Ein Artikel der Redaktion

Einst ein beliebter Ort für Pilzsammler Echte Ritterlinge im Pöttkerdiek

10.09.2011, 09:12 Uhr

Pilze im Gewerbegebiet? Das kann sich niemand vorstellen. Aber wahrscheinlich erinnert sich der eine oder andere daran, dass das erschlossene Gewerbegebiet Pöttkerdiek in Lingen-Schepsdorf einst Teil des Lohner Sandes war. Eines ausgedehnten Waldgebietes mit überwiegendem Nadelbaumbestand, welches von der Nordhorner Straße geteilt wurde.

Das unterhalb der Straße befindliche Waldgelände mit dem Pöttkerdiek war damals geprägt von aufgewehten Emsdünen, Kiefern und Heide. Hier waren sie anzutreffen, die Sandpilze und die echten Ritterlinge (auch Grünlinge genannt), die wir passionierte Pilzsammler schätzten und die einfach bei keinem schmackhaften Mischpilzgericht fehlen durften.

Während der komplexe Nadelwald die geläufigen Speisepilze wie Maronen, Steinpilze, Birkenpilze, Ziegenlippen und andere mehr damals noch reichlich anbot, waren die ausschließlich im Sand sprießenden Grünlinge und Sandpilze lediglich auf solchen Böden anzutreffen. Wir liebten jenes Teilstück des Waldes wegen seiner Ursprünglichkeit, Stille und Verträumtheit, die von Heide, Sand und Kiefern ausgingen.

Und ausgerechnet in dieser Idylle widerfuhr uns an einem schönen Augustmorgen eine Begegnung, die uns in helle Aufregung versetzte. Verwandte aus München: Vater, Mutter und deren siebenjähriges Töchterchen waren bei uns zu Besuch. In den Tagen zuvor hatte es ausgiebig geregnet und nun dieser strahlende Sonnentag.

Wir waren uns mit den Münchnern einig – der Morgen war wie geschaffen zum Pilzesuchen. Und auf ging’s. Gemeinsam mit den Verwandten und unserer ebenfalls siebenjährigen Susi stromerten wir bald darauf mit gekrümmten Rücken, die Blicke starr auf den Boden geheftet und die Küchenmesser einsatzbereit in der Hand, durch das Revier. Wir hatten die Wetterlage gut eingeschätzt.

An diesem Morgen sprossen die begehrten Schwammerl nur so aus dem Boden. Ein Jubelschrei löste den anderen ab, wenn wieder einer fündig geworden war. Triumphierend hielt der die Schätze des Waldes hoch in den Händen, damit die anderen sie bewunderten. Und in diese frohgemute Stimmung platzte er hinein, stand plötzlich vor uns – keine 20 Meter entfernt. ein Kerl: groß gewachsen, schmuddelig, unrasiert und ausgestattet mit einem kräftigen, blaurot gemaserten Riechorgan. Wahrlich, eine fragwürdige Erscheinung, die unsere Grüße nicht erwiderte, uns stattdessen mit unfreundlichen Blicken bedachte und die gleich darauf hinter den Bäumen verschwand.

Suche nach Kindern

Unwillkürlich sahen wir uns nach unseren Mädchen um. Sie warfen gelangweilt Kiefernzapfen in den Wald. Unsere Suche nach Pilzen fanden sie uncool. Wir ermahnten sie, sich nicht von uns zu entfernen. Das taten sie zunächst auch nicht. Aber irgendwann doch.

Wir Erwachsenen waren, schrittweise gehend und ganz auf den Waldboden konzentriert, unaufmerksam. Deshalb entging uns, dass die Kinder allmählich zurückblieben und sich schließlich entfernten. Mit lauten Rufen versuchten wir, sie auf uns aufmerksam zu machen. Ohne Erfolg. So trennten wir uns, um das Gelände nach allen Seiten zu durchkämmen. Vergeblich. Keiner stieß auf die Kinder.

Jetzt packte uns die Unruhe. Schneller und schneller laufend, erreichten wir bald keuchend den Waldrand. Vor uns lag die Nordhorner Straße. Was nun? In uns kroch die Angst hoch, befürchteten wir doch nach der vorangegangenen beunruhigenden Begegnung Schlimmes. Nach kurzer Beratung beschlossen wir, auf der gegenüberliegenden Seite weiter zu suchen. Wir trafen andere Pilzsucher und fragten nach den Mädchen. Doch keiner hatte sie gesehen.

Nun hielt uns nichts mehr. Hilfe musste herbei. Da sich in der Nähe keine Telefonzelle befand und wir damals noch kein Handy besaßen, wäre das Waldhotel die naheliegende Möglichkeit gewesen, die Polizei zu verständigen. Im Laufschritt hasteten wir zum Parkplatz, auf dem unsere Autos standen – ja, und da hockten sie im Gras. Mit gelangweilten Gesichtern und vorwurfsvollen Blicken. „Wo bleibt ihr denn? Wir warten schon seit Ewigkeiten auf euch, und wir haben Hunger. Wir wollen endlich nach Hause“, schmollten sie.

Den großen Kerl haben wir übrigens nie wieder gesehen.