Den Sterbenden eine Stimme geben Projekt in Lingen: Letzte Lieder von Menschen im Hospiz

Von Caroline Theiling-Brauhardt

Und die Welt steht still - Die Kombination aus Videoinstallation und Live-Musik lässt eine besondere Atmosphäre in der Kirche aufkommen. Foto: Marc BartoloUnd die Welt steht still - Die Kombination aus Videoinstallation und Live-Musik lässt eine besondere Atmosphäre in der Kirche aufkommen. Foto: Marc Bartolo

Lingen. „Und die Welt steht still – Letzte Lieder und Geschichten von Menschen im Hospiz“ lautet der Titel eines außergewöhnlichen Musik- und Kunstprojekts, das am 2. September 2017 in der St.-Bonifatius-Kirche in Lingen dargeboten wird.

Es ist ein Projekt des Frankfurter Sozialpädagogen und Journalisten Stefan Weiller . Sein Anliegen: die Stimme derer, die als Sterbende in der Gesellschaft so oft selbst keine mehr haben, wach halten und in neuer Weise zum Klingen bringen – damit die Erinnerung an sie bleibt. Veranstaltet wird es gemeinsam vom Lingener Hospiz, der Hospiz-Hilfe Meppen und dem Stadtpastoral Lingen.

Holger Berentzen, Dekanatsreferent Emsland-Süd und Referent für das Stadtpastoral Lingen, hatte das Projekt während einer Recherche zur Trauerarbeit im Internet entdeckt und es den beiden Vorsitzenden der Hospizvereine Meppen und Lingen vorgestellt. Beide waren sofort begeistert. Da Berentzen auch aus anderen Städten, in denen das Projekt bereits stattfand, „nur äußerst positive Rückmeldungen“ erhalten hatte, fiel schnell die Entscheidung, die Veranstaltung auch nach Lingen zu holen.

Interviews mit Sterbenden

Initiator Stefan Weiller wird im Vorfeld Interviews führen mit Menschen, die die Aufführung selbst nicht mehr miterleben können. Er wird Sterbende besuchen, die stationär oder ambulant begleitet werden. Vermittelt durch die beteiligten Hospizvereine und durch das stationäre Hospiz in Thuine, werden die Gespräche in den nächsten Wochen in der Region stattfinden. Aus Gedächtnisprotokollen und frei nach wahren Motiven schreibt Weiller Texte für die multimediale Aufführung.

In diesen Gesprächen steht für Weiller vor allem eine Frage besonders im Mittelpunkt: „Welche Musik ist Ihnen kostbar und welche Erinnerung verbinden sie damit?“ Dabei spielt es keine Rolle, aus welchem Genre die gewählte Musik stammt. Es kann ein Kinderlied sein, aber auch aus den Bereichen Klassik, Pop oder Rock kommen.

Keine Trauerfeier

Durch die Lieder und Geschichten werden in der Aufführung am 2. September Menschen wieder lebendig, die nicht mehr leben. In der Darbietung zwischen Konzert, Theater, Lesung und Video-Installation werden musikalische Vermächtnisse gesammelt, die nach dem Wunsch manches Gesprächspartners mitunter auch auf der Beerdigung gespielt werden sollen. Aber das Projekt soll nicht den Charakter einer Trauerfeier tragen, sondern ist in vielen Passagen leicht und heiter, aber auch ernst und immer wahrhaftig.

Musiker und Schauspieler tragen vor

Damit das Projekt auch zu einem nachhaltigen Erlebnis wird, wurden bereits einige Aufführende verpflichtet. So wird unter anderem der Lingener Bonifatius-Chor auftreten. Die musikalische Leitung wird Ralf Sach übernehmen, der auch an Klavier und Orgel sitzen wird. Zudem werden Solisten verschiedener Stimmlagen und ein Streicherensemble erwartet. Als Vortragende wird Schauspieler und Synchronsprecher Helmut Krauss sowie Birgitta Assheuer fungieren. Der Video- und Lichtkünstler Ralf Kopp wird das Projekt optisch aufwerten.

Thema aus der Tabuzone holen

Finanziert werden soll die Aufführung, für die kein Eintritt verlangt wird, unter anderem durch die Johann-Alexander-Wischniewsky-Stiftung, die Sparkasse Emsland, die St. Bonifatius-Gesellschaft und den Landkreis Emsland, sodass die gesamten Spenden des Abends dem Hospiz zugutekommen können. Der Kulturausschuss der Stadt Lingen sprach sich in seiner jüngsten Sitzung einstimmig dafür aus, dieses Projekt mit 3000 Euro zu unterstützen. „Mit einer solchen Veranstaltung kann man das Thema Tod und Sterben aus der Tabuzone herausholen“, betonte Ursula Ramelow, stellvertretende Vorsitzende der Lingener Seniorenvertretung, in der Sitzung.

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