Beratung beim SKM in Lingen Junge Leute verdrängten Schulden in die Schublade

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Vor der Situation weglaufen ist die schlechteste Lösung. Der SKM in Lingen bietet eine Schuldnerberatung an. Foto: dpaVor der Situation weglaufen ist die schlechteste Lösung. Der SKM in Lingen bietet eine Schuldnerberatung an. Foto: dpa

Lingen. Janine und Sebastian* stand das Wasser bis zum Hals, vielleicht auch schon etwas darüber. Zusammen hatten sie über 30000 Euro Schulden angehäuft.

So ganz genau konnten die beiden jungen Leute es nicht mehr sagen, denn nicht jede Rechnung hatten sie geöffnet und lieber den geschlossenen Briefumschlag zu den anderen in die Schublade gedrückt. Dass dies keine Lösung war, wussten beide, aber es fehlte die Kraft, es zu ändern. Hilfe für die beiden kam von zwei Seiten: Der eine, Franz Renner, ist schon über 70 und Großvater der 25-Jährigen. Der andere, Dieter Zapf, ist Schuldnerberater beim SKM in Lingen.

528 Beratungsfälle in Lingen und der Region haben Zapf und sein Team im vergangenen Jahr registriert, etwa gleich viel wie im Vorjahr (534). Die drei häufigsten Ursachen waren Trennung/Scheidung, Konsumverhalten und Arbeitslosigkeit. Der durchschnittliche Schuldenumfang erhöhte sich gegenüber dem Vorjahr um 2238 auf 47226 Euro. Die Gesamtverschuldung aller Ratsuchenden stieg auf einen Rekordwert von 25 Millionen Euro.

„Alles muss auf den Tisch“

Zu seinem Enkelkind hatte Franz Renner immer schon einen guten Kontakt. Eher zufällig bekam der Rentner mit, dass dieses in Geldschwierigkeiten war. Renner kennt sich beruflich in Geldfragen aus – und rein privat hat er eine ausgeprägte soziale Ader, ohne blauäugig zu sein. Er setzte sich mit der Enkelin und ihrem Freund zusammen. „Dann hab ich gesagt: Alles muss auf den Tisch“.

Das war eine ganze Menge. Handyverträge sowie Ratenverträge über Kleidung, Möbel und anderes mehr stapelten sich vor ihm. Die Raten mussten bedient werden. Da die schwangere junge Frau inzwischen nicht mehr mitarbeiten konnte, schmolz somit das gemeinsame Budget zusammen. „Sich zu verschulden, wird jungen Leuten heute zu einfach gemacht“, kritisiert Renner.

Wohl aber auch deshalb, weil es an Grundlagenwissen fehlt: Wie gehe ich mit Geld um, wie teile ich es mir ein, kann ich einen Kontoauszug überhaupt „lesen“? „Über Geld wird in den Familien wenig gesprochen“, hat Maren Fickers festgestellt. Sie leitet die „Krötenwerkstatt“ beim SKM. Ein Schwerpunkt ist die Vermittlung von Finanzkompetenz von Kindern und Jugendlichen. Die „Krötenwerkstatt“ arbeitet deshalb eng mit den Schulen zusammen. Über 600 Schüler wurden 2016 entsprechend unterrichtet. Auch darin, dass bargeldloses Zahlen nur so lange funktioniert, wie das Konto gedeckt ist. Allgemeinbildung in Finanzfragen sei eine Schlüsselqualifikation, die auch über den späteren Erfolg im Leben mitentscheide, erklärt die Sozialarbeiterin. Die Schulen darin zu unterstützen, sei eine zentrale Aufgabe der „Krötenwerkstatt“.

Kontakt zur Schuldnerberatung

Franz Renner merkte bei einer Sichtung der Unterlagen und der groben Schätzung des Schuldenbergs bei seiner Enkelin und ihrem Freund schnell: „Das schaffst du nicht allein“. Er wusste um das Beratungsangebot des SKM und wandte sich an Dieter Zapf. „Darüber bin ich sehr froh“, sagt der Rentner. Gemeinsam mit dem erfahrenen Schuldnerberater sichtete er die Unterlagen und beratschlagte mit ihm die weitere Vorgehensweise. Dazu gehörte vor allem die Kontaktaufnahme zu den Gläubigern und die Verhandlungen mit ihnen.

Die jungen Leute hatten den Überblick komplett verloren. „Der Kontostand war nicht gedeckt, Inkassobüros kamen mit Forderungen von 450 Prozent Aufschlag“, beschreibt Renner die sich immer schneller drehende Schuldenspirale. Der Rentner stoppte sie selbst, indem er einen Vergleich von 50 Prozent anbot und die Hälfte der Schulden aus eigener Tasche zahlte.

Gerade für junge Erwachsene sei ein zusätzliches Angebot zur Budgetberatung und ein Finanzcoaching wünschenswert, betont Schuldnerberater Zapf. Der Dipl. Sozialpädagoge verweist darauf, dass vor allem bei diesem Personenkreis Wissenslücken vorhanden sind. Beratungsgespräche allein reichten da nicht mehr aus. Um ein Abgleiten in die Überschuldung mit allen damit verbundenen Folgen zu vermeiden, sei ein Finanztraining oder Coaching notwendig.

Resoluter Rentner mit Herz

So ein Coach ist Franz Renner. Er machte seine Enkelin und ihren Freund zwar auf einen Schlag schuldenfrei, entließ sie aber nicht aus der Verantwortung. „Die beiden zahlen nun jeden Monat an mich 300 Euro zurück“, erklärt der resolute Rentner mit Herz. Überzogen haben sie ihr Konto seitdem kein einziges Mal. Abgelöst hat er auch ein Darlehen bei einem Kreditinstitut, das diese dort abgeschlossen hatten. Obwohl der Berater habe wissen müssen, wie es um deren finanzielle Situation bestellt sei, sagt der 72-Jährige. Angesichts des Niedrigzinsniveaus sei der Druck bei Banken offenbar groß geworden. „Es geht um Abschlüsse, mehr Umsatz und mehr Gewinn“, kritisiert er. Mit jungen Kunden, die mitunter überfordert seien, könne man so nicht umgehen.

Dass sich jemand aus der Familie so intensiv gekümmert und die jungen Leute nicht fallen gelassen habe, sei schon eindrucksvoll, zollt Zapf dem Engagement von Renner Respekt. Große Dankbarkeit kommt bei dessen Enkelin hinzu. „Sie ist sehr erleichtert, denn ihr Kopf ist wieder frei“, erzählt der 72-Jährige.

(*Namen geändert)

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