Katastrophe verhindert? Vor 40 Jahren: US-Kampfjet stürzt bei Thuine ab

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Thuine. Haben zwei Piloten der US Air Force am 25. August 1977 Thuine vor einer Katastrophe bewahrt und dadurch ihr eigenes Leben verloren? Und wie kam es zu dem Absturz ihrer Phantom RF-4C? Fragen, die auch heute, 40 Jahre später, nicht endgültig geklärt sind.

Es ist 11.44 Uhr, als der Jet von Pilot Captain Kenneth „Ken“ Seder und seines Waffensystemoffiziers First Lieuetnant Alan „Al“ Aertker an diesem Donnerstag im Jahr 1977 nur wenige hundert Meter vom Ortskern entfernt in einem abgeernteten Acker aufschlägt. Sehr schnell wird die Unglücksstelle durch Militärs – zunächst von der Bundeswehr und später auch von US-amerikanischen Kräften – abgesperrt. Was die Flugunfalluntersucher dort unter dem Schutz der Soldaten ermitteln, ist bis heute nicht vollständig bekannt.

Wackelnd über das Thuiner Krankenhaus

Die Thuiner sind damals schnell der Meinung, dass die Besatzung der Phantom ihre sich in einer Luftnotlage befindende und abstürzende Maschine noch über das Dorf hinweggezogen hätte, um einen Aufschlag mitten im Ort zu verhindern. Doch dann sei es für die beiden Offiziere zu spät gewesen, sich mit dem Schleudersitz zu retten. Augenzeugenberichte von vor 40 Jahren könnten diese Annahme stärken. Demnach soll die Phantom „über dem Dorf in Höhe des Krankenhauses bereits gewackelt haben und extrem niedrig geflogen sein“. Andere wollen ein ungewöhnliches Fluggeräusch und Rauch wahrgenommen haben. Was wirklich passiert ist und was die Absturzursache war, wissen selbst die Familien der getöteten US-Luftwaffensoldaten nicht.

Gedenkstein 20 Jahre nach dem Absturz

In Thuine möchten die Bürger, 20 Jahre nach dem Unglück, 1997 einen Gedenkstein nahe der Absturzstelle an der Mühlenstraße aufstellen. Joachim Eickhoff von der Vermisstensuchgruppe „Ikarus“ kann die in Thuine bislang nicht bekannten Namen der Phantom-Besatzung herausfinden. Über die US Air Force Europe stellt Eickhoff einen Kontakt zwischen Günter Buten, damals Bürgermeister der Gemeinde Thuine, dessen Stellvertreter Dieter Mosler und den Angehörigen her. Die Einweihung des Gedenksteins findet am 25. August 1997 noch ohne diese statt. Auch die US Air Force schickt am 20. Jahrestag des Todes ihrer beiden Offiziere keine Abordnung.

Angehörige bekommen keine Auskunft

Doch durch den Kontakt wird schnell klar: Auch die Angehörigen wissen nicht genau, was passiert ist. Walter A. Seder, ein Bruder des getöteten Piloten, schreibt am 21. März 1998 an Bürgermeister Buten: „Fast fünf Jahre lang haben wir die US-Regierung und die Air Force um Informationen gebeten und waren nicht erfolgreich.“ Jean H. Aertker, die Witwe des Waffensystemoffiziers, schickt Buter Auszüge aus dem offiziellen Untersuchungsbericht der Air Force: „Bei der Autopsie [des Piloten Seder] wurde festgestellt, dass das linke Herzkranzgefäß zu 90 Prozent verschlossen war und er an einer Fettleber litt.“ Doch dies war bei medizinischen Untersuchungen vor dem Todesflug von Seder und Aertker nicht festgestellt worden. „Captain Seder schien in einem exzellenten körperlichen Zustand zu sein, rauchte und trank nicht“, betont der Bericht.

Augenzeugenberichte widersprechen Untersuchungsergebnis

Die US Air Force erklärt, Seder habe vermutlich einen Herzanfall bekommen. Aus den Verletzungen der getöteten Besatzungsmitglieder schließen die Ermittler, dass zum Zeitpunkt des Absturzes Pilot Seder „handlungsunfähig über dem Steuerknüppel zusammengesackt war“. Ab der Version C konnte die Phantom auch vom Rücksitz aus geflogen werden – und in einer solchen, als Aufklärer konfigurierten Maschine saßen Seder und Aertker. Die Air Force nimmt an, dass Aertker versucht habe, die Phantom wieder unter Kontrolle zu bringen. Jean Aertker, die erst sechs Tage vor dem Absturz ihres Mannes die gemeinsame Tochter Katherine zur Welt gebracht hatte, glaubt nicht an diese Version. Am 19. Mai 1998 schreibt sie an Buten: „Ich kann nur sehr schwer glauben, dass ein 25-jähriger, ansonsten gesunder, Pilot während des Fluges einen Herzanfall erleidet. Die Berichte der Augenzeugen aus Thuine widersprechen allen Fakten der Air-Force-Unfalluntersuchung.“

Keine offiziellen Informationen

Die US-amerikanische Luftwaffe schickt einen guten Monat nach der Einweihung des Gedenksteins dann doch noch einen Vertreter: Oberst Richard Koczik vom Hauptquartier der US Air Force Europe in Ramstein kommt zur Kranzniederlegung nach Thuine. Jean Aertker nimmt Kontakt zu ihm auf. Der Oberst antwortet ausführlich, was die Zeremonie in Thuine betrifft, aber stellt gleich zu Beginn seines Briefes vom 20. November 1997 eines klar: „Bitte seien Sie sich bewusst, [...] dass offizielle Informationen zur Unglücksursache [...] und der körperlichen Verfassung von Ken Seder zur damaligen Zeit nicht in meine Zuständigkeit fallen.“

Posthum zum Captain befördert

1998 besuchen dann Mitglieder der Familien Seder und Aertker am 21. Jahrestag des Absturzes Thuine. Sie lesen, was auf dem Gedenkstein steht: „Sie gaben ihr Leben, um die Menschen von Thuine vor einer Katastrophe zu bewahren.“ Dass dies für ihren getöteten Mann gilt, glaubt trotz ihrer Zweifel an der Air-Force-Version mit der Herzattacke von Ken Seder auch Jean Aertker. „In nur wenigen Sekunden, die blieben, um eine Entscheidung zu treffen, muss mein Mann mit der Absicht, wieder die Kontrolle über das Flugzeug zu bekommen, zum Steuerknüppel gegriffen haben. Ich bin sicher, er sah den Ort Thuine unter sich liegen und entschied, anstatt sich sicher herauszuschießen, in der Maschine zu bleiben und zu versuchen, sie über Thuine hinwegzubringen.“ Al Aertker wurde posthum von der Air Force zum Captain befördert.

Geblieben sind die Zweifel

Geblieben sind die Zweifel an einem Herzinfarkt von Seder bei der Familie Aertker bis heute. Dies bestätigt auf Nachfrage unserer Redaktion der in Ahaus lebende entfernte Verwandte Heinrich Aertker. „Ich halte das für sehr unwahrscheinlich. Überzeugt hat mich die Darstellung der Air Force nicht.“ Heinrich Aertker glaubt, dass die US-Luftwaffe etwas geheim halten möchte. Denn die auf der britischen Luftwaffenbasis Alconbury gestartete Maschine gehörte einem Aufklärungsgeschwader an. Aertker vermutet, dass es sich bei dem Flug nicht um eine Übung, sondern um einen Einsatzflug gehandelt habe, bei dem irgendetwas schief gegangen sei.

Keine Gedenkveranstaltung zum 40. Jahrestag

Eine Gedenkveranstaltung, wie so viele in den Jahren zuvor, wird es zum 40. Jahrestag des Absturzes 2017 nicht geben. „Wir haben 2012, als sich der Absturz zum 35. Mal jährte, eine Abschlussgedenkveranstaltung durchgeführt“, erklärt Thuines heutiger Bürgermeister Karl-Heinz Gebbe. Der Gedenkstein wird jedoch nach wie vor gepflegt und erinnert an das, was vor 40 Jahren geschah.


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