Ein Artikel der Redaktion

Besuch im Tierheim Problemfälle in Lingen: Die Tiere, die keiner haben will

Von Julia Mausch | 04.06.2017, 11:30 Uhr

Bobby kennt jeden Grashalm, jeden Stein, er kennt das Quietschen des Tores. Seit vier Jahren lebt der Jackrussel-Terrier im Tierheim Ein paar Mal hatte er eine neue Familie gefunden – und immer wieder wurde er zurückgegeben. Zurück zu seinen Artgenossen, die auch kein neues Zuhause finden. Diagnose: kaum vermittelbar.

Drei Akten liegen vor Sonja Rolfes. Konzentriert blättert die stellvertretende Vorsitzende des Tierheims die Seiten durch, zählt leise vor sich hin. „132 Tiere haben wir derzeit“, sagt sie und listet auf: 27 Hunde, 85 Katzen und 19 Kleintiere, egal, ob Kaninchen, Meerschweinchen, Schildkröten oder Bartagamen.

  

Während sie das sagt, schlängelt sich ein brauner Kater an ihren Beinen entlang, schrubbt mit seinem Kopf am Hosenbein entlang – solange bis Rolfes ihn streichelt. „Das ist unser Neuzugang“ sagt sie und schaut Pepino an. Pepino ist erst seit ein paar Wochen im Tierheim, zuvor nannte er die Lingener Innenstadt sein Zuhause. Bei den Geschäftsleuten ist der Kater bekannt, auch in den Lingener Gruppen in den sozialen Netzwerken. Ein Dutzend Fotos sind da von ihm zu finden. Sie zeigen, wie Pepino auf einer Bank in der Sonne liegt oder durch die Marienstraße streift. Doch dann zog ein anderer Kater in die Stadt. „Er war jünger und kräftiger als Pepino“, sagt Rolfes. Es kam zum Streit, Pepino wurde verletzt, jetzt ist er der Bürotiger des Tierheims – Lingener Innenstadt, adé.

Nun lebt der Vierbeiner mit Artgenossen zusammen. Genauer gesagt: im Tierheim Lingen. Dort sind neben dem Ex-Macho 84 weitere Stubentiger untergebracht. Manche bleiben ein paar Tage, andere ein paar Monate, ja sogar Jahre. Je nachdem, aus welchen Verhältnissen sie stammen. Während manche von ihnen nachts heimlich an den Zaun des Tierheims gebunden wurden, wurden andere von ihren Besitzern direkt gebracht, dann lauteten die Gründe: Trennung vom Partner, Krankheit oder Überforderung mit dem Tier. Laut Rolfes kommt es aber auch immer wieder zu Tierschutzfällen. Tiere, die zwar ein Zuhause haben, das aber nicht geeignet ist, sie einsam und verwahrlost sind und im schlimmsten Fall misshandelt werden. Jährlich werden 80 solcher Fälle gemeldet.

  

Bei Staubsaugern fängt Bobby an zu zittern

Schläge und Tritte, die Spuren bei den Tieren hinterlassen – auch noch Jahre später. Aus solchen Verhältnissen stammt vermutlich auch Jackrussel-Terrier Bobby. Seit vier Jahren ist der 13-jährige Rüde im Tierheim untergebracht, war zuvor schon im Tierheim Schwartenpohl. Zwei, drei Mal ist Bobby bereits vermittelt worden, wurde aber immer wieder zurückgebracht. Bobby mag keine Staubsauger oder Wischer. „Dann fängt er an zu zittern“, sagt eine Tierheimmitarbeiterin. Es könnte ein Zeichen dafür sein, dass er damals schlechte Erfahrungen mit den Geräten gemacht hat. Auch mag er nicht angefasst werden, und ab und an beißt er auch, das laut Rolfes in den meisten Fällen bei Tieren ein Zeichen von Angst ist.

Noch panischer ist Zwinger-Nachbarin Sparky, ein mittelgroßer Mischling. Die Hundedame aus Rumänien legt den Schwanz und die Ohren an, fängt an zu zittern, nähert man sich ihr. Sobald ein Fenster oder eine Tür offen ist, springt sie raus und flüchtet. „Sie dann wieder einzufangen, ist nahezu unmöglich“, sagt Sonja Rolfes. Warum Sparky sich so verhält, ist unklar, eines steht aber fest: Sie zu vermitteln, wird schwierig sein.

Gassigehen im Lookentor

Aufgeben wollen die Tierheim-Mitarbeiter nicht und haben sich vor geraumer Zeit professionelle Hilfe besorgt. Die Gruppe „GassigeherPlus“. Ehrenamtliche kommen ein Mal die Woche ins Tierheim, gehen mit den Vierbeinern spazieren. Ob im Wald oder im Lookentor. Sie gewöhnen die Hunde an Situationen, mit denen sie zuvor nicht zurechtkamen. Sozialisieren sie. Und bauen – wie in Sparkys Fall – Vertrauen auf. (Weiterlesen: Gassigehen im Lookentor in Lingen) 

  

700 Tiere werden jedes Jahr vermittelt

Obwohl Fälle wie Bobby oder Sparky kleinere Chance haben, vermittelt zu werden, ist die Zahl derer, die neue Besitzer finden, hoch. 700 Tiere finden in Lingen jedes Jahr ein neues Zuhause – ob im Emsland, Österreich, Hamburg oder im Schwabenland. Ein besseres Zuhause, als sie zuvor hatten. Wie in Falkos Fall. Der Schäferhund wurde laut Rolfes zehn Jahre in einem Zwinger gehalten, hatte Zahnprobleme, die nicht behandelt wurden. Er hatte eine Zahnfistel und später sogar eine klaffende Wunde an der Schnauze. Mehrmals mussten die Tierheimmitarbeiter den Rüden zum Tierarzt bringen. Mittlerweile hat er zwar eine neue Besitzerin, die Kosten, die auf das Tierheim durch die Arztbesuche zukamen, waren hoch.

Kriminelle Tierhändler abschrecken

„Eine Tier-Operation kann 1000 Euro kosten“, erklärt Sonja Rolfes. Hinzu kommen Personal- und Futterkosten, Hunde müssen gechipt, entwurmt und geimpft werden, Katzen kastriert werden. „Allein die Kastration einer Katze kostet 90 Euro, die Behandlung eines komplizierten Beinbruchs über 500 Euro.“

Hinzu kommen Hygienevorschriften, die das Tierheim einhalten muss. Ein Zwinger muss komplett gereinigt werden – auch wenn der Hund nur mal kurz von Zuhause ausgebüchst, im Tierheim abgegeben wurde und sich dort lediglich eine Stunde aufgehalten hat. Um die Kosten zu decken, gibt es deswegen eine Schutzgebühr. Die Gebühr hilft auch, kriminelle Tierhändler abzuschrecken und vielleicht auch dabei, dass nur Menschen Geld ausgeben, die sich bewusst sind, dass sie ein Lebewesen bei sich aufnehmen.