Ein Artikel der Redaktion

Arbeit im Maximilian-Kolbe-Werk Übersetzerin mit polnischen KZ-Überlebenden in Lingen

10.07.2014, 12:27 Uhr

Marianne Drechsel-Gillner begleitet seit acht Jahren als ehrenamtliche Übersetzerin für das Maximilian-Kolbe-Werk ehemalige KZ-Häftlinge aus Polen bei Reisen durch Deutschland. Sie wurde in Hindenburg O/S, heute Zabrze, geboren und wuchs zweisprachig auf. Ihre Familie zog mit der Spätaussiedlerwelle 1958 nach Deutschland.Drechsel-Gillner studierte Architektur in Karlsruhe. Die Diplomingenieurin lebt heute in Hannover. Schon früh hatte sie durch Erfahrungen in ihrer Heimat den Wunsch, zur Aussöhnung zwischen Deutschland und Polen beizutragen.

Was geht Ihnen bei den Übersetzungen besonders nahe?

Es gibt viele emotionale Momente. Ich erinnere mich an eine Situation vor einer Gruppe in Lingen. Eine Frau erzählte, wie sie als Kind in Auschwitz von ihren Eltern getrennt wurde. Sie waren sich bewusst, dass sie getötet werden sollten. Da hat sie ein kleines Mädchen gesehen, dass ihr leidtat. Das hat mich sehr berührt, denn sie hatte Mitleid, obwohl sie selbst bedroht war.

Gab es Momente, in denen Sie Erzähltes nicht übersetzten konnten?

Es gab eine sehr drastische Schilderung eines Zeitzeugen vor einer Gruppe Kinder. Ich sagte ihm, dass er sich überlegen muss, ob ich es wirklich so übersetzen soll, wie er es gesagt hat. In der Regel erlebe ich die Zeitzeugen aber als sehr einfühlsam. Sie wollen die Zuhörer nicht belasten, sondern zum Nachdenken bringen.

Was ist für Sie das Besondere an der Arbeit mit Zeitzeugen?

Ich habe von ihnen gelernt, dass man den Wert des Lebens nicht hoch genug schätzen kann. Sie berichten, wie sie an der Grenze des Lebens waren. Und wenn man sie sieht, ahnt man nicht, was sie erlebt haben. Die Menschen so froh beieinanderzusehen, macht mich unglaublich glücklich.

Wie verarbeiten Sie die Erzählungen der Zeitzeugen?

Für eine frühere ehrenamtliche Tätigkeit habe ich gelernt, mit schwierigen Dingen umzugehen. Außerdem eignet sich jeder Mensch im Laufe des Lebens Verarbeitungsmechanismen an. Auch die Beschäftigung mit Kunst und Natur helfen mir. Ich sage mir, dass ich diese Sachen, die diese Menschen erleben mussten „nur“ höre. Das Wichtigste ist aber, dass jede Begegnung mit einem Zeitzeugen für mich ein Sieg über den Totalitarismus ist. Sie waren zum Tode verurteilt, aber haben dem System einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie leben und sind frei.

Wie sind die Reaktionen der Zuhörer?

Die meisten hören gespannt bis zum Ende zu und manche schaffen es dann sogar noch, Fragen zu stellen. Das bewundere ich. Als ich diese Berichte das erste Mal hörte, konnte ich es nicht fassen. Ich habe mich gefragt, ob ich das wirklich gehört habe, und konnte erst einmal nicht reagieren.

Wie kamen Sie um Maximilian-Kolbe-Werk?

In den neunziger Jahren habe ich einen Bericht darüber im Fernsehen gesehen. Da habe ich mir gedacht, das sei für mich das Richtige, um etwas für ein besseres Verhältnis zwischen Deutschen und Polen zu tun. Damals war ich allerdings noch durch die Familie gebunden. Ende des Jahres 2006 habe ich mich dann beim Maximilian-Kolbe-Werk gemeldet.

Wie sieht ihre Arbeit dort aus?

Ich übersetze für die Gäste und begleite sie. Das heißt, ich bin meistens die erste Ansprechpartnerin. Die Gäste hier sind oft kleinere Gruppen aus Polen, aber ich begleite auch Gruppen aus Weißrussland oder der Ukraine. Für die Zeitzeugen ist es wichtig, dass eine bekannte Person bei ihnen ist, denn es kann ein unangenehmes Gefühl aufkommen, wenn sie vor einer fremden Gruppe sehr persönliche Dinge erzählen. Außerdem helfe ich bei den jährlichen Feiern zur Befreiung des ehemaligen Lagers Ravensbrück.

Was macht das Maximilian-Kolbe-Werk für Sie aus?

An der Gründung waren mehrere Leute beteiligt. Der Hauptinitiator Alfons Erb wollte die Aussöhnung mit Polen in die Wege leiten. Es herrschte noch der Kalte Krieg. Die Bandbreite der Hilfe ist groß. Zunächst ging es um materielle Hilfe, dann um persönliche Kontaktaufnahme, es folgten Erholungs- und Kennenlernaufenthalte, mittlerweile stehen einerseits Zeitzeugengespräche und andererseits Sanatoriumsaufenthalte sowie medizinisch-soziale Hilfe und Krankenbesuche vor Ort im Vordergrund. Unter den Betroffenen entwickeln sich Freundschaften, und bei den Zeitzeugengesprächen vermitteln sie den Zuhörern Mut. Sie zeigen, dass ein gutes Leben auch nach so viel Leid möglich sein kann.