Notfallschutz im Emsland Ernstfall im AKW Lingen – Was ist zu tun?

Von Harry de Winter

Seit 1988 ist das Kernkraftwerk Emsland bei Lingen am Netz. Doch was muss die Bevölkerung tun, wenn es zu einem ersthaften Störfall kommt? Foto: dpaSeit 1988 ist das Kernkraftwerk Emsland bei Lingen am Netz. Doch was muss die Bevölkerung tun, wenn es zu einem ersthaften Störfall kommt? Foto: dpa

Lingen. Was ist zu tun, wenn es im Kernkraftwerk Emsland bei Lingen zum Ernstfall kommt? Aufgabe der Landkreise Emsland und Graftschaft Bentheim ist es, die Auswirkungen eines kerntechnischen Unfalls auf die Bevölkerung zu vermeiden und zu begrenzen.

Die Unfälle in Tschernobyl und Fukushima haben sich bei vielen ins Gedächtnis gebrannt. Die Regionen um die Kraftwerke sind für Jahrhunderte unbewohnbar. Bei Lingen steht das Atomkraftwerk Emsland. Doch ein Vergleich mit den beiden Unfallreaktoren in der Ukraine und in Japan hinkt. Zum einen sei die Art der Reaktoren sehr unterschiedlich, schreibt der Betreiber RWE Power AG. Im Emsland verrichtet ein Druckwasserreaktor seinen Dienst, bei dem der Wasser-Dampf-Kreislauf und Reaktorbehälter voneinander getrennt sind. In Fukushima und Tschernobyl stehen Siedewasserreaktoren, bei dem Reaktor und Wasser-Dampf-Kreislauf miteinander verbunden sind und Radioaktivität bei Lecks leichter entweichen kann. Außerdem seien Erdbeben und Tsunami im Emsland eher unwahrscheinlich, so RWE weiter.

Bevölkerung wird gewarnt

Trotzdem bleibt ein Restrisiko vorhanden, dass es zu einem schweren Unglück kommen könnte. Aufgabe der Landkreise Emsland und Graftschaft Bentheim ist es, die Auswirkungen eines kerntechnischen Unfalls auf die Bevölkerung zu vermeiden und zu begrenzen. Die Bevölkerung soll dann in mehreren Schritten unterrichtet werden. Als Erstes heulen Sirenen in einer Dauer von einer Minute auf. Das soll darauf hinweisen, dass die Bürger den Rundfunk einschalten und auf Durchsagen achten sollen. Für weitere Informationen werden Lautsprecherwagen der Polizei, der Feuerwehr und des Katastrophenschutzes eingesetzt.

Im Haus bleiben

Gleichzeitig mit den Warnungen leitet die Katastrophenschutzbehörde weitere Maßnahmen ein. Doch auch die Anwohner können sich selbst schützen. Freigesetzte radioaktive Stoffe werden vor allem mit der Luft transportiert. Daher empfiehlt es sich, im Haus zu bleiben, möglichst im Keller. Alle Fenster und Türen müssen geschlossen gehalten und Lüftungsanlagen ausgeschaltet werden. Das empfiehlt der Landkreis Emsland in einem Schreiben. Der Weg ins Freie soll vermieden werden. Falls dieser doch unumgänglich ist, dann soll bei der Rückkehr die Kleidung vor dem Haus abgelegt, danach der Kopf, Hände und alle unbedeckten Körperflächen unter fließendem Wasser mit Seife gewaschen werden. Das Leitungswasser kann unbesorgt weiter verwendet werden, da die Wasserwerke unter ständiger Aufsicht stehen.

Warum Jodtabletten?

Bei einem Unfall kann radioaktives Jod aus dem Kraftwerk freigesetzt werden. Jodtabletten sättigen die Schilddrüse mit nicht radioaktivem Jod und verhindern so die Anreicherung von radioaktivem Jod in der Schilddrüse. Für den Ernstfall werden Kaliumjodidtabletten für die Verteilung an die Bevölkerung vom Katastrophenschutz bevorratet und ausgeteilt. In den Niederlanden wurden solche Tabletten bereits an die Menschen verteilt.

Wann wird evakuiert?

Eine Evakuierung der Menschen kommt in Frage, wenn Menschen ein gefährdetes Gebiet rasch und organisiert verlassen müssen. Die Festlegung dieses Gebietes hängt von mehreren Faktoren ab, wie zum Beispiel der Windrichtung und anderen Wetterverhältnissen. Über eine Einleitung der Evakuierung entscheidet die Katastrophenschutzbehörde. Kinder, die in Schulen oder Kindergärten sind, werden mit ihren Betreuern und Lehrern in Sicherheit gebracht und später an einem Sammelpunkt wieder mit ihren Familien zusammengeführt.

Verdacht auf Kontamination

Von den Katastrophenschutzbehörden werden Notfallstationen eingerichtet. Ihre Lage wird in den Rundfunkdurchsagen bekannt gegeben, ebenfalls die Gebiete mit einer besonderen Gefährdung durch radioaktive Stoffe. Menschen aus solchen Gebieten sollten zu einer Notfallstation kommen. Dort kann eine Kontamination mit radioaktiven Stoffen festgestellt und von ausgebildeten Helfern des Katastrophenschutzes beseitigt werden. In den Notfallstationen sind auch Ärzte anwesend, die eine mögliche Strahlenbelastung abschätzen und über weitere medizinische Maßnahmen entscheiden können.

Ein Ernstfall sei unwahrscheinlich

Trotzdem ist der Landkreis Emsland davon überzeugt, dass es im Kernkraftwerk Emsland nie zum Ernstfall kommen wird. Ein nach westlichen Standards gebautes und genehmigtes Kraftwerk könne aus physikalischen Gründen nicht explodieren, so der Landkreis in einem Schreiben. Es sei so konstruiert, dass bei allen Störfällen ein nennenswerter Schaden in der Umgebung vermieden werden kann.


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