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Hilfe in Lingen, Meppen und Nordhorn Kinder leiden stark unter häuslicher Gewalt

Von Christiane Adam | 13.12.2015, 18:00 Uhr

Kinder, die Opfer häuslicher Gewalt sind, können sich vertrauensvoll an Mitarbeiterinnen des Sozialdienstes katholischer Frauen in Meppen, Lingen und Nordhorn wenden.

„Es tut mir leid, dass ich abgehauen bin, aber ich kann einfach nicht mehr. Und ich sehe auch keine Zukunft darin, mein bzw. unser Leben weiter mit Papa zu verbringen. Und ich weiß, dass ihr nervlich und physisch am Ende seid, denn Papa merkt ja überhaupt nicht mehr, wie er uns alle kaputtmacht…“, so lautet der Anfang eines zweiseitigen handschriftlichen Briefes, den die 16-jährige Jeanette ihrer Mutter und ihrem 14-jährigen Bruder hinterlassen hatte, als sie vor einigen Monaten den Haushalt in Sögel verlassen hat, um vor dem gewalttätigen Vater zu fliehen.

Der Name des Mädchens und der Ort wurden zu ihrem Schutz verändert, der Brief jedoch ist echt. Ihn zu lesen, ist erschütternd. Von häuslicher Gewalt ist da die Rede. Gewalt, die nicht in erster Linie Jeanette gilt, sondern vor allem ihrer Mutter und ihren zwei Brüdern, von denen der erwachsene die Familie bereits verlassen hat. Mit diesem Brief ist die Mutter auf Cordula Glanemann zugegangen, um sich Hilfe und Rat zu holen. Glanemann ist die Ansprechpartnerin in der Meppener Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche als Zeugen von häuslicher Gewalt (Kompass) beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF). Ihre Kollegin Marion Risse ist die Ansprechpartnerin in diesen Sachen in Lingen und Ines Hubelitz in Nordhorn. „Als eines von fünf Modellprojekten sind wir Anfang des Jahres gestartet, und nach knapp einem Jahr ziehen wir ein Zwischenresümee“, erklärt Marita Theilen, Geschäftsführerin des SkF Lingen.

81 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen fünf und sechzehn Jahren haben die Frauen, die jeweils fünf Wochenarbeitsstunden für dieses spezielle Gebiet zur Verfügung haben, mit dem Hilfsangebot erreicht. „Wir werden auf die Kinder aufmerksam über unsere Beratungs- und Interventionsstelle (BISS), über das Frauenhaus, über die Schulsozialarbeiter, manchmal auch darüber, dass die Kinder sich selbst bei uns melden“, führt Theilen weiter aus. Dabei sind die Kinder nicht immer unmittelbar von der Gewalt betroffen. Sie werden häufig „nur“ Zeugen von körperlicher oder verbaler Gewalt. Studien haben ergeben, dass solche Kinder dennoch genauso unter dem Verlust ihres Selbstwertgefühls leiden wie diejenigen, die selber geschlagen werden. „Die Mütter sagen oft: Das Kind hat zum Glück nichts davon mitbekommen. Aber das stimmt nicht. Die Kinder bekommen mehr mit, als die Eltern meinen. Sei es direkt, sei es, dass sie die bedrückte Stimmung im Haus spüren“, weiß Risse. Eine Einordnung von häuslicher Gewalt in bestimmte soziale Schichten, Wohnorte, Altersgruppen usw. gebe es nicht, weist Hubelitz Klischees vom Hartz-IV-Empfänger, der seine Frau schlägt, zurück. „Vom Arbeitslosen bis zum Richter, ob Stadt, ob Dorf, und quer durch alle Altersgruppen: Opfer von häuslicher Gewalt finden sich leider überall“, berichtet die Nordhornerin.

Anders sieht es bei der Geschlechterverteilung aus. Zwar gebe es auch gewalttätige Frauen, aber zum allergrößten Teil sei es der Mann, von dem die Aggressionen ausgingen. Zwei bis acht Treffen seien mit einem Kind möglich. Das Kind soll die Möglichkeit erhalten, ganz ohne Druck und ohne Scham über die häusliche Situation zu sprechen. „Wir erarbeiten mit dem Kind einen Sicherheitsplan. Wo kann es hingehen, um Hilfe zu bekommen, wenn wieder etwas passiert? Wer weiß Bescheid über die Situation? Und wir probieren, die Kinder beispielsweise über Vereine in eine gute Freizeitsituation einzubinden“, erzählt Glanemann. Als Letztes erfolgt ein Abschlussgespräch gemeinsam mit den Müttern. „Ohne die Einbeziehung der Eltern kann es keine Veränderung geben. Die Eltern können Entscheidungen treffen, die Kinder haben meist keine Wahl“, so Risse.

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