Verhaftet im Iran, bedroht in Kirgisistan Lingener Student verkauft Besitz und geht auf Weltreise

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Lingen. Einfach alles verkaufen und auf Weltreise gehen? Ein Traum, den sich Benjamin Krämer und seine Freundin Ellada Azoidou derzeit erfüllen. Auf ihren ersten Stationen im Iran, Usbekistan und Kirgisistan haben sie Abenteuerliches erlebt – und einmal schien ihnen bereits ihr letztes Stündlein geschlagen zu haben.

Es gab diesen Moment in Kirgisistan, in dem Benjamin Krämer auf dem Motorrad auf seine Freundin wartet, sich aber plötzlich ein Betrunkener vordrängelt und sich das Pärchen von einer ganzen Horde betrunkener Männern umzingelt sieht. Dahinter eine ebenfalls betrunkene Gasthaus-Besitzerin, die mehr Geld haben will, als ursprünglich abgesprochen. „Das war der Moment, in dem wir uns sicher waren: Das geht jetzt in die Hose, die wollen das Geld aus uns herausprügeln.“

Benjamin Krämer sitzt in Malaysia, als er uns diese Geschichte berichtet. Das Internet macht es möglich, dass der ehemalige Lingener Student gut verständlich von seiner Reise erzählen kann. Seit Mai ist der Kommunikationswissenschaftler schon unterwegs, den Entschluss zur Weltreise fasste er recht kurzfristig. Binnen sechs Monaten bereitete das Paar alles für die Reise vor, die rund drei Jahre dauern soll – mindestens.

Mit dem Motorrad über den Pamir Highway

Benjamin Krämer arbeitete bereits während seines Studiums nebenberuflich als Kommunikationstrainer und beim Deutschen Roten Kreuz in Hameln. Insgesamt sparten Benjamin Krämer und seine Partnerin Ellada Azoidou rund 16.000 Euro zusammen und machten sich auf den Weg Richtung Mongolei. „Dieses Ziel stand für uns von Anfang an fest, weil wir beide leidenschaftlich gerne Motorrad fahren.“ Und der Weg dorthin ließ sich mit dem berühmten Pamir Highway, der zweithöchst gelegenen Fernstraße der Welt, verbinden. Eine Entscheidung, die sie mit viel Kopfschmerzen und Erbrechen bezahlen mussten: „Wir litten beide furchtbar unter der Höhenkrankheit.“

Besondere Gastfreundschaft im Iran

In den ersten Monaten ihrer Reise hat das Paar die ersten Abenteuer bereits gut verkraftet. Was sie auf ihrer bisherigen Route besonders beeindruckt hat? „Die Freundlichkeit der Menschen im Iran“, sagt Benjamin Krämer. Zum einen sei die Einreise sehr einfach gewesen – binnen zwei Wochen sei das Visum da gewesen. Auch im Land seien sie überwältigt gewesen von der Gastfreundschaft der Iraner. „Wir sind so oft zum Essen eingeladen worden, die Polizeibeamten waren so freundlich zu uns, die Menschen haben uns Äpfel geschenkt und die Kassierer in den Maut-Häuschen haben uns gratis durchgewinkt – obwohl auf den Straßen gar keine Motorräder zugelassen sind.“

In Teheran sei ihnen dann ihr erstes kleines Abenteuer zugestoßen. Wieder einmal wurden sie zur Übernachtung eingeladen. Von einem freundlichen Herrn, der sich schließlich als Drogendealer entpuppte. Dabei habe es sich aber aber um keinen kleinen Dealer gehandelt, der auf der Straße Opium verticke – sondern um den Besitzer mehrere Opium-Farmen, der auch ganz offen über seine Arbeit berichtete und das deutsche Pärchen in seinem Luxusappartement in der Stadt übernachten ließ.

Verhaftet und verhört

An der Grenze, kurz vor Turkmenistan, wurde es dann plötzlich brenzlig. Auf einem Bergrücken direkt am Grenzübergang hielt auf einmal ein Polizeiauto hinter den Reisenden. „Wir haben uns schon gefreut, weil die iranischen Polizisten doch immer so freundlich zu uns waren“, sagt Benjamin Krämer. Aber diese hier waren es nicht. Sie zeigten sich sehr einsilbig und brachten das Pärchen schließlich auf eine Polizeiwache, die aussah wie ein Knast.

Militärpolizei und Geheimdienst verhörten die beiden, und irgendwann begriffen sie, dass ihnen offenbar vorgeworfen wurde, eine Militärbasis fotografiert zu haben. Ihre Kamera und ihre Pässe mussten sie abgeben. „Wir hatten zum ersten Mal Angst“, sagt Benjamin Krämer. Zu gut erinnert er sich an Geschichten von Touristen, die wegen irgendwelcher Missverständnisse hinter Gittern landeten. „Ich denke, dass wir als Deutsche einen Bonus hatten“, sagt der 30-Jährige. „Die Iraner haben ein sehr positives Bild von Deutschland.“ Als schließlich die Revolutionsgarden auftauchten, schlug die Stimmung urplötzlich um: Die Pässe wurden zurückgegeben, man unterhielt sich über das Reisen und trank gemeinsam Tee. „Am Ende mussten wir ein unverständliches Protokoll unterschreiben, dann wurden Fotos mit uns geschossen und die gesamte Mannschaft von mindestens 15 Mann winkte uns zum Abschied. Verrückt, dieses Land!“, schreiben die beiden auf ihrem Internetblog.

Ärger mit der Gastwirtin

Richtig zur Sache ging es dann in Kirgisistan: Geschwächt von einer Lebensmittelvergiftung waren sie nicht wählerisch bei der Wahl ihres Gasthauses, sondern einfach nur froh, nachts irgendwo unterzukommen. Doch mitten in der Nacht bemerkte das Pärchen, wie sich jemand an ihrer Zimmertür zu schaffen machte – die zum Glück abgeschlossen war. Aus anderen Räumen schallte laute Partymusik durchs Haus. Als sie am frühen Morgen weiterreisen wollten, trafen sie auf die letzten, noch stark betrunkenen Partygäste. Auch die Besitzerin des Gasthauses hatte glasige Augen – und wollte auf einmal deutlich mehr Geld haben als ursprünglich ausgemacht. Als Benjamin Krämer sich weigerte und mit dem Motorrad losfahren wollte, sprang einer der Partygäste plötzlich mit aufs Motorrad und nahm den Platz von Ellada ein, die das Eisentor des Grundstücks geöffnet hatte, um losfahren zu können. Die ganze Stimmung war aggressiv, und genau das war der Moment, in dem sich Benjamin Krämer sicher war, dass die Sache schief gehen würde. Doch sie hatten Glück: Ein Auto kam zufällig vorbei. Ellada, die als Halb-Griechin und Halb-Russin fließend russisch spricht, hielt die Fahrerin an und bat sie, die Polizei zu rufen – woraufhin sich die Partygäste zurückzogen.

Reisen per Motorrad, Fahrrad, Pferd und Kanu

Mittlerweile sind die beiden in Südostasien als Backpacker unterwegs. Das Motorrad hat den Pamir Highway nicht überlebt, und Ersatzteile haben die Reisenden wegen EU-Sanktionen nicht erhalten, berichtet Benjamin Krämer. Nach Malaysia und Thailand stehen Neuseeland und Australien auf der Reiseroute, wo sie auf Rinder- oder Pferdefarmen arbeiten und Geld für ihr Vorhaben verdienen wollen. Dort wird es dann auch ein Wiedersehen mit der Familie geben, ehe es weiter nach Südamerika, die USA und Kanada geht. Dabei ist der Anspruch der Reisenden nicht nur, möglichst viel von der Welt zu sehen, sondern auch möglichst viele Reisemöglichkeiten zu testen. Mit dem Fahrrad durch Neuseeland, mit dem Pferd durch die USA, mit dem Kanu durch Kanada – so lautet der Plan.

Rückkehr ausgeschlossen?

Neben dem Reiseblog, den Benjamin Krämer regelmäßig pflegt, wird nach dem Ende der Reise auch ein Buch im Ullstein-Verlag erscheinen, in dem der 30-Jährige bereits einen Ratgeber zum Thema Kommunikation veröffentlicht hat. Bevor es soweit kommt, gilt es aber noch, die halbe Welt zu bereisen. Heimweh hat das Paar bislang nicht. „Derzeit können wir uns gar nicht mehr vorstellen, überhaupt einmal wieder zurückzukommen.“

Wer mehr über die beiden wissen will, erfährt auf ihrem Blog „Horizonride“ alle spannenden Geschichten ihrer Reise: www.horizonride.de


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