130 „aktive“ Nachbarn Zettel in Lingener Briefkästen: Was hat es mit nebenan.de auf sich?

Lingener haben in den vergangenen Wochen Zettel in Briefkasten gefunden, die auf die Internetplattform nebenan.de verweisen. Foto: Julia MauschLingener haben in den vergangenen Wochen Zettel in Briefkasten gefunden, die auf die Internetplattform nebenan.de verweisen. Foto: Julia Mausch

Lingen. „Hallo liebe Nachbarn in der Altstadt“ – so oder so ähnlich werden die Lingener auf Handzetteln angesprochen, die in den vergangenen Tagen in vielen Briefkästen lagen. Sie stammen von der Internetplattform nebenan.de. Was hat es damit auf sich?

Während des Urlaubs müssen daheim die Blumen gegossen werden, zum Backen fehlen plötzlich die Eier, doch die Supermärkte haben zu. Oder ein wichtiges Paket soll geliefert werden, doch man selbst ist nicht in der Nähe der eigenen vier Wände. Es gibt Gelegenheiten genug, in denen man auf die Hilfe der Nachbarn angewiesen ist. Doch gerade Zugezogene kennen meist nur einen Bruchteil der Nachbarschaft.

Eine Hilfe bietet da das Berliner Start-up-Unternehmen nebenan.de. Das Online-Portal wurde im Januar 2016 gegründet, arbeitet unter anderem mit dem Deutsche Städte- und Gemeindebund zusammen. Ausschließlich Nachbarn eines Stadtteils oder sonstigen begrenzten Gebiets können dort zueinanderfinden, sich kennenlernen, gemeinsame Dinge unternehmen und sich aushelfen.

Zettel wirken persönlich

Wer sich auf der Plattform registriert hat, kann weitere Nachbarn einladen. Die Zettel, die viele Lingener in ihrem Briefkasten vorfanden, wirken persönlich und beginnen beispielsweise mit „Hallo liebe Nachbarn in der Altstadt, wir würden uns freuen, mehr mit euch in Kontakt zu treten“. Die Nachricht endet mit „Wir freuen uns auf Zuwachs im Viertel! Till Behnke und Ina Brunk“.

Andere Zettel, zum Beispiel in Altenlingen, enden noch persönlicher. Dort steht: „Eure Nachbarinnen XY aus der Straße In den Sandbergen und XY aus dem Erlenweg“. Die Namen sind nicht fiktiv, es gebe die Damen wirklich, betont Christian Vollmann im Gespräch mit unserer Redaktion. Vollmann hat zusammen mit Till Behnke die Internetplattform gegründet.

Vorlage für Einladungen auswählen

Seiner Aussage nach kann jeder registrierte Nachbar sich eine Vorlage für eine Einladung als PDF herunterladen. Das Startup-Unternehmen ist dann für den Druck und die Verteilung der Einladungen in der gewünschten Nachbarschaft zuständig. Dabei muss eine Nachbarschaft aber eine gewisse Größenordnung aufweisen. Wenn diese nur drei oder vier Haushalte aufweist, werden dort keine Einladungen verteilt. Registrierte Nachbarn können ferner per E-Mail und Link andere einladen.

„Personenbezogene Informationen werden nicht verkauft“

Die Handzettel in den Briefkästen waren nicht bei allen Lingenern gut angekommen. Sorge machte sich breit, dass die eigenen Daten womöglich vermarktet werden. Personenbezogene Informationen würden niemals an Werbetreibende und an Dritte weitergegeben werden oder gar verkauft, beton Vollmann. „Wir sind ein deutsches Unternehmen, haben uns freiwillig vom TÜV prüfen lassen und halten uns auch an das Deutsche Datenschutzgesetz“, sagt er. Würden Daten verkauft werden, würde sich das Unternehmen strafbar machen. Das Angebot ist kostenlos und bleibt auch kostenlos, betont Christian Vollmann.

Doch womit verdient das Unternehmen nun Geld? Vollmann: „Das Unternehmen ist Wagniskapital finanziert.“ Bedeutet: nebenan.de finanziert sich zum einen durch aufgenommenes Kapital, zum anderen hat die Plattform einen Investor – der Medienkonzern Hubert Burda Media, der unter anderem die Magazine „Focus“ und „Bunte“ verlegt.

Werbepartner gesucht

Künftig will die Plattform Gewerbetreibende einbinden, in etwa zwölf bis 18 Monaten. Die Werbung soll laut Vollmann aus dem lokalen Einzelhandel stammen, von der Gastronomie vor Ort, von Dienstleistern. Die Werbung sei auch nicht wie bei Facebook und Co. personalisiert. Das würde auch nicht gehen, sagt Vollmann. Denn bei nebenan.de müssten User nur den Namen, die Adresse und die E-Mail-Adresse angeben. Die Eingabe von Geburtstag oder andere Daten seien nicht notwendig. Daten, die für eine personalisierte Werbung notwendig sind.

Rund 130 „aktive“ Nachbarn in Lingen und Umgebung

Zehn Gebiete in Lingen mit rund 130 „aktiven“ Nachbarn sind derzeit bei nebenan.de gelistet (Stand: 3. November 2017): Brögbern (8 Nachbarn, aktiv seit dem 1. November 2017), Altenlingen (15 Nachbarn, aktiv seit dem 17. Oktober 2017), Reuschberge (28 Nachbarn, aktiv seit dem 17. Oktober 2017), Altstadt Lingen (23 Nachbarn, aktiv seit dem 17. Oktober 2017), Schepsdorf (12 Nachbarn, aktiv seit dem 17. Oktober 2017), Biene/Holthausen (4 Nachbarn, aktiv seit dem 1. November 2017), Laxten-West (20 Nachbarn, aktiv seit dem 17. Oktober 2017), Bramsche (13 Nachbarn, aktiv seit dem 17. Oktober 2017), Darme (16 Nachbarn, aktiv seit dem 2. November 2017) und Heukamps-Tannen (6 Nachbarn, aktiv seit dem 2. November 2017).

Kooperationspartner: Innenministerium

Wozu nebenan.de, wenn es Facebook mitsamt vieler lokale Gruppen gibt? Vollmann: „Wir wollen mit der Plattform den nachbarschaftlichen Zusammenhalt fördern“, sagt er. Die Vision sei eine Gesellschaft, in der sich jeder Mensch in seinem lokalen Umfeld zu Hause fühlt und seine Potenziale aktiv in die lokale Gemeinschaft einbringen kann. Aus diesem Grund haben die Gründer eine nebenan.de-Stiftung gegründet und arbeiten mit Kooperationspartnern wie dem Innenministerium, der Diakonie oder dem Deutschen Städte- und Gemeindebund zusammen. 2017 wurde zum ersten Mal der Deutsche Nachbarschaftspreis vergeben, überreicht von Innenminister Thomas de Maizière.


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