333 Sänger aus der Region Pop-Oratorium füllt die Lingener Emslandarena

Von Sebastian von Melle


Lingen. „L-U-T-H-E-R. L-U-T-H-E-R.“ Wie beim Thesenanschlag hämmerte sich der Name des Reformators in die Ohren des Publikums, das zum Pop-Oratorium „Luther“ in die fast ausverkaufte Emslandarena in Lingen geströmt war. Dort bekam es eine gewaltige, unterhaltsame, aber auch ein wenig simple Show präsentiert.

Es ist schon beeindruckend, dass ein religiöses Musical mehr als ein Jahr lang sowohl die großen Hallen als auch die kleinen Kirchen der Republik zu füllen vermag. Nach Dortmund, Hannover, Stuttgart, Hamburg, München, Berlin nun also: Lingen. 333 Frauen und Männer aus der Region waren auserwählt, in 20 Liedern aus der Feder von Michael Kunze und Dieter Falk das Leben des kultigen Kirchenrebellen Martin Luther singend zu erzählen.

Choreinstudierung an verschiedenen Orten

Stolz drängten sie sich in Schwarz-Weiß mit der roten Chorpartitur auf den etwas zu kleinen Podesten und vertrauten sich der souveränen Leitung des von der Freilichtbühne Meppen bekannten Dirigenten Jason Weaver an, der seit Ostern auch die Choreinstudierung in Meppen übernommen hatte. Weitere Proben wurden geleitet von Stephan Braun (Calvinova Nordhorn), Gaby Jansen (Beestener Schola), Wilfried Hagemann (Gospelchor Sustrum-Moor) und Stefanie Wendt (Jesus-Heart-Chor Lengerich).

Enthusiastisch und gut vorbereitet

Bei so vielen Mitwirkenden gab es reichlich Unterstützer im Saal, als hätte Luther zum Familientreffen geladen. Wäre der Platz nicht begrenzt gewesen, hätten wohl noch mehr mitgesungen. Leider war der Chor sehr flach auf der etwas langweilig gestalteten Bühne platziert, sodass nur die erste Reihe gut sichtbar war. Dennoch waren die Sängerinnen und Sänger enthusiastisch und gut vorbereitet dabei und unterstrichen mit kleinen Choreografien den ohnehin leicht zu verstehenden Text. Ihre Leistung an diesem Abend wurde von zahlreichen Besuchern mit großer Anerkennung gewürdigt.

Unfehlbare Musik vom Band

Weaver wäre sicher auch mit Band und Orchester gut klar gekommen, doch die nicht optimal ausgesteuerte Musik kam zur großen Überraschung vom Band. Ein Dutzend modern gekleideter Solisten schlüpfte mit sparsam eingesetzten Requisiten in verschiedene Rollen und verfolgte den Weg des von Chris Murray verkörperten Helden von seinem Elternhaus über die Verteidigung vor dem Wormser Reichstag bis zur Eremitage als Junker Jörg in der Wartburg bei Eisenach.

Weniger ist mehr

Luthers Gegenspieler Kaiser Karl kam als schwacher Narzisst (gespielt von Florian Albers) daher, Unterstützung fand er bei Freundin Lara (Janina Niehus). Für dämonische Ausstrahlung sorgte der rot gekleidete Dominikanerpater Faber (Christian Schöne), und Bruno Grassini ließ als Ablassprediger in Bankerkluft jeden Mafioso alt aussehen. Beo Yalcin bewegte sich mit unüberhörbarer Stimme vom Zweifel zur Begeisterung. Weniger wäre mehr gewesen.

Vereinfachung der Sprache

Die Bedeutung der Medienrevolution durch die Erfindung des Buchdrucks veranschaulichte der Chor durch das Hochhalten der Noten. Nach einigen Wiederholungen hatten auch ungeschulte Ohren die manchmal als Klatschmarsch gestalteten Songs auswendig gespeichert. Luthers Beitrag zur Entwicklung der Sprache ist immens, und gerade deshalb schmerzte ihre Vereinfachung und penetrante Repetition in diesem Stück.

„Der erste Punker Deutschlands“

„Lasst uns mutig und wahrhaftig sein“, sang der Chor, und „Wir sind Gottes Kinder, wo auch immer, keiner ist allein“. Man muss „Luther“ nicht verreißen wie der Rezensent der Tageszeitung „Die Welt“ nach dem „Fest der 1000 Stimmen“ am Reformationstag im ZDF („Würgereiz nach scientologyesker Party in süßlichster Popsauce“). Man muss auch nicht wie Jan Böhmermann („Neo Magazin Royale“) die „gänzlich unkritische Würdigung“ des „ersten Punkers Deutschlands, des Campino des Mittelalters“ gegen den Strich bürsten und sich auf dessen antisemitische und frauen- und ausländerfeindliche Kommentare fixieren. Ob es aber mit einem Heldenepos auf den einstigen Mönch, der „ziemlich coolen Socke“, so Reformationsbotschafter Eckart von Hirschhausen im ZDF, getan ist, und ob seine Hauptaussage darin bestand, selber denken zu wollen, mögen die Theologen beurteilen, die sowohl im Chor als auch im Saal anwesend waren.

Salopp und gewöhnungsbedürftig

Oder das ältere Ehepaar aus Bawinkel, das die moderne Inszenierung als „etwas salopp und gewöhnungsbedürftig, aber nicht schlecht“ beurteilte. Nach stehendem Applaus und einer Zugabe ging es mit Luther-Ohrwürmern in die Nacht.

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