Ein Artikel der Redaktion

Ausverkauftes Konzert im Theater Stehende Ovationen für Reinhard Mey in Lingen

19.09.2011, 06:18 Uhr

Drei Jahre pausierte Reinhard Mey, aber jetzt geht es nicht mehr, er kann nicht mehr ohne. „Gib mir Musik“ hieß auch das erste Lied von ihm am Samstagabend im Theater an der Wilhelmshöhe. Es sollten 120 kurzweilige, anregende, humorvolle und oft nachdenklich machende Minuten mit einem der größten deutschen Liedermacher aller Zeiten werden.

In einem der letzten Lieder im Programm auf seiner „Mairegen-Tour forderte er dann vehement die „Musikpolizei“, die einschreiten soll, wenn es mal wieder irgendwo schlechte, nervende, oberflächliche Musik gibt. Zwischen diesen beiden Titeln trug Reinhard Mey fast zwei Stunden lang genau das Gegenteil davon vor. Überwiegend Lieder neueren Datums, Poetisches und Politisches, Liebliches und Liederliches. Nach elf Jahren trat die Liedermacher-Legende wieder im ausverkauften Theater an der Wilhelmshöhe auf. Fazit des Abends: Bei seinen Liedern braucht die Musikpolizei nicht einzuschreiten. Sie sind nach wie vor von höchster Qualität und begeistern nach wie vor die Menschen.

Reinhard Mey muss wieder raus auf die Bühne. Er will wieder auf Tournee gehen. Dieser Auftritt sollte eine Art Generalprobe für seine bevorstehende Tournee sein, die unter dem Titel „Mairegen“ steht. Doch erst einmal erinnerte sich der gebürtige Berliner an sein letztes Gastspiel in der Stadt. „Ich komme mir jetzt genauso vor wie vor elf Jahren kurz vor den Zugaben.“ Und später versprach er den Zuhörern dann, dass sie nicht noch mal elf Jahre auf ihn warten müssen.

Dafür gab es spontanen Beifall vom Publikum. Dieses bekam, wie gesagt, wenig Altes („Herbstgewitter über Dächern“ von 1972 zum Beispiel) und viel Neues vorgesetzt wie das nachdenklich-traurige Titellied seiner aktuellen CD „Mairegen“, das er seinem schwer kranken Sohn Max widmete.

Auch „Ich bin“ ist eher tiefgründig, deutet aber schon an, dass er trotz des Schicksalsschlages seinen Humor nicht verloren hat, und vor allem auch, dass er lebensbejahend und mit Leib und Seele Familienmensch ist.

Nichts ist vergebens

In dem Lied heißt es: „Manchmal frag ich mich nach dem Sinn des Lebens, ist das ganze Gewusel nicht vergebens?“ Natürlich nicht, so ist seine eigene Antwort, denn für jeden gebe es einen guten Grund, auf der Welt zu sein. Zum Beispiel sei er Nasenspray-in-Kindernasen-Tropfer, Trostpflasteraufkleber oder auch Mit-zum-Zahnarzt-Geher und vieles mehr.

Humor in Perfektion zeigt Reinhard Mey dann in dem Lied „Männer im Baumarkt“, in dem es um den männlichen Basteltrieb und Kabelbinder und Winkelschleifervorsatzteller geht. Am Ende wandelt er den Text seines großen Hits „Über den Wolken“ dann ab in „Im Baumarkt muss die Freiheit wohl grenzenlos sein, alle Nägel, alle Schrauben – sagt man –, man muss nur ganz fest dran glauben, und dann würde, was uns klein und wacklig erscheint, riesengroß und bricht ein.“

Dann kommt dem Troubadour noch in Liedform die Erkenntnis: „Selig sind die Verrückten“ mit dem Bekenntnis „Ich bin auch einer“. Ernster wird er dann wieder mit dem Gedicht „Bedenkt“ von Hans-Dieter Hüsch.

Als Reinhard Mey zum Schluss minutenlangen, tosenden Beifall bekam, der in Ovationen im Stehen überging, muss der mittlerweile 68-Jährige gefühlsmäßig „Über den Wolken“ geschwebt haben, auch wenn er das Lied an diesem Abend gar nicht spielte.