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„care4future“ an Gesamtschule Emsland Projekt für Pflegeberufe in Lingen: Schüler reagieren zurückhaltend

Von Wilfried Roggendorf | 11.09.2023, 09:21 Uhr

Fachkräfte in der Pflege werden nicht erst seit gestern händeringend gesucht. Verschiedene Ausbildungs- und Pflegeeinrichtungen in Lingen versuchen nun, Schülern der Gesamtschule Emsland Pflegeberufe näherzubringen. Doch bei denen gibt es durchaus kritische Stimmen.

Am nun gestarteten Projekt „care4future“ sind neben der Gesamtschule der Campus Lingen mit seinem Studiengang Pflege dual, die Akademie St. Franziskus, das Stephanushaus und der ambulante Pflegedienst Curanum Lingen beteiligt.

Berufsbilder auf Augenhöhe näherbringen

Zwei Jahre sollen die Schüler des Wahlpflichtkurses Soziales immer wieder mit den Einrichtungen in Kontakt kommen. Dabei sollen Auszubildende und Studierende ihnen quasi auf Augenhöhe ihre Berufsbilder näherbringen.

Jetzt haben die Schüler erstmals den Campus Lingen besucht. Empfangen wurden sie von Rosa Mazzola, Professorin für Pflegewissenschaft. „Viele wissen nicht, dass man Pflege dual studieren kann“, sagt Mazzola.

Versorgungsqualität bei der Pflege in der Region sichern

Der Campus Lingen verantworte die Versorgungsqualität bei der Pflege in der Region mit, meint Mazzola und sagt: „Wir wollen nicht warten, bis die Schüler zu uns kommen.“ Um ihnen Pflegeberufe näherzubringen, bedürfe es zusätzlicher Kampagnen. Vor diesem Hintergrund begrüßt Mazzola das Projekt „care4future“.

Lehrerin Anna Keuters-Gels betreut den Wahlpflichtkurs Soziales. „Es geht darum, den Schülern realistische Einblicke in die Pflegeberufe zu bieten“, erläutert sie das Ziel des Projekts. Mazzola fügt hinzu: „Wir wollen mit Klischees über die Pflege aufräumen und für das Thema sensibilisieren.“

Mit Blick auf die Herausforderungen in der Pflege der nahen Zukunft ist das offenbar dringend notwendig, hört man sich unter den Schülern im Projekt um. Die 16-jährige Lisa-Marie Eder aus Lingen ist nicht so begeistert. „Wir haben bisher in dem Kurs in Gruppen zu verschiedenen Themen gearbeitet. Dafür bleibt durch das Projekt weniger Zeit“, begründet sie ihre Skepsis. Sie weiß noch nicht, was sie später einmal machen möchte, sagt aber: „In der Pflege möchte ich nicht arbeiten.“

Pflege ist für Schüler keine Berufsalternative

Auch für ihren gleichaltrigen Mitschüler Jemal Washing ist das Projekt eine Umstellung. „Doch es ist interessant, in einzelne Bereiche der Pflege zu blicken“, sagt der Lingener. Aber auch für ihn ist ein Pflegeberuf keine Alternative: „Ich möchte einmal zur Bundespolizei.“

Auch die 15-jährige Lili-Emely Gössling findet es gut, Einblicke in die Pflege und ihre Berufsbilder zu bekommen. Aber auch sie möchte später nicht in der Pflege arbeiten, „eher Erzieherin“.

Personalmangel und schlechter Ruf

Work-Life-Balance in den Pflegeberufen muss wieder stimmen

Durch die schon Jahre geführte Diskussion über den Pflegenotstand sind Pflegeberufe eigentlich in aller Munde. Sicherlich ist es richtig, junge Menschen mit einem Projekt wie „care4future“ an der Gesamtschule Emsland in Lingen für das Berufsbild zu sensibilisieren. Aber das alleine reicht nicht, um den eklatanten Personalmangel in der Pflege zu beheben.

Pflege-Spirale: Personalmangel, Extraschichten, schlechter Ruf

Dafür muss endlich die negative Spirale aus Personalmangel, daraus resultierenden Extra- und Sonderschichten, und dem schlechten Ruf des Arbeitsplatzes Pflege durchbrochen werden. Denn an der Bezahlung alleine liegt der Personalmangel nicht. Mittlerweile werden viele, wenn auch nicht alle, Pflegekräfte recht ordentlich entlohnt.

Es sind die Arbeitsbedingungen, die viele Pflegekräfte aus dem Beruf treiben. Deren Erfahrungen schrecken dann junge Menschen ab, den Pflegeberuf überhaupt erst zu ergreifen. Denjenigen, die diesen Beruf trotzdem engagiert ausüben oder eine Ausbildung darin beginnen, gebührt Respekt. Richtig attraktiv kann der Beruf aber nur dann wieder werden, wenn auch die Work-Life-Balance stimmt.
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Mazzola lässt sich von solchen Aussagen nicht entmutigen. „Es geht ja bei dem Projekt nicht darum, zu rekrutieren“, sagt die Pflegewissenschaftlerin. Dafür gebe es andere Formate.

Mehr Informationen:

Das Projekt „care4future“ ist aus einem 2008 gestarteten Modellprojekt der Michaelschule in Papenburg hervorgegangen. Diese kooperierte mit drei Berufsfachschulen aus dem Pflegebereich und dem DRK.

2011 wurde es auf einem Pflegekongress in Berlin vorgestellt und vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales als besonders wertvoll bezeichnet. Um es bundesweit voranzubringen, wurde das Projekt „care4future“ gegründet.

Betreut von der Gesellschaft für Organisationsentwicklung contec mit Sitz in Bochum gibt es mittlerweile bundesweit über 70 Standorte, an denen ein „care4future“-Projekt läuft.

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