Pauschalen gesunken Eltern von Behinderten in Lingen kritisieren Qualität von Windeln

Schwerstbehindert sind die 41-jährige Sandra Elsen (links) und die 33 Jahre alte Christin Roelfes aus Lingen. Foto: Thomas PertzSchwerstbehindert sind die 41-jährige Sandra Elsen (links) und die 33 Jahre alte Christin Roelfes aus Lingen. Foto: Thomas Pertz

Lingen. Eltern von inzwischen erwachsenen schwerst- und mehrfachbehinderten Kindern klagen über eine qualitativ unzureichende Versorgung ihrer Angehörigen mit Windeln. Der Grund liegt nach ihren Angaben in den zu geringen Pauschalen, die die Krankenkassen mit den Leistungserbringern wie Sanitätshäusern, Apotheken oder Herstellern von Hilfsmitteln vereinbart haben.

Christin ist inkontinent. Die 33-Jährige kann weder Urin noch Stuhlgang kontrollieren. „Alle zwei bis zweieinhalb Stunden muss ich meine Tochter wickeln, wenn ich keine nassen Sachen haben möchte“, beschreibt die Lingenerin Gaby Roelfes den Pflegealltag mit Christin, eingestuft in den höchsten Pflegegrad 5. Jeden Morgen zieht die Mutter das Bett ihrer Tochter komplett ab, weil es durchnässt ist. „Dann schwimmt sie im Urin, weil die Windel das nicht hält“, berichtet die Mutter. Die Qualität reiche nicht aus, betont die Lingenerin, ohne dabei aber der Lieferfirma einen Vorwurf zu machen.

„Inkontinenzmaterial unpassend“

„Die Firmen sagen, dass sie für die Vergütung, die sie von den Krankenkassen bekommen, nichts Besseres liefern können“, sagt Agnes Elsen, deren inzwischen 41-jährige Tochter Sandra ebenfalls schwerstbehindert ist. Dass diese Qualität nicht ausreicht, hat die 66-Jährige schriftlich. „Derzeitiges geliefertes Inkontinenzmaterial ist für Sandra unpassend. Saugt zu wenig Flüssigkeit und verursacht Hautdefekte“, hat die Pflegefachkraft im Rahmen des vorgeschriebenen Beratungseinsatzes bei einem Besuch protokolliert.

Gesetzlich Krankenversicherte haben Anspruch auf Hilfsmittel. Dazu gehören zum Beispiel auch harnaufsaugende Mittel wie Windeln, mit denen die meisten inkontinenten Menschen versorgt werden. Im Sozialgesetzbuch V ist geregelt, wer Anspruch auf Inkontinenzhilfen hat. Die Verordnung kommt dann in Betracht, „wenn eine mindestens mittelgradige (Richtwert: 100 Milliliter in vier Stunden) Harn und/oder Stuhlinkontinenz vorliegt“. Abgesehen von den gesetzlich geregelten Zuzahlungen von maximal zehn Euro im Monat müssen Betroffene keine weiteren Kosten für medizinisch erforderliche Hilfsmittel zahlen.

Nach Angaben des Bundesverbandes für körper- und mehrfachbehinderte Menschen (BVKM) besteht für gesetzliche Krankenkassen seit 2007 die Möglichkeit, Verträge mit Leistungserbringern über die Lieferung von Hilfsmitteln wie zum Beispiel Windeln zu schließen. „Die Versicherten können die Hilfsmittel grundsätzlich nur bei den Leistungserbringern beziehen, mit denen ihre Krankenkasse einen Vertrag geschlossen hat“, so der BVKM. Die Krankenkassen schließen in der Regel mit einer Vielzahl von Anbietern Verträge. Die Versicherten können dann auswählen, von welchem Anbieter sie die Hilfsmittel beziehen wollen. „Für Sandra brauche ich im Monat rund 120 Windeln, wenn sie eine entsprechende Qualität haben“, sagt Agnes Elsen. Derzeit benötige sie deutlich mehr.

Kassen zahlen geringere Pauschalen

Das Problem: Die Krankenkassen zahlen den Anbietern inzwischen im Vergleich zu vergangenen Jahren deutlich geringere Pauschalen. Bis 2010 seien dies, so Elsen, bei ihrer Krankenkasse noch 38 Euro Monatspauschale gewesen und bis vor einigen Monaten noch 29,75 Euro. „Jetzt sind es 17,56 Euro“, kritisiert sie. Mit der Reduzierung sei gleichzeitig auch die Qualität der Windeln zurückgegangen. Gaby Roelfes, die bei einer anderen Krankenkasse versichert ist, bestätigt dort die gleiche Entwicklung - nach unten hin. Im Schnitt lägen die Monatspauschalen der Krankenkassen nur noch zwischen 13 und 18 Euro. Dafür könne keine bessere Qualität der Windeln geliefert werden, sei seitens der Vertragsfirmen zu hören, klagen die Mütter.

Die liegen regelmäßig im Clinch mit ihren Krankenkassen. „Meine schiebt das Problem auf den Anbieter und sagt, dass dieser Windeln in der erforderlichen Qualität liefern müsse,“ berichtet Gaby Roelfes. Zu dem Pauschalpreis sei dies aber gar nicht möglich. Dass die zu den gegenwärtigen Pauschalen angebotenen Windeln angeblich bis zu zwei Liter Wasser „halten“ können, darüber könnten - wenn das Thema nicht so traurig wäre - Mütter wie Roelfes und Elsen nur lachen. „Wissenschaftlich getestet heißt: Tröpfchenweise über 24 Stunden hinweg“, berichtet Elsen. Solche Teste würden an der Lebenswirklichkeit völlig vorbeigehen. Sie ist mal mit einer Windel zu ihrer Krankenkasse gefahren und hat dort zwei Liter Wasser hinein gekippt - das Ergebnis sah anders aus.

Bessere Produkte sind deutlich teurer

Natürlich gibt es auch bessere Produkte, die deutlich teurer sind. Diese Mehrkosten müssten die Familien dann aber selber zahlen.

Agnes Elsen hat dieses Thema auch schon am Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums zur Sprache gebracht. „Die Antwort dort war lediglich, ich könne ja die Krankenkasse wechseln“, gibt sie das Gespräch wieder. „Das fand ich unmöglich“.

Das Thema beschäftige im Übrigen nicht nur Angehörige von erwachsenen Schwerstmehrfachbehinderten, betonen die beiden Mütter. Auch in Pflegeheimen, wo viele inkontinente Bewohner betreut werden, werde dies unter den Angehörigen und Fachkräften intensiv diskutiert. „Wenn ich daran denke, was so alles von den Krankenkassen zur Gesundheitsförderung an Präventionsmaßnahmen angeboten wird - das ist alles in Ordnung. Aber dann muss doch auch gewährleistet sein, dass jemand trocken auf seiner Windel sitzt“, meint Gaby Roelfes.


Inkontinenz in Zahlen

Jeder Zehnte ist betroffen. 9 Millionen Menschen in Deutsch¬land leiden unter Inkontinenz. 60 Prozent scheuen den Arztbesuch. Bis zu 40 Prozent der 60- bis 79-Jährigen sind betroffen. Bis 2040 wird diese Altersgruppe deutlich wachsen. 1,5 Millionen gesetzlich Versicherte bekommen von Krankenkassen aufsaugende Hilfsmittel erstattet. 0,2 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenkassen entfallen auf aufsaugende Inkontinenzprodukte. (Quellen: Deutsche Kontinenz Gesellschaft, GKV Spitzenverband, Bundesverband Medizintechnologie.

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