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Glückliche Kindheit geht zu Ende Lingenerin Tondera schreibt „Das Zeitenkarussell“

Von Eva-Maria Riedel | 27.11.2015, 20:20 Uhr

Die Buchautorin Elisabeth Tondera, vielseitige Künstlerin und freie Journalistin, welche die heimische Kulturszene mit ihren zahlreichen Rezensionen in der Lingener Tagespost seit vielen Jahren bereichert, hat folgende Metapher für ihr 215 Seiten starkes Erstlingswerk „Das Zeitenkarussell“ gewählt.

An glücklichen Tagen, die so leicht sind wie eine Feder im Wind, soll sich das Karussell des Lebens langsam drehen. An den dunkleren möchte man das Tempo erhöhen, damit das Erlebte, das wie Blei im Herzen liegt, schneller vergeht. Aber das ist nicht immer so.

Protagonistin ist Marta, eine 83 Jahre alte im Ermland lebende Frau, die von den Erinnerungen ihrer Kindheit auf tragische Weise eingeholt wird. Marta klagt wenig, sie ist bescheiden. Doch manchmal wendet sie sich mit ihren Wehwehchen an Gott, bittet ihn um weniger Schmerzen in den Knien und in der Schulter, wohlwissend, dass der Allmächtige für ihre alterstypischen Probleme wenig Zeit finden wird.

Aber dennoch bleibt sie mit ihm in Verhandlung. Ordnung lautet ein Gebot ihres Lebens, Ordnung hält alles zusammen, sei es am frühen Morgen oder am späten Nachmittag.

Ein schrecklicher Traum

Und was hat es nun mit dem „Zeitenkarussell“ auf sich? Martas Tag beginnt wie jeder andere, wenn da nur nicht dieser schreckliche Traum gewesen wäre, das Karussell mit den Gesichtern ihrer Familie, mit Fratzen, die ihr Angst machen. Immer bedrohlicher wirkt das Karussell, und mit seiner zunehmenden Geschwindigkeit vergehen die schlimmen Erinnerungen leider nicht, im Gegenteil: Sie steigen aus dem kindlichen Nichtverstehen auf und quälen nun das Herz der alten Frau.

Marta hat an diesem Tag Geburtstag, wird 83 Jahre alt, und ihre Erinnerungen wandern zurück in ihre Kindheit, – als sie zehn Jahre alt wurde und ihr Herz nichts so sehr begehrte als ein kleines Spielzeugkarussell, das sie im Schaufenster von Spielwaren Schuttke bewundert hatte. Und dann gehörte es ihr.

Wie schön hätte dieser Tag sein können – und wie schnell vergeht die Kindheit. Marta erlebt ihre Mutter an diesem Geburtstag starr vor Schreck. Die Auswirkungen des Nationalsozialismus treffen die Familie. Alles ändert sich schlagartig. Der heimliche Freund von Martas Schwester Greta, ein Jude, wird abgeführt und nie wieder gesehen. Was bleibt, ist die Gewissheit, ein Kind von ihm zu bekommen. Doch auch das wird Greta genommen. Klammheimlich bei Nacht, unter dem Druck der eigenen Eltern und mithilfe einer Kräuterfrau.

Was tun Kinder, die fühlen, wie gefährlich das Leben plötzlich sein kann? Sie sind voller Angst, verdrängen, was nicht sein darf, und laufen Gefahr, von alldem wieder eingeholt zu werden.

Elisabeth Tondera ist es mit diesem Roman gelungen, jeden Leser mitzunehmen. Schnell ist er vertraut mit dem Leben im Ermland, genießt die liebevollen Beschreibungen, den Humor, der zwischen den Zeilen blitzt. Ihr klarer Erzählstil, die präzisen Beschreibungen lassen jedoch keinen Zweifel an dem tragischen Schicksal, das Marta ereilt.

Der in Lingen ansässige Verleger Georg Aehling, Edition Virgines, begleitete mit lobenden Worten die Lesung vor circa 90 Zuhörern in der Kunstschule Lingen. Die musikalische Untermalung oblag Rainer Rohe.

 „Das Zeitenkarussell“ von Elisabeth Tondera ist in der Buchhandlung Holzberg, Lingen, Clubstraße 2, für 14,90 Euro zu erwerben.