Serie „Mein Job und Ich“ Lingener Polizist über Punkte, Waffen und Verfolgungsjagden

Polizeioberkommissar Norbert Tenger arbeitet seit 39 Jahren bei der Polizeiinspektion Emsland/Grafschaft Bentheim. Foto: Julia MauschPolizeioberkommissar Norbert Tenger arbeitet seit 39 Jahren bei der Polizeiinspektion Emsland/Grafschaft Bentheim. Foto: Julia Mausch

Lingen. Polizisten haben keine Punkte in Flensburg, haben noch nie etwas verbrochen und wer nicht spurt, der kriegt direkt einen Strafzettel. In der neuen Serie „Mein Job und Ich“ gehen wir im Gespräch mit Lingenern den Vorurteilen gegenüber ihrem Job auf den Grund – im zweiten Teil dem von Citypolizist Norbert Tenger.

Herr Tenger, jetzt mal ehrlich: Wie viele Punkte haben Sie in Flensburg?

Na, ich hoffe doch mal keine, aber ich habe auch noch nicht nachgefragt. Aber ja, ich wurde auch schon geblitzt, das ist ja normal. Dann ist man mal unterwegs, im Gespräch vertieft, achtet nicht auf das Tempo und dann passiert es. Bisher ist es aber immer beim Verwarngeld geblieben.

Das klingt vernünftig. Waren Sie schon immer so?

In meiner Jugend war ich auch nicht immer brav. Früher hat man auch mal heimlich aufgesetzten Schnaps getrunken oder ist mit dem Rad durch die Stadt gefahren, obwohl man es nicht durfte. Mit meinem Bruder bin ich damals auch mal vor der Polizei geflüchtet, als die Polizisten uns mit den Rädern anhalten wollen. Ich bin schnell in eine Seitengasse gefahren und hab mich hinter einem Container am Jugendzentrum versteckt. Meinen Bruder haben sie geschnappt, prompt hat er der Polizei mein Versteck verraten und die Polizei hat auch mich geschnappt. Am Ende mussten wir beide 10 DM Strafe bezahlen.

Thema Jugend: Ist eigentlich was an dem Satz dran, dass Jugendliche heute viel schlimmer sind, als die Generation vor ihnen?

Da habe ich ein schönes Beispiel für. Ich habe gestern erst Jugendliche in der Stadt getroffen. Gerade 18 Jahre alt geworden. Die habe ich vor vier oder fünf Jahren zum ersten Mal getroffen, als sie so 13, 14 Jahre alt waren. Als sie mich gesehen haben, sind wir ins Gespräch gekommen. Sie meinten direkt: „Herr Tenger, wir sind heute ganz anders. Wir rauchen nicht mehr und trinken kaum Alkohol. Aber die Jugend von heute, die ist ganz schlimm.“ (lacht). Also ich erkenne in beiden Generationen keinen Unterschied und ich treffe auch selten Senioren in der Stadt, die sich über Jugendliche beschweren.

Und worüber beschweren die sich?

Es wird sich viel mehr darüber beschwert, dass alle Altersschichten und Geschlechter mit dem Fahrrad durch die Fußgängerzone fahren oder statt den rechten Radweg lieber den linken benutzen. Aber ich habe ein lautes Organ. Ich spreche diejenigen dann laut an, dann zucken sie zusammen. Dann bespreche ich das mit ihnen ordentlich und dann klappt das. Ich bin nicht derjenige, der immer sagt: „Zack, Geld auf den Tisch.“

Was ist denn, wenn die Radfahrer nicht anhalten?

Ich sag immer, man trifft sich immer zwei Mal im Leben. Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis. Das ist mir auch schon öfters passiert, dass der Typ weggefahren ist und eine viertel Stunde später kam er mir an einer anderen Ecke entgegen und dann stand ich vor ihm. Dann kriegte er die doppelte Strafe, denn dann ist der Punkt gekommen, dann bin ich nicht mehr bereit zu diskutieren.

…also keine wilde Verfolgungsjagd?

Ich habe auch schon mal einen Mofafahrer angehalten. Mein Fahrrad ist elektrisch unterlegt und schafft 45 Stundenkilometer. Da hat der Mofafahrer doof geschaut, als ich ihm während der Fahrt von hinten auf die Schulter klopfte. Das war schon eine lustige Aktion. Aber da muss man immer die Verhältnismäßigkeit im Blick behalten. Ich kann natürlich nicht mit 45 km/h durch die Innenstadt brausen, dabei 20 oder 30 Leute zur Seite klingeln, um dann jemanden einzuholen, der mit 15 km/h unterwegs ist. Aber ich kenne ja einige Schleichwege und weiß, wo der Fahrradfahrer rauskommt. Dann fahre ich einfach dort hin und dann stehen wir voreinander… Auge in Auge (lacht).

Hand aufs Herz: Wie schwer ist es, immer ruhig und gelassen zu bleiben?

Es ist schwierig, wenn die Leute direkt anfangen, die Polizisten aufs unterste Niveau zu beleidigen, wenn man sie darauf hinweist, dass sie etwas falsch gemacht haben. Aber damals hat mir ein älterer Kollege die Waffe des Polizeibeamten gezeigt. Nicht die Dienstwaffe, sondern den Kuli und das Merkbuch. Damit kann mal viel mehr regeln, als wenn ich mich mit jemanden lautstark auseinandersetze. Dann schreibe ich mir still die Beleidigungen auf, schreibe eine Anzeige, dann treffen wir uns eben im Gerichtssaal wieder – und das kann teuer werden.

Thema Waffe: Wann haben Sie ihre Waffe das letzte Mal benutzt?

Das weiß ich ganz genau, am 26. September 2016 zum Schulschießen. Im Dienst aber hab ich sie das letzte Mal 1982 in Papenburg benutzt. Ein Hund wurde bei einem Unfall schwer verletzt. Das Tier hat sich gequält, da hab ich ihn von seinem Leiden erlöst. Der Besitzer hat sich später bei mir dafür bedankt.

Verhalten sich eigentlich Freunde oder Bekannte anders, wenn Sie den Raum betreten? Sie sind ja schließlich Polizist….

(lacht) Zum Glück nicht. Meine Freunde kennen mich ja seit Jahren und die sehen mich als Menschen, nicht als Polizisten. Die Lingener sehen mich täglich mit meiner Uniform und meiner Mütze. Das Gute ist, viele erkennen mich auf der Straße nicht direkt, wenn ich die dann aber ablege. Letztens habe ich Jugendliche im Park verwarnt und ihnen gesagt, sie sollen sich ordentlich benehmen. Wenig später hatte ich Feierabend und bin in Freizeitkleidung durch den Park gelaufen. Die Jugendlichen kasperlten da immer noch rum, obwohl ich direkt vor ihnen stand. Als sie dann gemerkt haben, dass ich es bin, waren sie völlig überrascht….

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Zur Person

Norbert Tenger ist Polizeioberkommissar und arbeitet seit 39 Jahren bei der Polizei. 1977 hat er die Ausbildung angefangen. Seit Januar 2009 ist er Kontaktbeamter bei der Polizeiinspektion Emsland/Grafschaft Bentheim. Der gebürtige Lingener ist der erste Ansprechpartner bei Konflikten oder Delikten in der Lingener Innenstadt. Norbert Tenger ist 55 Jahre alt, verheiratet und hat fünf Kinder.

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