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Jüdische KZ-Überlebende gestorben „Hella Weiss hat Lengerich geliebt“

Von Andrea Pärschke | 03.12.2015, 19:16 Uhr

Zwei Jahre sind nun seit Hella Weiss Besuch in Lengerich vergangen. Sie sollte ihre alte Heimat nie wieder sehen. Am Samstag ist die letzte Überlebende der Lengericher Juden in San Francisco gestorben.

„Meine Schwiegertochter hat alle zwei Wochen mit ihr oder ihren Töchtern telefoniert“, berichtet Gerhard Sels, der über Hella Weiss Schicksal in der Broschüre „Vom Leben und Sterben der Lengericher Juden“ geschrieben hat. Er selbst traf sie 1987 zum ersten Mal persönlich, als die Gemeinde die damals 53-Jährige zu einer Gedenkveranstaltung für die ermordeten Lengericher Juden eingeladen hatte. „In den USA rieten ihr damals viele von dieser Reise ab“, erinnert sich Sels. Es seien schließlich ihre drei Töchter gewesen, die ihre Mutter zu dem Schritt überredeten. Hella Weiss ließ nach ihrem ersten Besuch in Lengerich den Kontakt nie abbrechen. „Sie hat hier einige kennengelernt und hat sich immer nach allen erkundigt“, berichtet Gerhard Sels, der sich gerne an die Gespräche mit der gläubigen Jüdin erinnert. Versöhnung sei ihr immer wichtig gewesen. Versöhnung – die auch die Vergangenheit am Leben hält. „Ich möchte die Zeit auch nicht vergessen“, sagte sie bei ihrem letzten Besuch in Lengerich über ihre Jugend. „Weil man die Jahre im Flüchtlingslager Westerbork in Holland und die Zeit im KZ Theresienstadt nicht vergessen kann.“

Kindertransport nach Holland

Ihr Leben wurde von den Nazis bereits vier Jahre nach der Geburt, am 22. Oktober 1934, aus dem Fugen gerissen: Mit ihrer Halbschwester Erna und einer Puppe im Arm musste sie mit einem Kindertransport Lengerich verlassen. Doch es war nur eine Sicherheit auf Zeit: Am 18. Januar 1944 wurde sie mit ihren Eltern ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Einige Monate später saß sie dort mit baumelnden Beinen in der Eingangstür eines Viehwaggons. „Damals hatte sie keine Angst. Sie wusste nicht, dass es nach Auschwitz gehen sollte“, berichtet Gerhard Sels. Doch die Mutter konnte ihre kleine Tochter in letzter Sekunde retten. Ihren Vater hat Hella Weiss nie wieder gesehen, er starb kurze Zeit später.

Leben in der USA

Nach dem Krieg verbrachte Hella Weiss ihre Jugend in Holland, mit 20 Jahren ging es dann auf nach San Francisco aus, wo sie auch nach langem Krebsleiden am Samstag, den 30. November, friedlich entschlafen ist. Gerhart Sels wird Hella Weiss vermissen. „Ich mochte besonders ihre unstillbare Wissebegierde“, sagt er.

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