Präventionsprojekt Schüler lauschen Unfallschilderungen in Lingen ergriffen

Von Christiane Adam

Mutig: Anna erzählt auf der Bühne über die Halloweennacht, als sie am Steuer dieses Unfallwagens saß. Foto: Christiane AdamMutig: Anna erzählt auf der Bühne über die Halloweennacht, als sie am Steuer dieses Unfallwagens saß. Foto: Christiane Adam 

Lingen. Mit den Folgen schwerer Verkehrsunfälle hat jetzt das Präventionsteam „Abgefahren – wie krass ist das denn“ Elftklässler mehrerer Schulen aus dem südlichen Emsland konfrontiert.

Wenn viele Schüler zusammensitzen, wird häufig gekichert und getuschelt. Nicht so im Theater an der Wilhelmshöhe, wo sich die Elftklässler der Gymnasien Georgianum, Franziskus und Leoninum sowie der Berufsbildenden Schulen Lingen und Thuine eingefunden hatten. Spürbar ergriffen lauschten sie den Schilderungen von an schwersten Verkehrsunfällen Beteiligten. Das Präventionsprojekt „Abgefahren – wie krass ist das denn“ hatte Menschen, die in unterschiedlicher Weise zu Akteuren geworden waren, auf die Bühne des Theaters geholt, um zum vierten Mal jungen Fahranfängern eindrücklich zu verdeutlichen, welch schwerwiegende Folgen Leichtsinn und Unaufmerksamkeit im Autoverkehr haben können.

Innerstes nach außen gekehrt

Polizisten, Feuerwehrleute, eine Notfallseelsorgerin und eine junge Autofahrerin, die in einen schweren Unfall verwickelt war, kehrten schonungslos ihr Innerstes nach außen. Und das nicht etwa, um einen Actionfilmeffekt zu erheischen, sondern, wie Verkehrssicherheitsberaterin Heike Berding betonte, „weil Unfälle nicht einfach so passieren. Oftmals liegt es an Unerfahrenheit oder jugendlichem Leichtsinn, wenn junge Autofahrer verunglücken.“

„Man funktioniert einfach nur“

Stefan Kuper, Polizist in Freren, schilderte, wie er und ein Kollege an einem Halloweenabend vor ein paar Jahren als Erste einen Unfallort erreichten. „Der Beifahrer war vom Motorblock vollkommen eingeklemmt und gab keinerlei Lebenszeichen mehr von sich“, erzählte er sichtlich bewegt und gab Einblick in die Fragen, die ihm als in dem Moment Verantwortlichen durch den Kopf gingen, am Ende diese: „Wer muss jetzt das Schlimmste machen, die Mutter des toten Jungen benachrichtigen?“ Man funktioniere einfach nur noch in solchen Situationen.

„Ein Tag, der alles verändert hat“

Noch näher am Geschehen war an jenem Halloweenabend Anna. Sie war die 17-jährige Fahrerin des Unfallwagens. Nach Kuper betrat sie die Bühne und nahm die Jugendlichen mit auf die Fahrt ins Industriegebiet am Sender, um über jenen „Tag in meinem Leben, der alles verändert hat“, zu berichten. Aufgewühlt aber klar erzählte sie, wie die Fahrt mit Freunden plötzlich in einer Katastrophe endete, als ihr Beifahrer jäh die Handbremse zog – aus Spaß. Für ihn selber endete dieser unüberlegte Moment tödlich. „Ich stehe hier, weil ich euch sagen möchte: Lasst die Finger von Alkohol und Drogen, besonders am Steuer.“

Hilflosigkeit

Letzteres wiederholten stetig und eindringlich auch Hans-Jürgen Lübbers von der Polizei, Michael Greve und Thomas Schmidt von der Freiwilligen Feuerwehr sowie Martina Korporal als Notfallseelsorgerin, die vor einigen Jahren alle zu einem Frontalcrash auf der Lingener Umgehungsstraße herbeigerufen worden waren. Dort starben zwei Menschen – eine Mutter und ihr zweijähriger Sohn; ihr vierjähriger Sohn sowie der Fahrer des anderen Wagens wurden schwer verletzt. „Ich möchte solche Bilder nicht wieder auf meiner Festplatte haben“, appellierte Lübbers an die künftigen Teilnehmer im Straßenverkehr. Den abwechselnden Schilderungen der beiden Feuerwehrleute war zu entnehmen, wie nahe den Helfern das Geschehene gegangen war und auch heute noch geht. Mit realen Bildern vom damaligen Unfallort auf der Leinwand ließen die beiden die Zuhörer an ihren Gefühlen teilnehmen, räumten dabei eigene Hilflosigkeit ein: „Wo sollten wir drei Feuerwehrleute da nun anfangen?“, so Profi Schmidt. „Wir üben regelmäßig, aber jeder Unfall ist anders“.

„Lasst eure Wünsche nicht platzen“

Am Ende der Vorstellung holten alle Akteure einen Ballon mit Lebenswünschen auf die Bühne. Diese Wünsche waren zuvor von den Schülern aufgeklebt worden. „Gesundheit, Familie und Frieden“, diese Wünsche fielen häufig – bis Heike Berding den Ballon platzen ließ, symbolisch. „Lasst eure Wünsche nicht so einfach platzen. Zeigt euch verantwortlich. Ich wünsche mir, dass meine Kollegen nicht mehr zu solch schweren Unfällen gerufen werden müssen.“


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