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Ein Anruf führt zur Versöhnung Lingen hat Ruth Foster viel zu verdanken

15.08.2014, 20:59 Uhr

Es war Ruth Foster, die die Erforschung des Schicksals der früheren jüdischen Mitbürger in Lingen angeschoben hat – eingeleitet am 3. September 1984 mit ihrem Anruf bei der Stadtverwaltung: In diesem Gespräch erklärte sie, dass sie nach ihrer Kenntnis wohl die einzige überlebende Jüdin aus Lingen sei und seinerzeit in der Kaiserstraße 1 gewohnt habe. In einem Gastbeitrag für die Lingener Tagespost erinnert Alfred Storm an Ruth Foster. Storm war vor 30 Jahren Mitarbeiter im Hauptamt der Stadt Lingen und begleitete sie über Jahrzehnte.

Sie teilte ihre Adresse in London mit und fragte, ob auch in Lingen beabsichtigt sei, Gedenktafeln mit den Namen der im Dritten Reich ums Leben gekommenen jüdischen Mitbürger aufzustellen. Der damalige Oberstadtdirektor Karl-Heinz Vehring lud sie daraufhin am 3. Oktober 1984 nach Lingen ein. Bereits am 14. Oktober antwortete Ruth Foster und schickte gleich eine kleine Liste mit Namen umgekommener Lingener Juden mit. Seitens der Stadt wurden der Leiter des Bürgerbüros, Karl-Hermann Hüllsieck, und ich als Mitarbeiter des Hauptamtes beauftragt, den Verbleib der ehemaligen jüdischen Mitbürger zu ermitteln.

In enger Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Judentum-Christentum , insbesondere mit Josef Möddel, hatten auch diese fortan einen regen Brief- und Telefonkontakt mit Ruth Foster, die ihrerseits der Verwaltung ein von ihren Verwandten in Bielefeld erhaltenes Verzeichnis aus dem Jahr 1924 mit über 120 Lingener jüdischen Personen überließ. Sehr aktiv an der „Aufarbeitung der Geschichte“ war auch die Pax-Christi-Gruppe mit Annedore Jakob. Immer wieder angeregt und unterstützt durch Ruth Foster wurden anhand der alten Meldearchiv-Unterlagen Hunderte Städte im In- und Ausland, Botschaften und Israels zentrale Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem angeschrieben, um Näheres zu erfahren.

Zu einem einwöchigen Besuch wurden dann neben Ruth Foster auch die früheren jüdischen Mitbürger Herbert Joseph, Doris Lindemann und Rita van der Hoek (geb. Markreich) vom 11. bis 18. Oktober 1985 nach Lingen eingeladen. Dabei wurde auch die Art des Gedenksteines besprochen. Ruth Foster war es, die dafür sorgte, dass ihr in Bremen lebender Verwandter Samuel Berger die hebräische Inschrift für den späteren Gedenkstein bei der ehemaligen jüdischen Schule entwickelte. Auch nahm sie entsprechende Absprachen mit der jüdischen Gemeinde in Osnabrück und dem Landesrabbiner in Hannover vor.

Immer wieder gab sie auch Tipps für die Ermittlung des Schicksals weiterer früherer jüdischer Mitbürger, so teilte sie Ende 1985 die Adresse von Leonie Günther (geb. Hanauer) in New York und einige Monate später die von Bernard Grünberg in Derby mit. Ein besonderer Tag für Ruth Foster war während ihres zweiten Besuchs in Lingen der 2. November 1986: Der Gedenkstein mit den früheren jüdischen Familiennamen wurde eingeweiht – ein Herzenswunsch von ihr war damit in Erfüllung gegangen. Das kam auch in einem Brief unmittelbar nach der Rückkehr in London zum Ausdruck: „[...] nochmals vielen Dank für die Großzügigkeit und Freundschaft, die mir bei meinem Besuch entgegengebracht wurden. Und recht vielen Dank für das Denkmal, das zukünftige Generationen erinnern soll, dass es auch in Lingen Juden gab.“

Ein weiterer denkwürdiger Tag in ihrem Leben war der 13. Dezember 1993 mit ihrer Ernennung zur Lingener Ehrenbürgerin. In einer bewegenden Feierstunde sagte Ruth Foster damals in einer längeren Rede unter anderem: „Als man mir die Ehrenbürgerschaft angetragen hat, habe ich mir Gedanken gemacht, ob ich sie annehmen kann und soll, denn vor 50 Jahren wurde uns Bürgern jüdischen Glaubens die Bürgerschaft genommen. Wir wurden staatenlos und deportiert [...] jetzt bin ich nicht mehr das junge Mädchen von damals, ich bin auch nicht nur Besucher und Gast der Stadt Lingen, wie in den vergangenen Jahren, sondern wieder Bürger dieser Stadt, ja sogar Ehrenbürger. Ich nehme diese Ehre gern entgegen, aber nicht nur für mich allein, sondern für alle ehemaligen jüdischen Bürger der Stadt, deren Spuren verschollen sind.“

In Schulen berichtet

Zum Schluss ihrer Rede betonte sie: „Die Ehrenbürgerschaft fügt sich ein in Ihre Zeichen der ausgestreckten Hand, die ich gerne annehme. Es ist ein Aufruf an Sie alle und besonders an die junge Generation dieser Stadt, nie zu vergessen, was in Deutschland geschah und leider jetzt noch in der Welt vorkommt. Versöhnung durch Dialog ist möglich geworden, die Ehrenbürgerschaft ist für mich ein Zeichen der Hoffnung. Man sagt: Hoffnung lebt, wenn Menschen sich erinnern und niemals vergessen.“

Mehrfach hat Ruth Foster fortan Lingen besucht und in Schulen aus ihrem Leben berichtet. Ihr erster Schulbesuch hatte sie zu ihrem früheren Spielkameraden und Jugendfreund Bernhard Fritze geführt – der heutige Ehrenbürger der Stadt Freren war seinerzeit Leiter der Franziskus-Demann-Schule in Freren. Sie hat unzählige Briefe geschrieben und beantwortet, bis kurz vor ihrem Tod hatte sie Kontakt mit Josef Möddel. Außerordentlich gefreut hat sie sich auch über die 1988 vorgenommene Restaurierung der ehemaligen jüdischen Schule mit der Einrichtung eines Dokumentationszentrums. Fotos und persönliche Gegenstände von ihr, darunter ihre damalige KZ-Kleidung, werden sie auch an dieser Stelle nicht vergessen lassen.