Schnell Heimatgefühl entwickeln Prof. Yamamoto aus Japan schaut auf das Emsland

Wirtschaftsgeograf Kenji Yamamoto bereist das Emsland. Foto: Christiane AdamWirtschaftsgeograf Kenji Yamamoto bereist das Emsland. Foto: Christiane Adam

Lingen. Der japanische Wirtschaftsgeograf Kenji Yamamoto bereist das Emsland. Dessen Erfolgsgeschichte möchte er auf seine Heimat übertragen.

Professor Yamamoto, warum nehmen Sie bereits zum vierten Mal eine so lange Reise auf sich, um von Japan aus das Emsland zu besuchen?

Ich interessiere mich für die Entwicklung in ländlichen Räumen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mir ist aufgefallen, dass in diesen Ländern die mittelständische Industrie sehr stark ist. Angesichts der Globalisierung heißt es sehr oft, nur die Metropolen hätten Chancen. Ich habe festgestellt, dass dies aber nur teilweise stimmt. Beispielsweise das Emsland und Vorarlberg haben sich sehr gut entwickelt. Die Gründe dafür versuche ich vor Ort zu erforschen.

Der gute Ruf des Emslands ist also inzwischen bis nach Japan durchgedrungen?

Noch nicht. Aber ich habe es bemerkt, weil Prof. Dietmar Scholich von der Akademie für Raumforschung und Landesplanung in Hannover mir vor einigen Jahren vom Bau der Autobahn 31 erzählt hat; davon, dass die Emsländer deren Fertigstellung selbst in die Hand genommen haben. Das hat mich fasziniert. Aus einem Landeskundebuch aus den 1970er-Jahren kannte ich das Emsland als Agrarland mit wenigen großen Industrieanlagen. Ich war sehr überrascht, als Prof. Scholich mir erzählt hat, dass das Emsland derart stark expandiert. Im statistischen Jahrbuch habe ich gelesen, dass das Emsland sich stärker entwickelt hat als der Bundesdurchschnitt. Um den Grund dafür zu erfahren, bin ich ins Emsland gekommen.

Was haben Sie im Emsland in diesem Jahr besichtigt?

Ich bin mit Maik Schmeltzpfenning vom Mema-Netzwerk bei der Firma Krone in Werlte gewesen. Nicole Bröker von der Wirtschaftsförderung des Landkreises Emsland ist mit mir nach Emsbüren gefahren, unter anderem in das Bauernhofcafé mit angeschlossenem Swingolf in Mehringen. In den Räumen der Ems-Achse in Papenburg konnte ich mit Jens Stagnet, dem stellvertretenden Geschäftsführer der Ems-Achse, und Hermann Wessels, dem Geschäftsführer der Ems-Dollart-Region über die Entwicklung der erweiterten Region sprechen. Außerdem habe ich sehr viel im Kreisarchiv geforscht. Da ich ausschließlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war, habe ich viel von der Landschaft gesehen. Insofern habe ich umfangreiche Eindrücke vom Emsland gewonnen.

Die da wären?

Ich sehe im Emsland eine hohe Lebensqualität. Es gibt immer noch viel Landwirtschaft, dazu große schöne Häuser. Mein Eindruck ist, dass das Emsland zuvor viele Industrien angezogen hat, die woanders nicht willkommen waren: die Wehrtechnische Dienststelle für Waffen und Munition 91 in Meppen, die beiden Kernkraftwerke in Lingen oder auch diverse chemische Industrien. Meine Vermutung ist, dass dies politisch so gewollt war, um durch Steuern und Ausgleichszahlungen die Region zu fördern.

Wie erklären Sie sich die gute Entwicklung weiterer mittelständischer Betriebe?

Ich glaube, dass beispielsweise die Raffinerie in Lingen eine Keimzelle für Betriebe, die sich mit Pipeline-Inspektion befassen, gewesen sein könnte. Schlüsselbetriebe waren meiner Ansicht nach auch die Firmen Krone Landtechnik in Spelle und die Meyer-Werft in Papenburg. Der Erfolg von Krone ist sicherlich eine direkte Folge der Landwirtschaft im Emsland: Landwirte brauchen Landmaschinen. Zunächst haben diese großen Firmen vermutlich lediglich handwerkliche Betriebe für die Instandsetzung benötigt und nur wenige Zulieferer. Aber die haben sich daraus entwickelt.

Was haben Sie im Kreisarchiv erfahren?

Ich habe mich intensiv mit den Jahrbüchern des Emsländischen Heimatbunds und früheren Tageszeitungen auseinandergesetzt. Dabei ist mir aufgefallen, wie gut sich das soziale Leben und die Kultur vor Ort entwickelt haben. Eigentlich ist die Mehrheit der Emsländer Einwanderer, und trotzdem hat sich hier eine eigene Kultur entwickelt. Jemand brachte es auf den Punkt: „Wir haben hier Vereinskultur“. Ich glaube, hier im Emsland kann man schnell ein Heimatgefühl entwickeln.

Was hat denn nun Vorarlberg mit dem Emsland gemeinsam?

Auch diese Region war früher sehr arm und hat jetzt einen starken Mittelstand. Und auch dort hat man Vereinskultur. Ich forsche an den Gemeinsamkeiten, und ich glaube, dass in den beiden Regionen Wachstum möglich war, weil Unternehmergeist vorhanden ist.

Wie kann Ihr Heimatland von diesen Forschungsergebnissen profitieren?

In Japan haben wir ein massives Problem mit Bevölkerungsschrumpfung. Insbesondere die ländlichen Regionen drohen auszusterben. Ich möchte Erkenntnisse aus erfolgreichen Regionen in Mitteleuropa auf japanische Verhältnisse übertragen.


Zur Person:

Prof. Dr. Kenji Yamamoto ist Wirtschaftsgeograf und unterrichtet regionale Ökonomie an der Teikyo University, einer privaten Universität in Japan. Ende der 1970er-Jahre sowie Ende der 1980er-Jahre hat er in München gelebt, danach unter anderem in Duisburg und Heidelberg und spricht ausgezeichnet Deutsch. Yamamoto besucht zum vierten Mal das Emsland.

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