Geschichten am Lebensende Berührende letzte Lieder in Lingen

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mel Lingen. „Ich habe Angst vor dem Tod, aber trotzdem lege ich Musik auf und sterbe munter weiter.“ Sätze wie diese waren es, die das Musik-, Kunst- und Kulturprojekt „Letzte Lieder“ in der voll besetzten Lingener Bonifatiuskirche am Samstag , 2. September 2017, so einmalig machten.

Die Hospizvereine Lingen und Meppen und die Stadtpastoral Lingen haben mit dieser Veranstaltung, die vor allem in Deutschlands Großstädten läuft, Mut bewiesen, indem sie das Tabuthema Tod auf eine angemessen berührende Art präsentierten. Hier wurde keine Totenmesse gelesen, sondern ein Fest des Lebens gefeiert.

Ein Leben veränderndes Projekt

Autor Stefan Weiller erzählte vorab, wie er als Lokaljournalist Gespräche im Hospiz führte und Sterbende nach der Musik fragte, die sie gerne hören. Daraus ist ein umfassendes, das Leben veränderndes Projekt geworden, so vielfältig wie die Menschen nur sein können. Dekanatsreferent Holger Berentzen zeigte sich froh über die mit Hilfe vieler Sponsoren geglückte Organisation. Pfarrer Thomas Burke und die Vorsitzenden der Hospizvereine, Birgit Stoßberg (Lingen) und Carmen Breuckmann-Giertz (Meppen), betonten die Bedeutung der Begleitung am Lebensende.

Warme Sprechstimmen

Birgitta Assheuer und Christoph Maria Herbst gaben den von Weiller zusammengestellten 21 Geschichten mit ihren warmen Sprechstimmen Ausdruck und Charakter. Hier war alles drin an Gefühlen, von tiefer Traurigkeit und nackter Angst bis hin zu heiterer Gelassenheit und einem gerüttelt Maß an Ironie. Schön, dass vieles nur dezent angedeutet und nicht platt getreten wurde. Auch, wenn das Wort manchmal mitten ins Herz traf („Warum Ole? Warum wir? Warum, Gott?“), blieb immer wieder der Appell, das Leben zu leben bis zuletzt. Dass diese Produktion keine Massenware ist, zeigte die Geschichte eines Ehepaares aus Meppen mit einem Faible für die Muttergottes und Schlagermusik. Eine Videoinstallation gliederte die Reportagen mit einem fiktiven Gang durch die Jahreszeiten von Zimmer zu Zimmer und fügte für jeden Sterbenden ein Licht hinzu.

Die Musik ging unter die Haut

Und dann die Musik: Zehn Instrumentalisten unter der hervorragenden Gesamtleitung von Ralf Sach, drei brillante Solisten und der Bonifatiuschor unter der Leitung von Joachim Diedrichs präsentierten alles, was die Sterbenden sich so gewünscht haben. Da gab es Einzel-Acts wie Christina Schmid als „Christel von der Post“, das „Hobellied“ des Tenors Max Ciolek, Michael Schrants Schlagzeugsolo, der „Valse d’Amelie“ für das Akkordeon von Jevgenijs Pastuhovs oder Grönemeyers „Der Weg“, gesungen von Mareike Bender. Manches Lied kam unvermittelt aus dem Kirchenraum, der Beatles-Hit „Let it be“ wurde zum Gemeindegesang, und die Hymne „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen wurde abgelöst vom Kinderlied. Das ging genau so unter die Haut wie 60 Sekunden Stille oder Whitney Houstons „I will always love you“ in Kombination mit einem abrupt endenden Choral.

Der Tod kann hart anklopfen, aber auch sanft zum Tanz einladen. Beides war an diesem bewegenden Abend spürbar und machte Lust darauf, Trauerfeiern mal anders zu gestalten.


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