Kritik vom Landkreis Keine Genehmigung für Fällaktion in Lingen-Wachendorf

Von Thomas Pertz

Rund elf Hektar Nadelholzbestand hat die Stadt Lingen in Wachendorf abholzen lassen. Auf der Fläche soll wieder eine Heidelandschaft entstehen. Foto: Ludger JungeblutRund elf Hektar Nadelholzbestand hat die Stadt Lingen in Wachendorf abholzen lassen. Auf der Fläche soll wieder eine Heidelandschaft entstehen. Foto: Ludger Jungeblut

Lingen. Landrat Reinhard Winter hat mit deutlichen Worten die Abholzung von elf Hektar Wald in Lingen-Wachendorf durch die Untere Naturschutzbehörde der Stadt Lingen kritisiert. Die Maßnahme sei weder mit dem Niedersächsischen Forstamt in Ankum noch mit dem Landkreis Emsland abgestimmt worden.

Dort, wo in Wachendorf bis vor einigen Wochen noch Lärchen und Fichten standen, soll künftig wieder die Zwergstrauchheide wachsen. Die Bäume sind Anfang der 1960er-Jahre gepflanzt worden, um die Sanddünen zu festigen und Holz zu gewinnen. Diese Sanddünen sollen nun wieder freigelegt werden, damit sich die noch in Teilen vorhandene kulturhistorische Heidelandschaft im Ortsteil Altenlingen/Wachendorf erweitern kann.

Das Emsland ist eine waldarme Region

In einem Pressegespräch vor der Kreistagssitzung am Dienstag in Meppen erinnerte Winter daran, dass das Emsland eine waldarme Region sei. Während der Landkreis große Anstrengungen darauf verwende, einen 42 Hektar umfassenden „Klimaschutzwald“ mit über 300000 gepflanzten Bäumen in der Region zu realisieren, „werden in Lingen elf Hektar Wald abgeholzt.“

Am Ende der Kreistagssitzung nahm Winter zum Thema auch gegenüber den Kreistagsabgeordneten Stellung. Das Niedersächsische Forstamt Ankum habe ihm gegenüber am Dienstag, dem „Tag des Waldes“, kritisiert, dass die Maßnahme in Lingen nicht mit dem Amt besprochen worden sei. Das Gleiche gelte in Richtung Landkreis. „Wir werden versuchen, in einem gemeinsamen Gespräch das Ganze fachlich aufzuklären, warum man die elf Hektar weggehauen hat“.

„Stadt hätte schriftlichen Antrag stellen müssen“

Am Mittwoch präzisierte die Kreisverwaltung auf Anfrage unserer Redaktion die Vorwürfe: Der Landkreis Emsland als Untere Waldbehörde habe keine Genehmigung für die Waldumwandlung erteilt, die Voraussetzung für die Waldrodung gewesen wäre, heißt es in einer Erklärung. Die Stadt Lingen hätte hierzu beim Landkreis Emsland als Verfahrensführer einen schriftlichen Antrag stellen müssen.

Anfang April ist ein Gespräch der Beteiligten vorgesehen

Anfang April ist vorgesehen, ein Gespräch mit der Stadt Lingen, den Landesforsten und dem Landkreis Emsland zu führen, in dem der Sachverhalt erörtert werden soll. Darauf verweisen der Landkreis und die Stadt Lingen, ebenso Forstamtsdezernent Uwe Aegerter vom Niedersächsischen Forstamt Ankum. Bis dahin wolle er keine weitergehende Stellungnahme abgeben, teilte Aegerter mit.

Nabu lobt Karin Schreiner

Der Nabu Emsland/Grafschaft Bentheim unterstützt nachdrücklich die Bemühungen der Stadt Lingen, in Wachendorf wieder die früher typische Heidelandschaft mit Lebensraum für heute selten gewordene Tier- und Pflanzenarten wieder herzustellen. In diesem Zusammenhang lobte Regionalgeschäftsführerin Jutta Over im Gespräch mit der Redaktion den Einsatz der Leiterin der Unteren Naturschutzbehörde, Karin Schreiner. „Es ist klasse und genau im Sinne des Nabu, wie Frau Schreiner den großflächigen Naturschutz in die Tat umsetzt, indem sie das ökologische Potenzial alter Heidelandschaften neu erschließt.“ Auch in den Niederlanden werde dieser großflächige Naturschutz mit Erfolg praktiziert. Als Beispiel erwähnte sie den Nationalpark De Hoge Veluwe. Nach ihrer Ansicht ist es nicht zu kritisieren, dass standortfremde Lärchen und Fichten auf einer stadteigenen Fläche von elf Hektar entfernt wurden. „Diese Baumarten versauern den Boden und bieten in der Strauch- und Krautschicht kaum Lebensräume für heimische Pflanzen und Tiere.“ Bei der Umwandlung der Fläche handele es sich ohne Einschränkungen um eine Aufwertung im Sinne des Naturschutzes, meinte Over. Unabhängig davon hätte natürlich das zuständige Forstamt Ankum von der Abholzung im Vorfeld informiert werden müssen.

Wertvolle Biotope werden wieder hergestellt

Auch der Vorsitzende des Nabu Emsland Süd, Thomas Weber, begrüßte die Ausweitung beziehungsweise Wiederherstellung von so wertvollen Biotopen wie Sandtrockenrasen und Heide in Wachendorf. Dies umso mehr, wenn die langfristige Zielsetzung eine Vernetzung größerer Flächen dieser Biotoptypen anstrebe. Weber: „Wenn es dazu notwendig erscheint, eine Waldfläche zu roden, geht der Nabu davon aus, dass die entsprechenden Regelungen des Waldgesetzes und die Belange der Bundesartenschutzverordnung geprüft und berücksichtigt werden.“

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Heidelandschaft soll neu entstehen

145 Hektar groß ist das seit dem 20. Dezember 2007 bestehende Naturschutzgebiet (NSG) „Moorschlatts und Heiden in Wachendorf“. Die Stadt Lingen steckt viel Energie darin, die frühere typische Heidelandschaft wieder herzustellen, weil sie Lebensraum für seltene Tier- und Pflanzenarten bietet. Zu nennen sind unter anderem Sandbiene, Zauneidechse, Silbergras und Besenheide. Vor 15 Jahren wurde schon einmal ein Kieferbestand abgeholzt. Auf der Fläche, im Volksmund „Kamelrennbahn“ genannt, haben sich inzwischen wie gewünscht erneut Heide und Magerrasen angesiedelt. Die Flächen in dem NSG sollen laut Stadt ein großes Mosaik mit Sandtrockenrasen, Zwergstrauch- und Wacholderheiden, offenen Binnendünen, Mooren, nährstoffarmen Stillgewässern sowie Hute- und naturnahen Wäldern ergeben. lj