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Ein Handschlag mit Folgen Deutsch-deutsche Geschichte eskaliert 1960 in Lingen

Von Carsten van Bevern | 09.10.2017, 19:30 Uhr

Der 6. Mai 1960 ist in Lingen ein besonderer Tag. 17 Zeitungs- und Rundfunkjournalisten sind vor Ort, um von einer Ratssitzung zu berichten. Per Lautsprecher verfolgen auch mehrere Hundert Bürger auf dem Marktplatz die Sitzung. Diese sollte der Schlusspunkt einer bundes- und europaweit für Aufsehen sorgenden Affäre aus der Zeit des tiefsten Kalten Krieges sein. Es sollte aber anders kommen.

Doch was war geschehen, dass eine Ratssitzung in einer Kleinstadt am westlichen Rand der noch jungen Bundesrepublik deutschlandweit und sogar noch in den Niederlanden, der Schweiz, Frankreich und in England ein solches Aufsehen erregte? Hintergründe dieser nun knapp 60 Jahre zurückliegenden Ereignisse haben der Lingener Heimatforscher und frühere Konrektor der Marienschule, Benno Vocks, und sein Geschichtslehrerkollege aus Pritzwalk, Dr. Wolfgang Simon, aufgearbeitet.

Besuch ein Jahr vor dem Mauerbau

So reiste im April des Jahres vor dem Mauerbau eine Delegation aus dem brandenburgischen Pritzwalk nach Lingen. Hintergrund des Besuches in einer Zeit höchster Ost-West-Anspannung war ein Erlass des niedersächsischen Innenministers, der keine Bedenken gegen derartige Besuche hatte – sofern diese dem fachlichen Meinungsaustausch dienten. Politische Aktionen sollten jedoch vermieden und auch nicht diskutiert werden.

Freundliche Begrüßung in Lingen

Genau dies aber wurde den Pritzwalkern von hiesigen Zeitungen und einigen Kommunalpolitikern vorgeworfen. Auch in der in der DDR erscheinenden Zeitung „Märkische Allgemeine“ wurde seinerzeit gefordert, dass diese Besuche dazu dienen müssten, die wahren Verhältnisse in der DDR im Westen darzulegen – natürlich im Sinne der staatstragenden Partei der SED.

Der CDU-Politiker Robert Koop, von 1951 bis 1968 Bürgermeister von Lingen, jedoch empfing die vor allem aus Fachleuten aus der Landwirtschaft bestehende Pritz-walker Delegation freundlich und zeigte ihnen auf einer Rundfahrt die zu diesem Zeitpunkt knapp 25000 Einwohner zählende Stadt.

Viel Misstrauen in Westdeutschland

Ähnliche Aktionen zwischen Ost und West gab es dabei zu diesem Zeitpunkt so einige. Warum aber gerade Pritzwalk und Lingen zusammengekommen sind, ist laut der Forscher nicht ganz klar. In Westdeutschland misstrauten aber viele diesen ostdeutschen Aktivitäten. „Auch in Lingen waren so einige Bürger über diesen freundlichen Empfang empört, in der Stadt wurde viel darüber diskutiert“, erklärt Vocks in einem Gespräch mit unserer Redaktion.

Ein Pritzwalker setzte sich von der Gruppe ab

Nach der Verhaftung der Pritzwalker Delegation – ein Mitglied hatte sich zwischenzeitlich schon zu Bekannten nach Bersenbrück abgesetzt – sollen laut einer Aussage von Bürgermeister Koop vier Lingener Bürger ihn vor dem Polizeigebäude „auf das gemeinste beschimpft“ haben. Aus dem Kreis dieser Bürger soll laut einem Bericht im Spiegel (Ausgabe 22/1960) an einen Pressevertreter auch die Aufforderung gefallen sein: „Halten Sie das im Bilde fest, wie er den Lumpen auch noch die Hand gibt, damit die Bevölkerung sieht: Das ist unser Bürgermeister!“

Zufälliges Treffen zweier Heimatforscher

Wolfgang Simon, seit vielen Jahren auch aktiv im Pritzwalker Heimatverein, kannte diese Geschichte zunächst gar nicht. Bis er 1998 Benno Vocks und seine ersten Forschungen dazu bei einer Tagung der den Bundeswettbewerb Deutsche Geschichte organisierenden Körber-Stiftung kennenlernte. „Wir wollten aus dieser spannenden Ost-West-Geschichte schon damals etwas machen. Zeitzeugen wollten zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nichts dazu sagen“, erklärte Simon gegenüber der Märkischen Volksstimme.

Im Mai schon Vortrag in Pritzwalk

Vor einiger Zeit hat Benno Vocks das Thema wieder aufgegriffen. Anfang Mai hat er mit Nachfahren der 1960 in Lingen handelnden Personen in Pritzwalk seine Forschungsergebnisse vorgestellt. Am Dienstag kommender Woche werden alle gemeinsam diesen Aspekt des deutsch-deutschen Verhältnisses in der Zeit des Kalten Krieges nun in Lingen der Öffentlichkeit präsentieren, dazu werden auch Gäste aus Pritzwalk erwartet.

Anzeige gegen „Parteifreund“ Koop

Und das Nachspiel? Josef Henrichs, konservativer Katholik und einer der vier Lingener Bürger, die vor dem Polizeigebäude auf Koop und die Delegation trafen, zeigte seinen „Parteifreund“ Koop anschließend an. Nach bis zum Februar 1962 andauernden Verhandlungen in zwei Instanzen endete die Auseinandersetzung schließlich mit einem Vergleich.