Ein Artikel der Redaktion

Lingen In einer Nacht 130 Einsätze für die Beamten

12.07.2009, 22:00 Uhr

„Ich hab noch einen Einsatz für euch.“ Am frühen Morgen schickt Polizeioberkommissar Konrad Gärtner (58) erneut eine von 21 Streifen los, die sich im Zuständigkeitsbereich der Polizeiinspektion Emsland/ Grafschaft Bentheim (PI) einsatzbereit gemeldet haben. Gärtner braucht sein Weisungsrecht nicht herauszukehren. Er ist ein erfahrener Kollege, der gerne um Rat gefragt wird.

Der Beamte, den die Kollegen nur Conny nennen, hat zusammen mit Polizeikommissar Wilfried Piechatzek (52) und Polizeikommissar Andreas Müller (43) an diesem Wochenende Nachtschicht in der Einsatzleitstelle „Ems“ (ELS) der Polizei, die sich im Dienstgebäude der PI am Brockhauser Weg in Lingen befindet. In der ELS läuft seit Herbst 2007 der Polizeinotruf 110 aus den Landkreisen Emsland und Grafschaft Bentheim auf. „Wir arbeiten gern hier“, sagen die Polizeibeamten übereinstimmend. Die drei sind ein eingespieltes Team. Wer gerade Luft hat, nimmt den Notruf an, der im Minutentakt eingeht.

Zum Team gehört auch Beate Altenschulte (45). Sie ist für die zentrale Datenabfrage zuständig und per Funk mit den Streifenwagen verbunden. Per EDV findet die Angestellte zum Beispiel in Sekundenschnelle heraus, ob jemand zur Fahndung ausgeschrieben ist, ob er einen Führerschein hat oder ob ein kontrolliertes Fahrzeug als gestohlen gemeldet wurde. In dieser Nacht erteilt sie im Laufe von zwölf Stunden 130-mal Auskünfte.

Auch die Zahl der Einsätze in dieser Nacht bewegt sich um 130. Gegen 6 Uhr teilt Gärtner dem Kommissar vom Lagedienst der Polizeidirektion Osnabrück – sie ist die vorgesetzte Behörde der PI – mit: „Eine unruhige Nacht, aber nichts Weltbewegendes.“

Auffällig sind die vielen Körperverletzungen, die mutmaßlich im Zusammenhang mit Alkoholgenuss stehen, aber auch Meldungen über Ruhestörungen und Wildunfälle sowie einen Schuppenbrand gibt die ELS als Einsatzaufträge an die Streifen weiter.

Schwere Unfälle verzeichnen Gärtner und seine Kollegen während der Schicht nicht. Ein auf der A 30 herumirrender Fußgänger hat offenbar den lebensgefährlichen Ausflug wieder schnell beendet. Eine Polizeistreife kann ihn jedenfalls nicht entdecken.

Und auch ein Vorgang, der sich beim Eingang des Notrufes dramatisch anhört, geht glücklich aus. Eine Jugendliche meldete, dass ihr Vater nach einem Ehestreit mit dem Auto in der Absicht davongefahren sei, den Wagen gegen einen Baum zu setzen. Schließlich stellt sich heraus, dass der Mann zu seiner Mutter gefahren war und sich dort beruhigte.

Die ELS ist mit modernen Einsatzleitrechnern ausgestattet. Wenn die Beamten vom Anrufer die genaue Ortsangabe erfragt haben, wird diese auf einer Karte abgebildet, sodass den Einsatzfahrzeugen eine präzise Wegbeschreibung übermittelt werden kann. Lobend äußert sich Gärtner über die Zusammenarbeit mit den Rettungsleitstellen in Meppen und Nordhorn, die den Notruf 112 für Feuerwehr und Rettungsdienst entgegennehmen. Wählt zum Beispiel jemand den Polizeiruf 110, benötigt aber den Rettungsdienst, stellt der Polizeibeamte den Anrufer zur Rettungsleitstelle durch. Umgekehrt verfahren die Bediensteten der Rettungsleitstellen genauso.

„Entscheidend für effektives polizeiliches Handeln sind möglichst genaue Ortsangaben“, betonen auch Polizeihauptkommissar Herbert Greiten und Polizeioberkommissar Christian Albert. Während Greiten die Fachaufsicht über die ELS hat, fungiert Albert als Koordinator der Einrichtung. 15 Beamte sind rund um die Uhr zu zweit oder dritt im Schichtdienst eingesetzt. Monatlich werden rund 6000 Notrufe bearbeitet und protokolliert. Bei besonderen Lagen informiert die ELS die Inspektionsleitung und die Polizeidirektion.

„Wir verstehen uns als Dienstleister“, weist Gärtner darauf hin, dass jeder Anrufer zuvorkommend behandelt wird, der sich mit einem für ihn wichtigen Anliegen an die Polizei wendet. Wenn allerdings offenbar alkoholisierte Bürger die Beamten nerven, wird der Polizeioberkommissar deutlich: „Sie müssen mir nicht sagen, was ich zu tun habe.“

Im Sommer 2010 soll die seit 1977 bestehende ELS in Lingen geschlossen und deren Aufgaben von einer neuen kooperativen Leitstelle der Polizeidirektion in Osnabrück übernommen werden. Den in Lingen arbeitenden Beamten ist angeboten worden, nach Osnabrück zu wechseln. Alternativ dazu erhalten sie andere Aufgaben in der PI Emsland/Grafschaft Bentheim.

In der Osnabrücker Leitstelle soll künftig der Notruf 110 aus Stadt und Landkreis Osnabrück sowie dem Emsland und der Grafschaft Bentheim entgegengenommen werden. Zusätzlich werden von dieser Einrichtung die Einsätze für Feuerwehr und Rettungsdienst in Stadt und Landkreis Osnabrück koordiniert.

Die Beamten in Lingen bedauern diese polizeiliche Neuorganisation. Auf Inspektionsebene kennen sich die meisten Beamten der Einsatzleitstelle und die Kollegen im Einsatz- und Streifendienst noch. Auf der Ebene der Polizeidirektion ist das anders.