Figurentheater in Lingen „Der Fall Hamlet“ zum wird Theaterabend der Sonderklasse

Elisabeth Tondera

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Hamlet mit Totenschädel und Joint: Pierre Schäfer und Veronika Thieme bescherten den Zuschauern im Professorenhaus mit „Der Fall Hamlet“ einen Theaterabend der Sonderklasse. Foto: Elisabeth TonderaHamlet mit Totenschädel und Joint: Pierre Schäfer und Veronika Thieme bescherten den Zuschauern im Professorenhaus mit „Der Fall Hamlet“ einen Theaterabend der Sonderklasse. Foto: Elisabeth Tondera

to Lingen. Was für ein Theater! „Der Fall Hamlet“ von und mit Pierre Schäfer und Veronika Thieme hat das Publikum im voll besetzten Professorenhaus zu Beifallsstürmen hingerissen.

Die außergewöhnliche Interpretation des Dramas von William Shakespeare ist ein erfrischendes Beispiel dafür, was Theater bieten kann: beste Unterhaltung auf hohem Niveau, Puppenspiel und schauspielerische Leistung erster Klasse, schlichtes, wandlungsfähiges Bühnenbild, kurz: ein unbeschwertes Theatervergnügen, das nicht so schnell vergessen wird.

Ein Haufen Leichen

Shakespeares Tragödien enden immer mit einem Haufen Leichen. Pierre Schäfer und Veronika Thieme rollen in ihrer Produktion die Geschichte von hinten auf. Zwei Totengräber enthüllen mehrere Leichen. „Da liegen sie, die Hamlets“, sagt einer von ihnen pathetisch.

Während die Totengräber versuchen, die Leichen zu identifizieren, erwachen diese zum Leben. Welche von ihnen ist Hamlet? Als eine der wiederauferstandenen Figuren kurz am Joint zieht, stellt einer der Totengräber lakonisch fest: „Das ist er.“

Hamlet als bekiffter Jüngling

Hamlet als bekiffter Jüngling in romantischer Werther-Pose? Lustvoll und unkonventionell spielen Schäfer und Thieme mit Hamlet-Klischees und den Erwartungshaltungen des Publikums. Da fehlen weder der Totenschädel noch die schwarze Kluft des melancholischen Jünglings, weder „Sein oder nicht Sein“ noch „Der Rest ist Schweigen“. All das ist eingebettet in ein Spiel, das dem Handlungsverlauf der shakespeareschen Vorlage folgt, aber jede Menge irritierend-komische Unterbrechungen und Wandlungen enthält. Da wird Gewohntes auf den Kopf gestellt, wenn die Leichen eben schon am Anfang auf der Bühne liegen, wenn Hamlets Freund Horatio als feuriger Italiener oder Ophelia als eine zickige Göre auftritt und Hamlets Mutter ihren frisch angetrauten Mann immer wieder daran erinnert, er solle endlich die Hosen anziehen.

Publikum gefesselt

Es ist ein Stück kräftiges Theater in bester Shakespeare-Tradition. Dessen Stücke sind für die Volksbühne geschaffen und ihr Hauptziel ist die Publikumswirksamkeit. Schäfer und Thieme schaffen es, die Zuschauer von Anfang an in den Bann des Spiels zu ziehen. Sie agieren als Puppenspieler und als Figuren auf offener Bühne, wobei sie oft übergangslos von einer Ebene zur anderen wechseln, sie gestalten ihr furioses Spiel ohne technische Hilfsmittel kraft ihrer körperlichen, stimmlichen und mimischen Präsenz und der lebendigen Figurenführung. Jedes Mittel zur Erzeugung der nötigen Wirkung ist recht; da fliegen die Puppen auch schon mal durch die Luft, oder die beiden Totengräber streiten darüber, wie es weitergehen soll.

Ernst und Klamauk

Sprühende Lebendigkeit, ausdrucksstarkes Spiel, tragisch-komische, in ihrer Eigenart überzeugend dargestellte Charaktere, Dramatik, Ernst und Klamauk, die Mischung aus Originalsprache und erfrischend komischen modernen Dialogen kennzeichnen diese Produktion, die das Geschehen um den dänischen Prinzen wirkungsvoll präsentiert. Rasant, intelligent und kurzweilig ist dieser „Fall Hamlet“, ein Theaterabend der Sonderklasse.


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