Ein Artikel der Redaktion

Betreuung für behindertes Mädchen 800 Euro pro Monat für Hortplatz in Lingen

Von Ludger Jungeblut | 25.02.2017, 07:15 Uhr

Heiner und Andrea Salomon möchten, dass ihre geistig behinderte Tochter Lia weiter den Hort Trinitatis in Lingen besucht. Dafür sollen sie monatlich mehr als 800 Euro aufbringen, was sie als ungerecht empfinden.

Die siebenjährige Lia Salomon fühlt sich in der Integrationsgruppe des Horts der Trinitatiskirchengemeinde in Lingen pudelwohl. Besonders gerne tobt das temperamentvolle und fröhliche Kind auf dem Trampolin herum. Ihre Eltern Heiner und Andrea Salomon möchten, dass ihr Kind, das mit einem seltenen genetischen Defekt (Ohdo-Syndrom) zur Welt kam, auch künftig im Hort bleiben kann. Doch dafür sollen sie nach dem Willen der Stadt Lingen aufgrund der bestehenden Gesetzeslage mehr als 800 Euro pro Monat aufbringen. Das wollen sie nicht akzeptieren.

Unterstützung durch eine heilpädagogische Fachkraft

Andrea Salomon schilderte in der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses in Lingen während der Einwohnerfragestunde die Problematik. Lia besucht derzeit die Klasse 1a der Matthias-Claudius-Schule. Das geistig behinderte Mädchen hat während des Unterrichts eine Schulbegleitung an ihrer Seite. Nach dem Unterricht geht Lia in den benachbarten Hort, wo 68 Kinder in drei Gruppen (davon eine Integrationsgruppe) sowie einer Kleingruppe betreut werden. In der Integrationsgruppe wird Lia durch eine heilpädagogische Fachkraft unterstützt.

„Lia hat viele Freundschaften geschlossen“

„Wir haben uns als Eltern für dieses Schul- und Betreuungskonzept entschieden, weil Lia die ortsnahe Schule besuchen sollte, mit all ihren sozialen, natürlich gewachsenen Kontakten“, erklärt Andrea Salomon. Lia habe bereits in der Kita Trinitatis und in der Nachbarschaft viele Freundschaften geschlossen. Mit diesen Freunden besuche sie jetzt gemeinsam Schule und Hort. „Da wir als Eltern voll berufstätig sind, sind wir auf eine Betreuung in der schulfreien Zeit angewiesen, um Familie und Beruf kombinieren zu können“, sagt die 40-Jährige.

„Diese Gesetzeslücke muss dringend geschlossen werden“

Wäre die Siebenjährige ein „gesundes“ Kind, müssten die Eltern nach Angaben von Andrea Salomon für das Betreuungskonzept monatlich 280 Euro aufbringen. „Weil unser Kind im Hort aber von einer heilpädagogischen Fachkraft Unterstützung erfährt, werden uns zusätzlich 550 Euro in Rechnung gestellt. Auf diese Weise wird der Gedanke der Inklusion ad absurdum geführt“, meint die Mutter. Die Leiterin des Horts, Diana Klenner, unterstützt im Gespräch mit der Redaktion nachdrücklich das Anliegen der Eltern: „Diese Gesetzeslücke muss dringend geschlossen werden.“

Andere Regelung in der Region Hannover

Würden die Eltern von Lia in der Region Hannover leben, hätten sie nicht das Problem, wie eine Anfrage der Redaktion ergab. Eine Sprecherin betonte: „Die Region Hannover hat 2013 die grundsätzliche Entscheidung getroffen, dass der zumutbare Umfang der Eigenbeteiligung der Eltern gleichzusetzen ist mit dem gezahlten Regelhortbeitrag, so dass es darüber hinaus keine Forderungen mehr im Rahmen der Eingliederungshilfe an die Eltern gibt.“

Mädchen macht große Fortschritte

Nach den Worten von Schulbegleiterin Christine Schwindeler-Heit macht Lia inzwischen große Fortschritte in der Matthias-Claudius-Schule. „Lia ist sehr wissbegierig und kann das Ende der Pause kaum erwarten.“ Andrea Salomon wünscht sich nichts sehnlicher, als dass ihre Tochter im Lingener Hort mit seiner „optimalen Förderung“ bleiben kann.

Stadt will sich in Hannover informieren

Stadtkämmerin Monika Schwegmann und der Fachdienstleiter für Soziales, Erwin Heinen, haben in einem Gespräch mit der Redaktion angekündigt, das sich die Stadt mit der Region Hannover in Verbindung setzen wird, um zu erfahren, weshalb dort eine von der Gesetzeslage abweichende Sonderregelung möglich ist. Dies solle in Abstimmung mit dem Landkreis Emsland geschehen. Die Region Hannover sei wie die Landkreise Träger der örtlichen Sozialhilfe. „Der Landkreis Emsland hat die damit verbundenen Aufgaben im Rahmen einer Vereinbarung an die Stadt Lingen übertragen“, erläutert Schwegmann. Die Vertreter der Stadt machen deutlich, dass das Sozialgesetzbuch XII im Fall Lia vorsehe, dass die Eltern entsprechend ihrer Einkommen zu den Kosten heranzuziehen ist. Daran sei die Stadt gebunden. Zugleich äußerten sie Verständnis für den Unmut der Eltern. „Der Gesetzgeber sollte überprüfen, ob die derzeitigen Bestimmungen dem inklusiven Gedanken abträglich sind“, betont die Stadtkämmerin.