Betriebe vor Herausforderungen Referent in Lingen: Erfolgreicher Landwirt auch Manager

Von Heinz Krüssel


Lingen. Den landwirtschaftlichen Familienbetrieb klassischer Prägung mit Vater, Mutter, Kind, eventuell noch Oma und Opa, sieht Rolf Brauch, Regionalbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Baden, am Ende. Der Agraringenieur und Theologe sieht die Zukunft im familiengeführten landwirtschaftlichen Unternehmen, wie er bei einem Vortrag am 22. November 2016 in Lingen erläuterte.

Familienberater und Seelsorger Brauch arbeitet an der Ländlichen Heimvolkshochschule Neckarelz und referierte vor 120 Landwirten im Saal Klaas-Schaper in Lingen zu den Herausforderungen der landwirtschaftlichen Betriebe. Die Landwirtschaft blickt auf durchwachsene Jahre 2015 und 2016 zurück, erklärten der Vorsitzende des Vereins landwirtschaftlicher Unternehmer (VLU), Peter Janßen, und Hermann Diekmann von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Für alle Betriebe, die nichts mit Federvieh zu tun hätten, seien es angesichts der schlechten Erlöse sogar zwei grausame Jahre gewesen. Der Frust und der finanzielle Druck belasten die bäuerlichen Familien sehr. „Vor diesem Hintergrund freuen wir uns auf den Vortrag von Rolf Brauch, der uns neue Wege für ein gutes gemeinsames Gelingen von betrieblichem Erfolg und familiärem Glück aufzeigen will.“

Manager im eigenen Unternehmen

„Der erfolgreiche Landwirt der Zukunft führt seinen Familienbetrieb, führt Mitarbeiter und führt auch Buch, ist also Manager in seinem eigenen Unternehmen“, so die These des Referenten. Nur die Besten, die Profis, hätten gute Perspektiven. Nicht alle Landwirte würden den rasant fortschreitenden Strukturwandel schaffen. Zum Leben gehöre, dass man auch scheitern könne. „Wichtig ist dabei, dass man geordnet und fröhlich scheitert und sich eine neue Herausforderung sucht, in der man Spaß und Freude ebenso wie Erfüllung findet“, empfahl der Referent, möglichst rechtzeitig die Reißleine zu ziehen. Die Zukunft fürchten müsse nur der, der keine Alternativen habe. (Lesen Sie auch: Agrarkrise: Wo der Frust auf manchen Höfen hinführt)

Wachstum bedeutet Hamsterrad

„Das Leben ist hart und jeder muss für sich selbst entscheiden, welchen Weg er in Zukunft gehen will. Wählt er Wachstum, begibt er sich in ein Hamsterrad, in Abhängigkeiten“, sagte der Referent und fügte hinzu: „Aber wir Bauern sind an unserem Elend doch selber schuld. Nicht, dass wir zu immer niedrigeren Stückkosten produzieren. Nein, wir zahlen auch noch absurd hohe Pachtpreise, um weiter zu wachsen. Wir bekommen ja Subventionen, da kann man ja was von abgeben“, provozierte Brauch und regte zum Nachdenken an. Er halte nichts von dem alten Spruch „Wachsen oder weichen“. Der Rhythmus der Vergrößerung wachse immer schneller. Da stelle sich dann irgendwann die Frage: Hält das Herz, hält der Verstand und hält der Geldbeutel das aus?

Lebensqualität für die Familie ist wichtiger

Nach seiner Erfahrung sei der Aspekt Lebensqualität für die Familie viel wichtiger. Familienbetriebe leben nach seiner Überzeugung in erster Linie auch davon, wie Partnerschaft gelingt. Die Bäuerinnen rief Brauch auf, auch das zu machen, was ihnen Spaß macht. Jeder wolle etwas von der Bäuerin, der Hausfrau und Mutter. Das mache auf Dauer oftmals krank, mit all den negativen Folgen für die Familie. Stabile Ehen würden gemeinsame Interessen, gemeinsame Aktivitäten gebrauchen. In dem Zusammenhang rief Brauch dazu auf, sich die Zeit für gemeinsame Aktivitäten mit der Familie zu nehmen; dazu gehöre auch der gemeinsame Urlaub.

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Wie läuft eine Hofübergabe ab? Diese Frage hat Rolf Brauch in seinem Vortrag aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Ökonomische Aspekte stünden meistens im Vordergrund. Wertschätzung, Offenheit und Kommunikation kämen oft zu kurz.

Der Referent rief Hoferben dazu auf, dankbar zu sein für das Geschenk und für das Vertrauen: „Was du erbst von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.“ Diese Aussage könne eine produktive Übereignung bedeuten. Die Eltern verschenken Vermögen, in dem Vertrauen, dass der Übernehmer es auf die eigene Art und Weise nutzt.

Doch bevor es zur Hofübergabe komme, solle der künftige Betriebsinhaber sich rechtzeitig abnabeln. „Raus aus dem Hotel Mama, Erfahrungen sammeln und sich bewähren“ laute die Devise. Grundvoraussetzung sei eine umfangreiche Aus- und Weiterbildung. Mit etwa 30 Jahren müsse dann die Entscheidung fallen: Ich mache es oder ich mache es nicht.

Schlimm werde es für alle Beteiligten, wenn es auf dem Hof zu einem Konflikt der Generationen komme. Brauch machte dies an einem Beispiel aus seiner beruflichen Praxis deutlich: Der 86-jährige Opa wollte auf den Hof bestimmen und seinem 65-jährigen Sohn und seinem 28-jährigen Enkel vorschreiben, wie moderne Landwirtschaft funktioniert. Unter dem ständigen Streit darum hätten insbesondere die Ehefrauen sehr gelitten. „Es stand kurz vor der Katastrophe, denn die Ehefrau des Sohnes und ebenso die des Enkels wollten den Hof verlassen.“ Brauch rief dazu auf, in Familienkrisen fachlichen Rat in Anspruch zu nehmen.

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