11.000 Opfer beraten Frauen der „Biss“ helfen bei häuslicher Gewalt im Emsland

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Lingen. Oft beginnt es subtil: Kontrolle über das Haushaltsgeld, das Auto, schließlich über Kontakte. Aus psychischer wird nicht selten physische Gewalt. 11.000 Opfer von häuslicher Gewalt hat die Beratungs- und Interventionsstelle („Biss“) der Landkreise Emsland und Grafschaft Bentheim in den vergangenen 15 Jahren seit ihrer Gründung beraten.

Den Kontakt nimmt in der Regel die Beratungsstelle auf, die nach Polizeieinsätzen bei häuslicher Gewalt die Nummer des Opfers erfährt. „Am Morgen liegen häufig schon mehrere Protokolle der Polizei auf unserem Schreibtisch“, sagt Beraterin Andrea von Haugwitz. 90 Prozent der angerufenen Menschen würden die Hilfe auch annehmen. „Es sprudelt meistens richtig aus ihnen heraus, sie sind verzweifelt und weinen“, erzählt sie. Selbst melden sich jedoch nur wenige Opfer. Von den 1204 Betroffenen, die im Landkreis und der Grafschaft 2016 beraten wurden, hätten nur 168 Menschen den Kontakt aufgenommen. Zuhören sei ein großer Teil der Arbeit, sagt die Beraterin. In dem Telefonat werde häufig ein persönlicher Kontakt vereinbart.

Kontrolle des Kilometerstandes – jeden Tag

Aber nicht alle Betroffenen können in die Beratungsstellen nach Lingen, Meppen und Nordhorn kommen. „Eine Frau erzählte, dass ihr Mann jeden Tag den Kilometerstand des Autos kontrolliere“, berichtet von Haugwitz. So finden Treffen auch mal bei den Betroffenen, im Café oder auf einer Parkbank statt. Es werde ein Sicherheitsplan erarbeitet, sodass die Opfer besser reagieren können. Außerdem beraten die vier Frauen der „Biss“ über rechtliche Möglichkeiten, Zukunftsperspektiven und vermitteln an Rechtsanwälte, das Frauenhaus und andere Institutionen.

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Es kommen auch Eltern, die von ihren Kindern geschlagen werden

Die rechtlichen Grundlagen für die Arbeit der „Biss“ sind 2002 mit dem Gewaltschutzgesetz geschaffen worden, sagt Polizeidirektor Karl-Heinz Brüggemann. Es sei eine fundamentale Verbesserung gewesen. Den Beamten waren oft die Hände gebunden, erinnert sich Brüggemann. Die Einrichtung der Beratungsstelle, die mit dem Gesetz einherging, habe auch der Polizei geholfen. „Uns fehlte als männerdominierte Organisation oft ein Stück weit die Neutralität“, gibt der Polizeidirektor zu. Die Bedingungen für die Opfer hätten sich nun deutlich verbessert.

Kein typisches Schema

Die Beraterinnen haben inzwischen viel Erfahrung. Teilweise arbeiten sie schon seit der Gründung für die „Biss“. 11.000 Opfer sind in dieser Zeit betreut worden. „Eine Dimension, die sich vorher keiner bewusst gemacht hat“, vermutet die Geschäftsführerin des SkF Lingen Marita Theilen. Ein typisches Schema gebe es bei häuslicher Gewalt nicht. Sie finde in jedem Alter, bei allen sozialen Schichten, sowie zwischen Lebenspartnern, unter Geschwistern und zwischen Eltern und Kindern statt. Es würden auch Eltern in die Beratungsstellen kommen, die von ihren Kindern geschlagen werden. „Es ist heute kein Tabu mehr für sie, darüber zu sprechen“, sagt Theilen. 195 Männer waren 2016 unter den Opfern. Das ist ein Anteil von 16,2 Prozent. Dass auch die Männer beraten werden, sei dem Einsatz und der guten Vernetzung der Mitarbeiterinnen zu verdanken, denn abrechnen können sie diese Stunden bisher nicht, sagt die SkF-Geschäftsführerin.

Finanzierung nicht gesichert

Kinder, die von Gewalt im häuslichen Umfeld betroffen sind, fehlen noch in der Fallzahl. Im vergangenen Jahr verzeichneten die Beratungsstellen 971 von ihnen. Auch das Miterleben von Gewalt könne zu traumatischen Erlebnissen führen, erklärt Theilen. Um den Teufelskreis von häuslicher Gewalt zu brechen, sei es besonders wichtig, die Kinder nicht mit dem Erlebten allein zu lassen. Das Land Niedersachsen fördert ein entsprechendes Projekt mit dem Namen „Kompass“, das jedoch dieses Jahr auslaufe. Eine weitere Finanzierung sei bisher nicht in Sicht, bedauert Theilen. Finanzielle Schwierigkeiten gebe es auch bei der Bereitstellung von dringend benötigten Dolmetschern. 2016 seien 404 Frauen mit Migrationshintergrund aus 44 Ländern beraten worden. Einige hätten aufgrund fehlender Sprachkenntnisse nicht ausreichend betreut werden können.

Insgesamt ziehen die Beraterinnen und die vernetzten Organisationen eine positive Bilanz der vergangenen 15 Jahre. „Es ist eines der wenigen Phänomene, bei dem wir uns freuen, wenn die Zahlen steigen“, fasst Polizeidirektor Brüggemann zusammen, denn die Opfer würden „etwas mehr aus dem Dunkelfeld“ hervortreten. Ein Vergleich der Zahlen aus dem Gründungsjahr mit aktuellen Fällen zeigt, dass dies gelungen ist: 2002 sind 288 Opfer beraten worden, 2016 waren es bereits 1204.


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