Fragen an Rat und Initiator Forum Juden-Christen lehnt Rosemeyer-Museum in Lingen ab

Von Carsten van Bevern


Lingen. Das Forum Juden-Christen im Altkreis Lingen lehnt ein Bernd-Rosemeyer-Museum in Lingen seit Bekanntwerden der Pläne des Lingener Unternehmers Heinrich Liesen ab. In einer Stellungnahme haben Vertreter des Vereins dies nun begründet und kritische Fragen an den Initiator, Rat und Verwaltung sowie die Öffentlichkeit gestellt.

Vor allem von den Vertretern der im Rat vertretenen Parteien erwarten die Vertreter vom Forum Juden-Christen, dass diese ihre Meinung zu dem in der Burgstraße in der Lingener Innenstadt von Liesen geplanten Museum kundtun. Gleichzeitig sollte sich Politik und Verwaltung laut des Forums-Vertreters Wolfgang Becker dafür einsetzen, in Lingen weiter die Widerständler und Opfer der NS-Zeit und nicht die in dieser Zeit protegierten „Helden“ zu ehren.

Erfolgreicher Rennfahrer – und SS-Mitglied

Zum Hintergrund: Der 1909 in Lingen geborene und Anfang 1938 bei einem Schnelligkeits-Weltrekordversuch ums Leben gekommene Bernd Rosemeyer zählte in den 1930er-Jahren nicht nur zu den bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Rennfahrern. Spätestens ab 1933 war er auch Mitglied der SS und zählte gemeinsam mit seiner als Kunst- und Langstreckenfliegerin berühmten Frau Elly Beinhorn zu den Glamour-Paaren im nationalsozialistischen Staat.

„NS-Werte verkörpert“

„Gerade, wie er zum NS-Staat stand, ist für uns eine wichtige Frage. Er hat die NS-Werte verkörpert und war bis zu seinem frühen Tod in dieses System eingebunden. All dies müsste man in einem Museum thematisieren“, ergänzte der Forums-Vorsitzende Heribert Lange. Und dies könne nur ein fachlich versierter Historiker zum Beispiel von der Universität Münster oder der Uni Osnabrück im Rahmen eines Forschungsprojektes leisten.

„Aber wenn in einem Museum dieser Mensch in all diesen Facetten gezeigt wird, welchen Sinn soll eine solche Einrichtung dann überhaupt haben? Das erschließt sich mir nicht“, ergänzte Forums-Vorstandsmitglied Ernst-Uwe Vollmer.

Aus dieser Haltung und auf einstimmiges Votum auf der jüngst stattgefundenen Mitgliederversammlung des Forums heraus haben Bernhardine van Olfen, Wolfgang Becker, Christoph Frilling und Heribert Lange die nun vorgestellte Erklärung sowie drei Fragen an den Initiator, Rat und Öffentlichkeit formuliert.

Fragen vom Forum

Die Fragen: Welchen Sinn kann in Kenntnis der Geschichte Rosemeyers die Einrichtung eines Museums für den Rennfahrer machen? Nicht nur für den Rennfahrer oder Heinrich Liesen, sondern für die ganze Stadt? Zweitens fragt das Forum, ob es ein Konzept für das Museum gibt, das die Doppelrolle beleuchtet, die der berühmte Rennfahrer aus eigennützigen Gründen in der NS-Zeit gespielt hat? Zudem fragt das Forum, wie die „rote Linie“ zwischen dem Museumsprojekt und der bisherigen, jahrzehntelangen gemeinsamen Erinnerungs- und Gedenkarbeit in Sachen Nationalsozialismus, Krieg und Holocaust mit einer nie endenden Verantwortung für die Opfer gehalten werden kann?

Gemeinsame Erklärung vom Rat?

„Wir sind der Meinung, dass die Stadt Lingen die geistige Haltung beibehalten sollte, in deren Konsequenz sie zwei überlebenden jüdischen ehemaligen Bürgern 1993 die Ehrenbürgerschaft verliehen hat. Diese uns aufgetragene Gedenkkultur sollte nicht durch eine Rosemeyer-Beinhorn-Museums-Bühne konterkariert und zu Fall gebracht werden“, heißt es dazu in der Erklärung. Die Vertreter der Ratsfraktionen von Bürgernahen, FDP, Grünen und der SPD – CDU und der OB hatten sich entschuldigt –¨erklärten, sich für eine gemeinsame Erklärung des Rates zu dem Projekt einsetzen zu wollen.


Die Erklärung vom Forum Juden-Christen im Altkreis Lingen zum geplanten Rosemeyer-Museum im Wortlaut:

Das Museum wäre eine öffentliche Angelegenheit, was under anderem daraus zu ersehen ist, dass Herr Liesen Kontakt zum Oberbürgermeister aufgenommen hat. Das Museum soll in Zusammenarbeit mit dem Emslandmuseum realisiert werden. Herr Liesen strebt eine Einbindung seines Vorhabens in öffentliche Stadtführungen an.

Das Forum Juden-Christen im Altkreis Lingen e.V. nimmt seit über drei Jahrzehnten in der Öffentlichkeit und in Zusammenarbeit mit der Stadt Lingen Aufgaben in der Aufarbeitung der NS-Zeit und der Erinnerungsarbeit wahr. Zu den Zwecken des Vereins gehört laut Sat-zung Zeichen gegen das „Vergessen“ zu setzen, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus entgegenzutreten und nach Wegen der Versöhnung und des friedvollen Miteinanders aller Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft oder Religion, zu suchen.

Auf der geistigen Grundlage der bisherigen Aufarbeitung und Gedenkarbeit, wie sie an vielen Gedenkstätten deutschlandweit, aber auch international und speziell auch im Emsland in der Gedenkstätte Esterwegen zum Wohle unseres Landes und in der Suche nach Verständigung unter den Völkern geleistet wird, hat ein Rosemeyer-Beinhorn-Museum keinen Platz.

Denn: Bernd Rosemeyer hat seinen Sport in engster Verbindung mit dem NS-Gewaltregime ausgeübt. Er stellte schon 1932 einen Antrag auf Aufnahme in die SS [in der Forschung wird auch das mögliche Aufnahmedatum Ende 1933 genannt; Anm.d.Red.], nachdem er zuvor bereits Mitglied der SA gewesen war. In der SS brachte er es in kurzer Zeit zum Hauptsturmführer. In der Öffentlichkeit trug er mit Stolz die Embleme der SA. Er wurde von der Nazi-dominierten Presse zusammen mit seiner Ehefrau als Held und Sieger glorifiziert, der deutschen Jugend als Vorbild präsentiert, und er ließ sich damit ohne Not für die abgründigsten Ziele des NS-Staates, unter denen damals schon Hunderttausende und später dann Millionen Menschen auf der ganzen Welt gelitten haben, vereinnahmen.

Bernd Rosemeyer wollte von Seiten des NS gefördert werden. Er ließ sich auf den NS ein und wurde vom NS in herausragender Weise für dessen Ideologie instrumentalisiert. Besonders deutlich wurde das auf der Trauerfeier für den am 28. Januar 1938 verunglückten Rennfahrers, die am 1. Februar 1938 in Berlin stattfand. An dieser Trauerfeier in der Dahlemer Friedhofshalle nahmen neben den Angehörigen nicht nur die Teamkollegen der Auto-Union und der Chef des NS-Kraftfahrtkorps teil. Es waren auch etliche hochrangige Militärs anwesend. Der Chef der SS, Heinrich Himmler, schickte einen Vertreter aus der obersten Führungsebene, SS-Gruppenführer August Heißmeyer, und sogar die Reichsregierung war durch Verkehrsminister Julius Dorpmüller vertreten. Eine unpolitische Trauerfeier war das nicht. Adolf Hitler meinte in einem persönlichen Kondolenzschreiben an die Witwe, sie möge sich mit dem Gedanken trösten, dass ihr Mann „für deutsche Geltung fiel“.

Für unsere demokratische und rechtsstaatliche Gesellschaft gibt es in keinem Bereich Anknüpfungspunkte in den ideologischen Setzungen des NS-Regimes. Auch nicht im Bereich des Sports. Denn dieser wurde vom NS dazu missbraucht, ein Volk letztlich zu Kriegszwecken zu ertüchtigen und ihm ein Überlegenheitsdenken und eine Härte gegen andere einzuimpfen. Auch ging es darum, die jüdischen Sportler auszugrenzen. Hiervon war unter vielen auch Rosemeyers Rennfahrerkollege Hans Levy betroffen, der in die USA fliehen mußte.

Wir sind der Meinung, dass die Stadt Lingen die geistige Haltung beibehalten sollte, in deren Konsequenz sie zwei überlebenden jüdischen ehemaligen Bürgern 1993 die Ehrenbürgerschaft verliehen hat, in der sie seit Jahrzehnten die Erinnerung an die Pogromnacht vom 9. November 1938 wachhält und in der sie sich darum bemüht, nicht die protegierten Helden, sondern die Widerstandskräfte und die Opfer der NS-Zeit – letztere auch durch Stolpersteine - zu ehren. Diese uns aufgetragene Gedenkkultur sollte nicht durch eine Rosemeyer-Beinhorn-Museums-Bühne konterkariert und zu Fall gebracht werden.

Klare Worte sind nötig: Wir fordern die Mitglieder des Stadtrats und den Herrn Oberbürgermeister auf, die von ihnen mitgetragene Gedenkarbeit und gemeinsam gepflegte Gedenkkultur nicht außer Acht zu lassen, sondern daran festzuhalten und sie fortzusetzen.

Das Forum Juden- Christen im Altkreis Lingen e.V. will keine Fortsetzung der Glorifizierung einer NS-Figur. Wir möchten kein Bernd-Rosemeyer-Museum.

Niemandem von uns hier und keinem sonst im Forum Juden-Christen liegt, ebenso wie auch sonst keinem vernünftigen Bürger oder Bürgerin Lingens daran liegen kann, den Menschen Bernd Rosemeyer zu verurteilen. Denn weder sind wir eine dazu legitimierte rechtliche noch moralische Instanz.

Gleichwohl verurteilen wir die Haltung und das Tun Bernd Rosemeyers, der sich aus Gründen des persönlichen Vorteils und Nutzens dem unmenschlichen Hitlerregime angedient hat und von diesem in nachgerade symbiotischer Weise vereinnahmt wurde, und zwar zu einer Zeit, in der bereits klar war, wohin die Reise mit der Menschenwürde bzw. ihrem Bruch und der Verfolgung und Drangsalierung der als unliebsam etikettierten Deutschen und der blutrünstigen Kriegsvorbereitung ging.

Sein Leben endete dann aber, ohne dass ihm die Gelegenheit geblieben wäre, es zu bedenken, Unziemliches zu widerrufen und sich neu zu orientieren. Wo könnte darum die Befugnis herkommen, über ihm den Stab zu brechen?

Gleichwohl kann Bernd Rosemeyer, der zu einer Gallionsfigur des NS-Systems avancierte, und damit auf der Täterseite im Apparat von NS und SS stand, kein Vorbild sein – für niemanden von uns, allemal nicht für junge Menschen, und darum eben auch darf er nicht zum Mittelpunkt einer Heldengedenkstätte in der Elektrobäckerei in Lingens Burgstraße werden.

Zudem wäre die Existenz einer derartigen Einrichtung gleich einer Ohrfeige für die Opfer des Naziterrors, nicht nur die Lingener Opfer, und käme auch laut des Vorsitzenden des Forums Juden-Christen in Nordhorn, Gerhard Naber einem „Schlag gegen alle so intensiven Bemühungen in Lingen um eine gelingende und nachhaltige Erinnerungskultur gleich.“

Forum Juden-Christen im Altkreis Lingen

Wolfgang Becker, Bernhardine van Olfen, Dr. Christoph Frilling, Heribert Lange