StVO § 67, Absatz 1, 2)

Verwarngeld beim Fahren ohne Licht: 20 Euro (mit Gefährdung: 25 Euro; führte zum Unfall/zur Sachbeschädigung: 35 Euro)

4. Radfahrer dürfen keine Musik hören: Falsch! Radfahrer dürfen durchaus Kopfhörer tragen und Musik hören – solange sie dabei sämtliche Warnsignale wahrnehmen. Es empfiehlt sich also nicht, einem Polizisten zuzurufen, dass man ihn nicht höre, wenn dieser offensichtlich etwas von einem möchte. (StVO § 23, Absatz 1)

Übrigens: Gleiches gilt für Autofahrer. Auch sie müssen alle Warnsignale wahrnehmen können. Bringen die sanften Technoklänge ein Auto zum Vibrieren, ist auch das nicht erlaubt.

Verwarngeld: 10 Euro

5. Radfahrer dürfen auf dem linken Radweg fahren, wenn es rechts keinen Radweg gibt: Falsch! Auf der falschen Seite fahren kann gefährlich sein – das dürfen Radfahrer folglich nicht. Ausnahme: Die entsprechenden blauen Schilder erlauben dies ausdrücklich. (StVO § 2, Absatz 4)

Verwarngeld: 15 Euro (mit Behinderung: 20 Euro; mit Gefährdung: 25 Euro; führte zum Unfall: 30 Euro)

6. Radfahrer dürfen während der Fahrt einen Hund führen: Richtig! Die StVO erlaubt das Führen eines Hundes am Rad. Autofahrer dürfen das aus nachvollziehbaren Gründen nicht. (StVO § 28, Absatz 1)

7. Radfahrer kriegen bei Unfällen eine Mitschuld an ihren Verletzungen, wenn sie keinen Helm getragen hatten: Falsch! Es besteht keine Helmpflicht. Der Bundesgerichtshof entschied 2014, wer ohne Helm radelt, trägt keine Mitschuld an Verletzungen nach Unfällen.

8. Radfahrer dürfen über nicht über Zebrastreifen fahren: Richtig und falsch! Die StVO besagt, Fußgängern und Rollstuhlfahrer sind am Fußgängerüberweg bevorrechtigt. Radfahrer erwähnt der Paragraf gar nicht. Die Regel beschränkt sich eindeutig auf „zu Fuß Gehende“. Dazu zählen auch Radfahrer, die ihr Rad schieben sowie Radfahrer, die auf einem Pedal stehend darüber rollen, urteilten Gerichte. Wer über den Zebrastreifen fährt, ist nicht bevorrechtigt. Zwar verteilen Gerichte in der Regel auch dann die Schuld auf Auto- und Radfahrer. Wer auf der sicheren Seite sein möchte, schiebt sein Rad besser über den Zebrastreifen. (StVO § 26, Absatz 1)

9. Radfahrer verlieren ihren Führerschein, wenn die Polizei sie betrunken erwischt: Falsch! Die Polizei darf nicht Führerschein nicht einfach einkassieren. Erst mit mehr als 1,6 Promille kann die Kommune eine medizinische psychologische Untersuchung (MPU) anordnen, besser bekannt als „Idiotentest“. Der Führerschein ist erst dann weg, wenn der Radfahrer diesen Test nicht besteht. Bei 1,6 Promille und mehr gibt es für Radfahrer übrigens zudem eine Geldstrafe und drei Punkte in Flensburg –und gilt als Straftat. Als Straftat gilt es aber auch schon bei mehr als 0,3 Promille mit einhergehenden Ausfallerscheinungen, wenn der Radfahrer beispielsweise Schlangenlinien fährt. (StGB § 316)

10. Auf Fahrradstraßen haben Radfahrer alle Rechte und stets Vorrang/Vorfahrt: Falsch! Das Schild 244 der StVO regelt Beginn und Ende einer Fahrradstraße und die Regeln. So dürfen Radfahrer auf einer Fahrradstraße zwar stets nebeneinander fahren. Autofahrer, sofern ein Hinweis die Durchfahrt einer Fahrradstraße erlaubt, müssen sich gegebenenfalls der Geschwindigkeit der Radfahrer anpassen. Sie dürfen Radfahrer weder behindern noch gefährden. Ansonsten gilt aber für alle Verkehrsteilnehmer: „Im Übrigen gelten die Vorschriften über die Fahrbahnbenutzung und über die Vorfahrt.“ Das gilt auch für „rechts vor links“ – so muss ein Radfahrer ein von rechts kommendes Auto Vorfahrt gewähren. In Osnabrück gibt es mit der Katharinenstraße einen Sonderfall: Dort kommen die Autofahrer, die auf die Straße fahren, aus verkehrsberuhigten Zonen. Kurzum: Hier haben die Radfahrer auf der Katharinenstraße auch dann Vorfahrt. (VwV-StVO zu den Zeichen 244 und 244a)

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