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Junge Waldohreulen am Wulver Esch „Waldgeister“ in Lingen zu hören

Von Andreas Schüring, Andreas Schüring | 27.06.2016, 14:10 Uhr

Kleine Waldohreulen haben am Wulver Esch in Lingen das Licht der Welt erblickt und machen mit Fiepsen auf sich aufmerksam.

Ein seltsames Fiepsen schwängert seit Wochen die Luft Am Wulver Esch in Lingen. Eugen Handel, der hier seit längerer Zeit wohnt, ist der Sache auf den Grund gegangen. Bewaffnet mit einem Smartphone machte er sich in der Dämmerung auf die Suche und wurde fündig, wuscheliger Eulennachwuchs schien hier seine Stimme zu erproben. Die Lokalpresse wurde informiert und rückte mit großer Optik an, und auch sie konnte die „Fiepser vom Wulver Esch“ aufspüren.

Seltsame Laute

Kleine Waldohreulen genossen die letzten wärmenden Sonnenstrahlen. Ja, da war es dann auch das Fiepsen, zunächst zwar als Konserve aus dem Smartphone, dann aber auch live zu hören. Nicht nur der Eulennachwuchs genoss die letzte Wärme, auf den Balkonen bereitete man sich mental schon auf ein aktuelles EM-Spiel vor. „Wie lange geht das hier noch so mit der Fiepserei?“ Nicht überall schienen die seltsamen Laute der Waldgeister auf Gegenliebe zu stoßen.

Häufige Eulenart

Die Waldohreule gehört in unserer Region noch zu den häufigen Eulen. Die Engländer nennen die Miniaturausgabe des Uhu’s great ear owl. Das trifft den Nagel auf den Kopf. Die großen Ohrbüschel dominieren den Gesichtsausdruck des heimlichen Jägers. Sie sind ein wichtiges Instrument der Mimik. Die Eule unterstreicht ihren Gefühlszustand, richtet sie zur Tarnung auf, und stellt sie bei der Balz zur Schau.

Imposante Erscheinung der Nacht ist ein Leichtgewicht

Die imposante Erscheinung der Nacht ist mit 250 Gramm ein Leichtgewicht, bringt es aber immerhin auf eine Körpergröße von 36 Zentimetern und Flügelspannweite von fast einem Meter. Charakteristisch sind ihre orangen Augen, eingebettet in einen ockergelben schwarz eingefassten Gesichtsschleier. Einen schönen Kontrast bildet die nach unten hin weiße Abgrenzung, in der Mitte durch den Eulenbart unterbrochen. Das Federkleid mit seiner schwarzbraunen Bänderung lässt die Eule tagsüber mit ihrer Umgebung verschmelzen.

Große Bestandsschwankungen

Die Bestandsschwankungen sind groß und stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der Mausdichte. Es gibt jedoch Hinweise auf einen generellen Rückgang. Es lässt sich vermuten, dass die fortschreitende Landschaftsveränderung den Eulen die Jagdgründe streitig macht. Dies ist die Ursache dafür, dass sie zunehmend ihr angestammtes Reich verlassen und in Wohngegenden ihren Nachwuchs aufziehen.

Auch Insekten werden gegriffen

Fehlt es an Kleinsäugern, so jagen die Eulen nach Allem, was sich bewegt, so werden dann neben Vögeln sogar Insekten gegriffen. Es scheint ihnen Spaß zu machen, die brummenden Käfer aus der Luft zu pflücken. Nur ganz kurz abgehoben, die Fänge weit nach vorne gestreckt, eine gekonnte, akrobatisch anmutende Wendung, und die Flugbahn des Käfers wird durchkreuzt. In den nadelspitzen Krallen des geschickten Jägers findet er sein jähes Ende.

Nächtliche Jagd auf Mäuse

Um ihren Energiebedarf zu decken, werden vier bis fünf Mäuse pro Nacht gejagt. Der Nachwuchs schreit da schon mal nach mehr, sodass eine fünfköpfige Familie locker 30 Mäuse in den Stadtgärten fängt.

Saisonehe

Waldohreulen leben in Saisonehe und brüten in Krähen- und Elsternestern. Je nach Mäusedichte legt die Waldohreule vier bis acht Eier. Die Jungvögel schlüpfen nach etwa einem Monat, wobei ausschließlich das Weibchen brütet und während dieser Zeit vom Männchen mit Nahrung versorgt wird. Schon nach drei Wochen sieht man die kleinen Eulen wie Waldgeister in den Ästen sitzen. Sie scheinen zum Betteln geboren, rufen sie doch fast ununterbrochen die gesamte Nacht, übrigens eine gute Möglichkeit, die Bestände zu erfassen. Sie beginnen schon in der fünften Woche zu fliegen.

Jungeulen lernen schnell, Beute zu machen

Die Jungeulen lernen schnell, Beute zu machen, Alles, was sich bewegt, wird durch koboldhafte Kopfbewegungen fixiert und auf Beutetauglichkeit untersucht. Sie können sich in der Regel im Alter von zwölf Wochen selbstständig ernähren.

Ungeklärtes Phänomen

Ein bis heute ungeklärtes Phänomen sind die winterlichen Schlafgesellschaften. Die Eulen treffen sich oft über viele Jahrzehnte an speziellen Orten, um hier die kalte Jahreszeit zu verleben. Was die Eulen veranlasst, diese bestimmten Plätze immer wieder aufzusuchen, was sie treibt, ihr Einzelgängerdasein aufzugeben, wie sie die Standorte weitergeben – das sind letztlich ungeklärte Fragen. Interessant ist, dass es während dieser Zeit zur Paarbildung von einheimischen und zugezogenen nordischen Eulen kommt. Die Vögel nehmen dann nicht selten ihren Partner über mehrere tausend Kilometer mit in den hohen Norden.

50 Prozent der Jungvögel sterben

Die Verluste im ersten Lebensjahr sind mit 50 Prozent Sterblichkeit hoch. Das Höchstalter von Waldohreulen beträgt 28 Jahre.

Bleibt zu hoffen, dass der eindrucksvolle Sympathievogel auch weiterhin mit seinen leisen Rufen den Klang der Wälder in unsere Gärten bringt. Vielleicht kann der anmutige Jäger der Nacht so die sich der abzeichnenden Bestandsrückgänge durch den Schwund von Grünland und Feldgehölzen wettmachen.

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