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Verhandlung Schüsse auf Flüchtlinge in Lingen: Ein Jahr und zehn Monate auf Bewährung

Ein 22-jähriger Lingener hat am 11. Januar 2017 vor dem Amtsgericht gestanden, am 10. und 12. Juni 2016 mit einem Luftgewehr auf Flüchtlinge geschossen haben, die sich hinter der Unterkunft am Langschmidtsweg in Lingen befindet. Foto: Wilfried RoggendorfEin 22-jähriger Lingener hat am 11. Januar 2017 vor dem Amtsgericht gestanden, am 10. und 12. Juni 2016 mit einem Luftgewehr auf Flüchtlinge geschossen haben, die sich hinter der Unterkunft am Langschmidtsweg in Lingen befindet. Foto: Wilfried Roggendorf 

Lingen. Ein 22-Jähriger, der mit Schüssen aus einem Luftgewehr Flüchtlinge in Lingen verletzt hatte, ist vom Schöffengericht des Amtsgerichtes Lingen jetzt zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten, ausgesetzt zur Bewährung, verurteilt worden.

Der Angeklagte nickte zustimmend, als die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer neben der Freiheitsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung und Urkundenfälschung unter anderem eine ambulante psychotherapeutische Behandlung als Bewährungsauflage forderte. Dem 22-Jährigen war offenbar bewusst geworden, was er im Juni 2016 mit den Schüssen auf das Flüchtlingswohnheim im Lingener Langschmidtsweg angerichtet hat. Drei Flüchtlinge, darunter ein fünfjähriges Mädchen, wurden damals von den Luftgewehrkugeln am Bein getroffen. Sie erlitten Hämatome und leichte Abschürfungen beziehungsweise Prellungen.

Prozessstart mit Geständnis

Während der Ermittlungen hatte der Angeklagte die Taten stets abgestritten. Doch zur Überraschung aller Prozessparteien begann die Verhandlung mit einem voll umfassenden Geständnis des Mannes. Er gab sowohl die Schüsse als auch eine im vorgeworfene Urkundenfälschung zu. Der damals Arbeitslose hatte die Unterschrift einer Fallmanagerin des Landkreises Emsland auf einem Laufzettel gefälscht, um eine Kürzung oder gar Sperrung von Leistungen zu verhindern.

Nur einer von 17 Zeugen gehört

Mit diesem Geständnis konnte das Verfahren deutlich verkürzt werden. Von den ursprünglich 17 geladenen Zeugen wurde nur noch der die Ermittlungen leitende Polizeibeamte vernommen. Er beschrieb den 22-Jährigen als schwer einschätzbar. Eine Kollegin habe schon eine früher vom Angeklagten gegen einen Mitschüler ausgesprochene Morddrohung für realistisch und sogar einen Amoklauf für möglich gehalten.

Waffe in Wohnung des Angeklagten beschlagnahmt

Ein Waffensachverständiger des Landeskriminalamtes trug vor, dass zumindest eines von zwei an der Flüchtlingsunterkunft gefundenen Luftgewehrgeschossen nachweislich aus der Waffe stamme, die in der etwa 50 Meter von der Flüchtlingsunterkunft entfernt liegenden Wohnung des Angeklagten beschlagnahmt worden war. Zu den Verletzungen der Opfer sagte der Sachverständige: „Das waren die, die bei dieser Entfernung zu erwarten waren.“ Zudem sei es mit einem solchen Luftgewehr trotz des Zielfernrohrs auf der Waffe sehr unwahrscheinlich, einen Menschen gezielt zu treffen. Die Flüchtlingsunterkunft sei im Übrigen aus der Wohnung des Angeklagten nur dann schemenhaft zu erkennen, wenn länger durch den Laubvorhang geschaut werde.

Kombinierte Persönlichkeitsstörung

Das Gericht hatte zudem einen Psychiater beauftragt, den Angeklagten zu begutachten. Dieser bezeichnete den Mann als durchschnittlich intelligent. Er leide jedoch an einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit dissozialen und narzisstischen Merkmalen. Es falle dem Angeklagten schwer, sich an Regeln zu halten. Er habe eine Frustrationsintolleranz, sei selbstverliebt und hege den Wunsch nach Beachtung. Dies ändere jedoch nichts an der vollen Schuldfähigkeit des 22-Jährigen.

„Anschluss bei den falschen Leuten“

Dies deckte sich mit den Aussagen des Angeklagten während seines Geständnisses und der Befragung durch den Vorsitzenden Richter. „Ich habe geschossen, aber nicht vorsätzlich auf Personen, die ich durch den dichten Blätterwald nicht sehen konnte, um ein bisschen Frust wegen meiner über ein Jahr andauernden Arbeitslosigkeit und Gespräche mit meiner Fallmanagerin loszuwerden“, erklärte er. Über ein Jahr lang habe er auch der rechten Szene angehört und sei in der NPD gewesen. „Dort habe ich Anschluss gesucht und bei den falschen Leuten gefunden.“ Im Moment, als er geschossen habe, habe er weder an die Konsequenzen für sich noch für andere gedacht. „Heute ist mir klar, dass bei den Opfern alles, was sie erlebt haben, wieder hochkommt.“ Mit Politik wolle er heute nichts mehr am Hut haben.

Freiwillig in Therapie begeben

Nur wenige Wochen nach den Schüssen habe er sich freiwillig und gegen den Willen seiner Eltern in eine stationäre Therapie begeben: „Ich wollte lernen, besser mit meiner Impulsivität umzugehen und aus meinem damaligen Freundeskreis rauskommen.“ Derzeit absolviere er eine Ausbildung zum Rettungssanitäter, die Ende Januar mit einer Prüfung abschließen würde. Danach hoffe er auf eine Übernahme bei seinem jetzigen Praktikumsgeber.

Entschuldigung an die Opfer übermitteln

In ihrem Plädoyer forderte die Staatsanwältin neben der Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten und der ambulanten Therapie, die der Angeklagte ohne Zustimmung des Therapeuten nicht abbrechen dürfe, die Einziehung der Waffe und eine Zahlung von 250 Euro Schmerzensgeld an jedes Opfer. Die Anwälte der Opfer als Vertreter der Nebenklage forderten zwei Jahre Freiheitsstrafe auf Bewährung. „Im Gefängnis wird der Angeklagte nicht besser. Es muss gelingen, ihn wieder in die Gesellschaft einzugliedern“, sagte ein Anwalt, der zwei der drei Opfer vertrat. Zudem solle er keine Waffen oder ähnliche Gegenstände mehr besitzen dürfen. Die Höhe des von der Staatsanwältin geforderten Schmerzensgeldes sei abgesprochen. „Physisch sind keine schweren Verletzungen entstanden, psychisch schon“, betonte der Anwalt. Er dankte ausdrücklich der Opferhilfe und Mitarbeitern des SKM, die den Getroffenen in ihrer Situation geholfen hätten. In seinem letzten Wort bat der Angeklagte die Anwälte der Opfer ausdrücklich darum, ihnen seine Entschuldigung auszurichten.

Gericht geht über Antrag hinaus

Mit seinem Urteil von einem Jahr und zehn Monaten Freiheitsstrafe ging das Gericht über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinaus. Das beantragte Schmerzensgeld könne der Angeklagte, der zur Zeit von seinen Eltern finanziell abhängig ist, in Raten von monatlich 30 Euro zahlen. Auch entsprach das Gericht in seinem Urteil dem Antrag auf eine ambulante Therapie. Darüber hinaus untersagte es dem Angeklagten, Waffen oder waffenähnliche Gegenstände zu besitzen. Dies soll während der drei Jahre dauernden Bewährungszeit von einem Bewährungshelfer kontrolliert werden, der jederzeit unangekündigten Zugang zur Wohnung des Angeklagten hat.

Kritik an Anwalt

Ohne sein Geständnis hätte der Angeklagte keine Chance auf eine Bewährung gehabt, erklärte der Vorsitzende Richter in der Urteilsbegründung. Er wies zudem auf die Vorverurteilung in sozialen Medien hin, die beim Angeklagten eine erhebliche Drucksituation aufgebaut hätte. Schon im Verlauf der Verhandlung hatte der Richter kritisiert, dass ein Anwalt aus Lingen, der sonst für Rechtsstaatlichkeit eintrete, in seinem Blog ein Foto des Angeklagten veröffentlichte.

Verteidigung, Staatsanwaltschaft und Nebenklage erklärten Rechtsmittelverzicht. Damit ist das Urteil rechtskräftig.

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