Mein Job und Ich Pädagoge über Birkenstock-Schlappen, Jugendsprache und Hausarrest

In der Serie „Mein Job und Ich“ gehen wir Vorurteilen auf den Grund und haben mit Sozialpädagogen Matthias Wels vom Alten Schlachthof gesprochen. Foto: Julia MauschIn der Serie „Mein Job und Ich“ gehen wir Vorurteilen auf den Grund und haben mit Sozialpädagogen Matthias Wels vom Alten Schlachthof gesprochen. Foto: Julia Mausch

Lingen. Sozialpädagogen tragen Birkenstockschlappen, Jugendwörter wie „Bambus-Leitung“ sagen ihnen gar nichts und mit der verzogenen Jugend heute ist der Umgang komplizierter denn je. Stimmt das? In der Serie „Mein Job und Ich“ gehen wir Vorurteilen auf den Grund und haben mit Matthias Wels vom Alten Schlachthof gesprochen.

Herr Wels, seien Sie ehrlich: Waren Sie als Jugendlicher immer lieb und nett?

(lacht) Klar hab ich auch Mist gebaut. Man hat mal über den Durst getrunken, ist abends nicht zur vereinbarten Zeit nach Hause gekommen. Das sind alles so Phasen, die man durchmacht. Im Großen und Ganzen würde ich sagen, ich war nicht schlimm, aber da müsste ich noch einmal meine Mutter fragen…

Wie hat denn Ihre Mutter damals auf diese „Böcke“ reagiert?

Ja, wie hat sie reagiert? Wenn ich mal „Mist“ gebaut habe, wurde ich ermahnt, Konsequenz eher selten, sage ich mal. Ich habe dann mal Hausarrest bekommen, das war‘s dann auch. Ich glaube, der „Mist“ war nicht so gravierend … oder sie hat es nicht mitbekommen, das könnte natürlich auch sein (lacht).

Und die Jugend ist heute schlimmer als damals?

Jugendliche sind definitiv nicht schlimmer, als damals. Sie tanzen mal aus der Reihe, Jugendliche sind Jugendliche. Das ist eine Phase und die ist völlig normal.

Schon einmal der Geduldsfaden gerissen?

Ein einziges Mal. Damals wurde es aber auch brenzlig. Zwei Jugendliche hatten einen Konflikt untereinander. Zuerst wurde versucht, den Streit mit Worten zu lösen, sachlich, ruhig. Das hat alles nicht funktioniert. Dann musste ich körperlich aktiv werden, um die beiden Parteien voneinander zu trennen.

Sie trinken keinen Fencheltee und Schlappen und Leinenhosen tragen Sie auch nicht. Dem typischen Bild eines Sozialpädagogen entsprechen Sie nicht.

Ich war früher auch regelmäßig im Jugendzentrum. Klar, man hatte dieses klassische Bild im Kopf: Birkenstock-Schlappen und alternativ gekleidet. Ich muss aber sagen, das war früher auch schon nicht mehr. Und heutzutage erst recht nicht. Ich bin selber auch nicht so, ich trage nicht solche Schlappen und bin auch nicht der Oberlehrer.

…sondern?

Klar, es gibt bestimmte Situationen mit Jugendlichen, wo man dementsprechend auch Vorbild sein, ermahnen und konsequent sein muss, das ist völlig normal, aber das suchen die Jugendlichen ja auch. Sie suchen Grenzen, die Grenzen bekommen sie und darüber hinaus ist man Ansprechpartner. Man ist Zuhörer, ist Animateur. Aber dieses klassische Bild, was man von einem Sozialpädagogen hat,ist auch mehr ein Klischee als die Realität – zumindest ist von meinen Kollegen keiner so.

Ist es nicht kompliziert, auf der einen Seite ein Kumpel zu sein und dann gleichzeitig Regeln aufzustellen?

Ja, das ist schwierig. Man hat immer Jugendliche, die einem mehr oder weniger am Herzen liegen. Die Kunst ist es zu gucken, wie weit man etwas an sich heranlässt und wann man sagt, hier ist Stopp. Das fängt bei der eigenen Handynummer an. Klar, fragen mich die Jugendlichen nach der und dann muss man klar sagen, dass man die nicht rausgibt, weil man im Jugendzentrum nicht privat, sondern beruflich ist. Den Balanceakt zu finden, ist manchmal nicht so einfach. Aber bisher hat noch kein Jugendlicher gesagt: „Der hat mir nicht die Nummer gegeben, also finde ich den jetzt doof.“

„Isso“, „Vollpfostenantenne“, „Hopfensmoothie“ und „Bambusleitung“ – Wie gut kennen Sie sich mit der Jugendsprache aus?

Tja, Flysein („besonders abgehen“, Anmerkung der Redaktion) ist das aktuelle Jugendwort des Jahres (lacht). Man kriegt in meinem Job einiges mit, was Jugendliche so sagen, man ist am Ball. Man benutzt diese Wörter natürlich auch, um dieselbe Sprache wie die Jugendlichen zu sprechen. Aber ich kenne auch nicht alle Wörter und es gibt immer wieder welche, die höre ich zum ersten Mal und muss dann nachfragen, denn Jugendsprache unterscheidet sich immer noch von der Erwachsenensprache.

Und im Privaten reden Sie dann auch so?

(lacht) Ja, ab und an kommt das vor. Meine Freunde schauen mich dann immer leicht irritiert an, dann wird gelacht und gut ist.

Viele Wörter sind ja lustig. Aber gab es denn auch mal eines, was Sie, sagen wir, nicht gut fanden?

Oh ja! Es gab mal die Wörter: „Du bist der Kevin“ oder „Mach mal den Kevin“ oder „Kevinismus“. (Kevinismus ist ein pseudowissenschaftlicher Begriff, der eine Person beschreibt, die nicht so gebildet ist, Anmerkung der Redaktion.) Die Wörter oder Sätze finde ich echt schlimm, denn es gibt viele Leute, die halt mit Vornamen Kevin heißen. Meine Meinung ist: Das ist ein Name und kein Zustand.

Mode kann man aber als Zustand bezeichnen. Was sagen Sie zu den Modetrends der Jugend. Gibt es eine Sache, wo man als Pädagoge die Stirn anfängt zu runzeln?

Modererscheinungen zum Stirnrunzeln gibt es definitiv. Wenn ich an meine Zeit zurückdenke, da haben manche Leute bestimmt auch über uns und über mich die Stirn gerunzelt. Ich habe damals Baggy-Jeans getragen. Die gingen sehr tief. Die Bewegungsfreiheit war dementsprechend eingeschränkt (lacht). Da haben bestimmt viele gedacht, dass ich mir keine richtige Hose leisten kann. Heute sehe ich bei den Mädels Vergleichbares: Sie tragen einfach nur Strumpfhosen und das war‘s. Keinen Rock drüber, keinen langen Pullover. Das sieht aus, also ob sie die Hose vergessen hätten.

Sie beherrschen die Jugendsprache, kennen die Modetrends. Auch alle Filmtrends?

Also Filme, die Jugendliche schauen, gucke ich auch. Aber nicht nur Filme, auch Games. Ich bin ein bisschen freaky in der Hinsicht. Ich bin Gamer und zocke auch privat (lacht). Dadurch komme ich auch mit den Jugendlichen ins Gespräch und merke schnell, wenn sie von einem Spiel sprechen, das eigentlich erst ab 18 Jahren erlaubt ist. Dann kann man das noch einmal reflektieren und erklären, warum das Spiel eben diese Alterskennzeichnung bekommen hat.

Thema Computergames: Geht die heutige Jugend eigentlich noch nach draußen zum Spielen?

Die Jugendlichen verbringen selbstverständlich ihre Freizeit noch draußen, genauso wie Kinder. Es liegt auch immer daran, wie das Elternhaus im Hintergrund funktioniert und was für eine Erziehung dahinter steckt. Es ist natürlich einfacher, mein Kind einfach vor das Fernsehgerät zu setzen, als mich mit ihm oder ihr zu beschäftigen, selber Ideen zu entwickeln. Aber letztendlich empfinde ich es so, dass Kinder genauso viel rausgehen, wie damals. Heute halt mit dem Smartphone in der Hand.

Das strittige Thema „Kinder und Smartphones“….

(…) Das ist ein besonderes Thema und da muss man sehr sensibel sein, gerade im Hinblick auf die Eltern. Denn wie wird der Umgang mit dem Smartphone im Elternhaus vorgelebt? Es muss ein gesundes Mischverhältnis geben. Es ist nicht förderlich, wenn Eltern ihren Kindern nur eine halbe Stunde pro Tag den Umgang mit dem Handy erlauben, aber selbst hängen sie beim Mittagessen und Abendessen ständig nur vor diesem Gerät. Das versteht das Kind dann auch nicht.

Und die perfekte Erziehung sieht dann wie aus?

Gibt es die perfekte Erziehungsmethode? Das ist eine gute Frage. Jede Erziehung wird anders laufen. Jeder hat seine Meinung, was er für sein Kind haben möchte, ob das Kind Anwalt wird oder was anderes. Die Ansprüche sind hoch. Die perfekte Anleitung gibt es einfach nicht. Man muss vielleicht mal ein bisschen davon und ein bisschen von etwas anderem nehmen, um so das Kind auch individuell fördern zu können. Jedes Kind ist anders und man kann das nicht pauschalisieren. Man muss darauf achten, was das Kind kann und was es möchte und nicht nur, was die Eltern wollen. Und solange man sein Kind lieb hat, wird es funktionieren.


Zur Person

Matthias Wels ist 33 Jahre alt. Der gebürtige Nordhorner hat in Vechta Sozialpädagogik studiert, bevor er die Leitung des Stadtteiltreffs Stroot übernommen hat. Im Juli dieses Jahres wurde die Kinder- und Jugendeinrichtung mit dem Kinder-, Jugend- und Kulturzentrum Alter Schlachthof zusammengelegt wurde. Seit diesem Zeitpunkt leitet Wels beide Einrichtungen.

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