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Aus dem Lukasevangelium Lingenerin schreibt die Weihnachtsgeschichte auf eine Kugel

Von Eva Maria Riedel, Eva-Maria Riedel | 24.12.2016, 19:30 Uhr

Die 85-jährige ehemalige Lingener Geschäftsfrau Ursula Karnbrock beschriftet in der Vorweihnachtszeit Weihnachtskugeln per Hand mit dem Lukasevangelium.

Kommt die Welt einmal zur Ruhe, wird irgendwann Stille herrschen und Frieden sein? Spontan lautet die Antwort „Nein“. Doch einmal im Jahr ändert sich das, erleben Völker eine große Gemeinsamkeit. Es ist die Weihnachtsbotschaft am Heiligen Abend, die Sorgen in Hoffnung verwandelt, Mut macht und soziale Schichten wenigstens für ein paar Stunden vereint. Solch einen Moment durchlebt die 85-jährige Ursula Karnbrock aus Lingen bereits in der Adventszeit, wenn die quirlige jung gebliebene Dame sich zurückzieht und Kunststoffkugeln mit der Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium beschriftet.

Aus dem Lukasevangelium

Sie braucht dafür nicht viel, nur einen wasserfesten, feinen Stift. „Ich habe auch schon einmal Glaskugeln verwendet, aber wenn sie zu Boden fallen, dann ist die ganze Mühe umsonst“, sagt Ursula Karnbrock, lehnt sich in ihren Sessel, rückt das Licht zurecht und fängt an, mit akribisch schöner Schrift eine Kugel zu beschriften.

Zwei Stunden pro Kugel

Gut zwei Stunden braucht sie für ein Exemplar. „Es ist mir egal, wie lange das dauert“, meint sie. Die Weihnachtsgeschichte stehe ihrem Herzen sehr nahe und sie freue sich darüber, wenn sie daran denke, dass am Heiligen Abend auch ihre von Hand beschriebenen Kugeln die Tannenbäume verzieren würden, oder sogar einen Ehrenplatz bekämen, der für die Weihnachtgeschichte ja angemessen sei, gesteht sie.

Zur inneren Ruhe kommen

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde ...“ ist bereits zu lesen. In der linken Hand hält Ursula Karnbrock die Kugel und reiht so Wort für Wort aneinander. „Normalerweise schaut mir niemand dabei zu. Ich arbeite gerne alleine, höre Weihnachtsmusik und komme so auch innerlich zur Ruhe“, verrät sie.

Für wohltätige Zwecke

Eine Akkordarbeit sei das natürlich nicht, stellt sie fest. Die meisten Kugeln beschrifte sie für Adventsbasare, und der Erlös ihrer Arbeit sei stets für einen wohltätigen Zweck gedacht. Natürlich freue sie sich auch, wenn Leute an sie herantreten würden, um bei ihr eine Kugel zu bestellen. „Schön ist, dass es immer wieder Nachfragen gibt. Es macht mich glücklich, dass ich dies in meinem hohen Alter noch hinbekomme, so eine ruhige Hand und die nötige Konzentration habe“, meint sie lächelnd.

Künstlerische Arbeit

Diese künstlerische Arbeit kommt allerdings auch ihrer Veranlagung entgegen. Alt eingesessene Lingener kennen Ursula Karnbrock, die 1958 gemeinsam mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann begonnen hatte, sich in Lingen selbstständig zu machen. Was damals mit Farben, Tapeten und Bastelartikeln begann, veränderte sich mehr und mehr zu einem Geschäfte für Wohndesign. Bilder unterschiedlicher Stilrichtungen, Rahmen und viele geschmackvolle Accessoires waren im Hause Karnbrock zu entdecken. „Ja, wir haben viel gearbeitet, mein Mann und ich. Aber wer in der Zeit von 1958 bis 1970 nichts auf die Beine stellen konnte als Unternehmer, der hat irgendetwas falsch gemacht“, bemerkt die ehemalige Geschäftsfrau.

Begabung zur Malerei

Erst im Jahr 2000 hat sie sich zur Ruhe gesetzt. In dieser neuen Lebensphase kann Ursula Karnbrock, befreit von ihren geschäftliche Aktivitäten, ihrer Kreativität freien Lauf lassen, deren Ursprung insbesondere in ihrer Jugend, in ihrem Elternhaus zu finden ist. „Die Begabung zur Malerei haben wir von unserer Mutter geerbt“, erzählt sie, wobei einer ihrer Bruder später sogar Kunstmaler wurde. Auch sie habe schon immer gerne gemalt und geschrieben.

Handgeschriebener Weihnachtsgruß

„Ich liebe es nach wie vor, Briefe und Gedichte per Hand zu schreiben“, sagt sie. Die Nutzung eines Computers sei an ihr vorbeigegangen, gibt die Seniorin zu. „Ich bevorzuge es, stattdessen zur Feder zu greifen. Heute weiß ich, wie viele Leute sich freuen, anstelle einer E-Mail einen handgeschriebenen Weihnachtsgruß von mir zu bekommen.“

Stunden der Muße

Neben den vielen kulturellen Ereignissen, die Lingen zu bieten hat, genießt Ursula Karnbrock aber auch die Stunden der Muße. „Das Beschriften von Weihnachtskugeln ist für mich eine wunderbare Vorbereitung auf ein Weihnachtsfest ganz ohne Hektik. Die Feiertage verbringe ich wechselweise bei meinen Kindern in Köln oder in Berlin. Und auf was ich mich ganz besonders freue, das sind meine Enkelkinder“, sagt sie lachend und wünscht allen gesegnete Feiertage.