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JVA-Leiter geht in Ruhestand Roland Schauer: Ein Arbeitsleben im Lingener Gefängnis

Von Thomas Pertz | 25.07.2014, 20:57 Uhr

Nach der Schule ist Roland Schauer gleich ins Gefängnis gekommen – und dort auch geblieben, 47 Jahre lang. Was sich auf den ersten Blick wie eine hochkriminelle „Karriere“ anhört, ist ein außergewöhnlicher beruflicher Werdegang, der am 31. Juli zu Ende geht: Mit dem Leiter der Justizvollzugsanstalt Lingen verabschiedet sich der dienstälteste Mitarbeiter im niedersächsischen Strafvollzug in den Ruhestand.

Der heute 65-Jährige hatte nach dem Besuch der Realschule, Höheren Handelsschule und einem zweijährigen Verwaltungspraktikum als Angestellter im Schreibdienst der JVA Lingen am 1. Januar 1969 seine Ausbildung im gehobenen Vollzugsdienst begonnen. Dass es ein Schreibtisch hinter Gittern war, war eher Zufall gewesen. Schauer hatte sich bei verschiedenen Behörden beworben und an der Kaiserstraße die Zusage bekommen. Schnell merkte er aber, dass es der richtige Job für ihn war.

Während der Ausbildung lernt er den Jugendvollzug in Vechta kennen, ist mit dabei, als dort der erste Gefangenensportverein Niedersachsens gegründet wurde. Weitere berufliche Stationen sind die Außenabteilung Groß Hesepe, die Generalstaatsanwaltschaft in Oldenburg und das Justizvollzugsamt in Celle. Im Oktober 1974 dann die Rückkehr nach Lingen. Schauer wird Sicherheitsdienstleiter in der JVA – mit 25 Jahren. Deutlich wird schon hier: der Lingener ist in seinem Berufsleben nicht ausgewichen, wenn es um Führung und Verantwortung ging. „Wobei ich mich da nicht nach vorne gedrängt habe“, erzählt Schauer. Er ist eher ein Typ, der auf Ausgleich bedacht ist.

Eine Eigenschaft, die in den 70er Jahren im deutschen Strafvollzug noch nicht mehrheitsfähig ist. In den Gefängnissen sind Gewaltausbrüche zwar nicht an der Tagesordnung, kommen aber häufiger vor, als den Bediensteten lieb ist. Auch in Lingen sind Zellen mit vier bis sechs Gefangenen Standard, tagsüber sind sie zumeist verschlossen. Auf engstem Raum sind Konflikte unvermeidlich – zwischen Gefangenen, aber auch zwischen Inhaftierten und Vollzugsbeamten. „Es ging sehr ruppig zu“, formuliert es Schauer vorsichtig. Auch ein anderes Ereignis hat sich ihm eingeprägt. 1974 brennt in der Außenabteilung der JVA in Groß Hesepe eine Baracke ab, fünf Gefangene sterben.

Der Umgang mit den Inhaftierten, deren Unterbringung, aber auch die Qualität der Arbeitsplätze der JVA-Bediensteten bleiben die wichtigsten Handlungsfelder, auf denen sich Schauer in den nächsten Jahren bewegt. Geprägt hat ihn dabei vor allem Gerd Pomper, von 1977 bis zu seinem Tode im Jahr 1989 Leiter der JVA in Lingen. In der Person Pompers drückte sich der Wandel im Strafvollzug jener Jahre aus: vom Wegschluss zur Vorbereitung auf die Entlassung, von der Missachtung der Menschenwürde zur Achtung des Inhaftierten. Also „Kuschelvollzug“?

Überhaupt nicht, macht Schauer deutlich. „Wir nehmen den Gefangenen ernst, achten seine Menschenwürde, ignorieren aber nicht seine Straftat“, zitiert er aus dem Leitbild der Anstalt. Es gebe keine Kumpaneien zwischen Gefangenen und Inhaftierten, wohl aber eine Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz. „Ich brauche jedoch eine Beziehung zum Gefangenen, wenn ich etwas verändern will“. Wenn es das Vollzugsgesetz vorsehe, dass die Lebensbedingungen von Inhaftierten dem Leben draußen anzugleichen seien, habe sich die Arbeit hinter den Mauern danach zu richten. Die Schaffung von Arbeitsplätzen in der JVA, die Entwicklung von Behandlungskonzepten für Drogenabhängige, der Aufbau der Sozialtherapie: Schauer hat die Veränderungen im Strafvollzug der JVA Lingen nicht allein in die Wege geleitet, aber aktiv mitgestaltet.

Zwischen 1990 und 2002 ist er der Stellvertreter von Leiter Helmut Ebel in der JVA an der Kaiserstraße, zwischen 2003 und 2007 leitet er die Offene Vollzugsanstalt am Grenzweg in Damaschke. Nach der Verabschiedung von Ebel in den Ruhestand übernimmt Schauer die Leitung beider organisatorisch zusammengefassten Vollzugseinrichtungen. Dazu kommen das Justizvollzugskrankenhaus der JVA und die Vollzugseinrichtungen in Osnabrück.

Es ist die Zeit vieler baulicher Veränderungen. Die ziemlich marode Gebäudestruktur in Damaschke bringt Schauer wieder auf Vordermann, auch an der Kaiserstraße verändert sich viel. Der Anstaltsleiter ist gut vernetzt. Seine Kontakte zu Landtagsabgeordneten wie Elke Müller (SPD) und Heinz Rolfes (CDU) und in der Ministerialbürokratie in Hannover ermöglichen Investitionen, die dem Strafvollzug in Lingen zugutekommen. Manche Baumaßnahme war unvermeidlich: Der 5. Oktober 1995, als elf Gefangene durch ein morsches Gitterfenster an der Außenmauer des Gefängnisses in die Freiheit gelangten, hat sich dem Lingener ebenfalls tief ins Gedächtnis eingebrannt.

Dazu gehört auch die kontroverse und hitzige Debatte in der Stadt um die Erweiterung der Sozialtherapie vor über zehn Jahren. Der offene Brief von Oberbürgermeister Heiner Pott damals an die Bürger Lingens, in dem der Verwaltungschef eindeutig für diese Vollzugsmaßnahme Stellung bezog, habe ihn tief beeindruckt, sagt er.

Das Thema Sozialtherapie hat Schauer kurz vor seiner Pensionierung wieder eingeholt. Die Flucht eines Inhaftierten und der damit verbundene mutmaßliche Missbrauch eines 13-jährigen Mädchens Anfang Juni in Lingen hat ihn natürlich stark beschäftigt und aufgewühlt. Mit etwas zeitlichem Abstand ist der 65-Jährige froh darüber, dass zum Zeitpunkt der Flucht nicht bereits die Amtszeit seines Nachfolgers Meik Portmann angebrochen war. Portmann ist Leiter der JVA in Meppen-Versen. Er tritt sein Amt in Lingen am 1. August an.

Roland Schauers Schreibtisch ist leer. Er kennt jeden Kollegen, jeden Winkel der Anstalt. Viele Innenansichten tauscht er nun mit der Außenansicht. „Der Abschied fällt schwer“, räumt der 65-Jährige ein. Er habe sehr gerne in der JVA Lingen gearbeitet und viele Mitarbeiter dort schätzen gelernt. Gleichwohl: Langeweile im Ruhestand wird Schauer nicht haben. Dafür sorgen schon seine sieben Enkelkinder.