Serie „Mein Job und ich“ Lingener Kellnerin über Bierduschen, Ausraster und den „König“

Von Julia Mausch

Vanessa Przybilski ist 25 Jahre alt und arbeitet seit etwas mehr als zwei Jahren als Kellnerin. Zuvor hat die gebürtige Quakenbrückerin eine Ausbildung zur Hotelfachfrau absolviert, bevor sie zum Grünen Jäger nach Lingen-Darme kam. Foto: Julia MauschVanessa Przybilski ist 25 Jahre alt und arbeitet seit etwas mehr als zwei Jahren als Kellnerin. Zuvor hat die gebürtige Quakenbrückerin eine Ausbildung zur Hotelfachfrau absolviert, bevor sie zum Grünen Jäger nach Lingen-Darme kam. Foto: Julia Mausch 

Lingen. Haarpflege mit Bier, Ausraster in der Küche und knickriges Trinkgeld: Vanessa Przybilski ist Kellnerin in der Lingener Kult-Gaststätte Grüner Jäger und erzählt in unserer Serie „Mein Job und ich“, was sie mit ihren Gästen erlebt.

Frau Przybilski, seien Sie ehrlich: Was nervt Sie an den Gästen?

Das sind die Momente, die jede Kellnerin nerven. Man hat einen Tisch mit Gästen und fragt nach dem Getränkewunsch. Nur einer bestellt etwas und man bringt ihm das Getränk. Genau dann überlegt sich die zweite Person am Tisch, dass sie auch noch etwas trinken will und man läuft wieder los und bringt das nächste Getränk. Gerade abgestellt, bestellt die dritte Person am Tisch etwas. Bei einem Tisch, wo nur vier Leute sitzen, geht das. Aber bei einer Gruppe mit zwölf Personen? Dann bekommt man die Krise. (lacht)

Schon mal ausgerastet bei der Arbeit?

Oh ja, dann bin ich schnell in die Küche gelaufen und hab da rumgeflucht. Zwischendurch muss man sowas mal rauslassen, wenn es dann an den Nerven nagt. Das sind dann solche Situationen, wenn es stressig ist und es einem einfach zu viel wird oder man nicht so nette Gäste hat.

Und der Kunde ist dann noch immer „König“?

Wenn er sich so benimmt, auf jeden Fall (lacht). Wir machen gerne alles für unsere Gäste, aber dann müssen sie sich dementsprechend auch benehmen. Wenn Sie nett sind, sind wir auch nett, wir reflektieren das schon. Schließlich muss man sich ja nicht alles gefallen lassen, nur weil man Kellnerin ist.

Schon mal was richtig Peinliches passiert?

Auch wenn man das schon so lange macht, fällt einem immer mal wieder was runter. Ich hab auch schon mal jemanden geduscht, mit Bier – viel Bier – in die Haare, das war nicht so schön (lacht).

…der Gast war sauer, oder?

Gott sei Dank hat der ganz locker reagiert. Wir haben es als Haarkur bezeichnet. Wir haben ganz schnell ein Handtuch geholt und alles versucht zu trocknen. Das war mir super peinlich. Aber passiert halt auch mal. Seine Rechnung ging dann natürlich aufs Haus…

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Da hat er aber ziemlich locker reagiert. Ist so ein Gast Kellnern am liebsten?

Ja! Am liebsten sind mir die, die ganz locker auf einen zugehen, wo man auch mal einen lockeren Spruch machen kann. Man versteht sich einfach. Ich finde das ganz wichtig im Servicebereich. Und ich mag es, wenn ich geduzt werde, ich bin ja noch nicht so alt. Außerdem duzen wir hier im Grünen Jäger unsere Gäste grundsätzlich, schließlich kommen ganz viele Stammgäste zu uns und man kennt sich seit Jahren.

Und die Getränkewünsche von denen, die können Sie alle auswendig?

Wir merken uns das auf jeden Fall. Wenn wir sie sehen, wie sie auf den Hof kommen, zapfen wir zum Beispiel das Bier schon, dann ist der Gast sofort glücklich, wenn er da ist. Aber ich hab öfters Schwierigkeiten, mir Namen zu merken. Das ist eben nicht so mein Ding.

Apropos Können. Gibt es Gäste, die von oben herab mit Ihnen sprechen?

Zum Glück ist der Großteil unsere Gäste super nett, aber klar, man hat immer einen dabei, der dann denkt „Die ist ja nur eine Kellnerin“ und einem das Gefühl vermittelt, man wüsste nicht, was man tut. Zum Beispiel, wenn ich die Deckel ausrechne für die Rechnung. Das mache ich wirklich jeden Tag und ich hab die Getränkepreise im Kopf. Und mancher Gast sitzt dann da und schaut ganz genau zu, wie ich die Preise addiere. Klar, es kann immer mal passieren, dass ich mich verrechne, aber manch einer ist da schon sehr aufdringlich und dann denke ich mir immer: „Oh man, ich krieg das schon hin.“

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Gibt’s denn wenigstens genügend Trinkgeld?

Der Emsländer ist eigentlich nicht geizig, ich kann mich nicht beschweren. Klar, es gibt Ausnahmen: Manch einer will bis auf den letzten Cent genau das Wechselgeld haben. Das ist ja auch nicht das Problem ist, schließlich ist das ja auch deren Geld. Aber wenn ich kein Trinkgeld bekomme, frage ich mich schon, ob ich meinen Job nicht gut gemacht habe.

Müssen Kellner immer, wirklich immer gut gelaunt sein?

Eigentlich bin ich immer gut gelaunt, wenn es mal nicht so ist, dann muss ich halt da durch. Dann muss man sich zum Grinsen mal zwingen und bringt nicht so viele Sprüche wie sonst. Oft helfen die Gäste auch mit. Wir haben ganz viele lustige Gäste und die muntern einen wieder auf.

… auch Betrunkene?

(lacht) Tja, es gibt solche und solche Betrunkene. Aber die meisten Emsländer sind betrunken wirklich richtig, richtig angenehm. Sie sind total glücklich, freuen sich ihres Lebens, lallen ein bisschen, wollen einen in den Arm nehmen. Das ist lustig und angenehm. Klar, immer mal wieder hat man ein paar Leute dabei, die betrunken rumpöbeln, aber das ist die Ausnahme.

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Was wird denn im Grünen Jäger am häufigsten bestellt?

Ich würde sagen Pils, aber wenn es alkoholfrei sein soll, dann auch Schorlen. Korn wird gar nicht so häufig bestellt, obwohl ja jeder meint, dass das im Emsland nur getrunken wird. Vielleicht mal einer nach dem Essen, oder Cola-Korn, wenn es dann mal rund gehen soll. Irgendwie wird aber derzeit super viel Whiskey getrunken, ist halt Mode gerade.

Gibt‘s auch Sonderwünsche?

Oh ja, die gibt es hier oft. Deswegen arbeiten wir nicht mit einem normalen Kassensystem, sondern schreiben alles so auf. Wir machen das ja gerne: Ob mit Zwiebeln, ohne Zwiebeln, mit extra Knoblauch, das kriegen wir alles hin. Und die Küche freut sich auch, wenn sie mal was anderes machen kann (lacht).

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Zum Schluss einen Rollentausch: Wie ist es, wenn Sie selbst mal Gast sind?

Oh, ich habe eine Berufskrankheit. Ich kann das überhaupt nicht haben, wenn ich in einem Restaurant bin, ganz viele Tische sind nicht abgeräumt, die Kellner stehen an der Theke und quasseln. Da werde verrückt und würde am liebsten zur Theke laufen, mir ein Tablett holen und den Tisch leerräumen (lacht).


Zur Person: Vanessa Przybilski ist 25 Jahre alt und arbeitet seit etwas mehr als zwei Jahren als Kellnerin. Die gebürtige Quakenbrückerin hat eine Ausbildung zur Hotelfachfrau absolviert, bevor sie zum Grünen Jäger nach Lingen-Darme kam. Den Gasthof gibt es seit etwa 100 Jahren, seit 1998 wird er von der Familie Schoo geleitet – und seit Juni 2015 vom 32-jährigen Sebastian Schoo.