Serie „Mein Job und Ich“ Lingener Friseur über Smalltalk, missglückte Frisuren und Eheprobleme

Von Julia Mausch

Ulrich Fürstenberg arbeitet seit 37 Jahren in Lingen als Friseur. Foto: Julia MauschUlrich Fürstenberg arbeitet seit 37 Jahren in Lingen als Friseur. Foto: Julia Mausch 

Lingen. Friseure tratschen gerne und missglückte Frisuren kennen sie nicht. Stimmt das? In der neuen Serie „Mein Job und Ich“ gehen wir den Vorurteilen gegenüber verschiedenen Berufssparten auf den Grund. Im ersten Teil haben wir mit Friseur Ulrich Fürstenberg aus Lingen gesprochen.

Herr Fürstenberg, seit 37 Jahren sind Sie Friseur und haben schon viele Trends miterlebt. Welches war der Schrecklichste?

Definitiv der Vokuhila. Erst gestern habe ich wieder einen Mann gesehen, der vorne die Haare ganz kurz geschnitten hatte, hinten hingen seine Locken wie so ein Teppich über die Schultern runter. Ich hab mich sehr amüsiert. Es kommt dabei aber immer auf den Typ an. Wenn ein Hipster zu mir kommt, und eine Art Vokuhila will, kann das sogar sehr modisch wirken. Das ist aber bei Menschen anders, die diese Frisur seit 30 Jahren tragen, weil sie die Matte eben schön finden.

Und was ist, wenn jemand mit einem Haarwunsch in Ihren Salon kommt oder mit einer anderen Frisur, die Sie, sagen wir, nicht so schön finden?

Das kommt häufig vor, richtig oft. Oft sehen meine Kunden, vorwiegend Frauen, auf Youtube eine Frisur, die sie richtig toll finden. Mit ihren Haaren ist die aber nicht umsetzbar. Wir sagen dann hier immer, das ist so, als ob man kariertes Nähgarn kaufen will – einfach unmöglich.

Sagen Sie dann auch mal „Nein, das mache ich nicht“?

Auf jeden Fall sage ich das. Eine Frisur zu schneiden, mit der meine Kundin später einfach nicht schön aussieht, geht auch gegen meine Ehre. Ich werde dann ja als der Friseur genannt, der ihr die Frisur gemacht hat, über die sich im schlimmsten Fall später andere kaputtlachen. Es hängt dann immer vom Typ ab, manchen Kunden sage ich dann direkt ins Gesicht, dass die Frisur schrecklich ist, die sie sich wünschen, bei anderen verpacke ich es schonender. Meistens finden wir dann einen Mittelweg.

Jetzt mal ehrlich, ist Ihnen eine Frisur schon mal komplett missglückt?

(lacht) Klar, auf jeden Fall ist mir das schon passiert. Ich glaube, jeder Friseur, der sagt, dass ihm das noch nie passiert ist, lügt. Wenn so etwas passiert, fängt man erst einmal an zu schwitzen und dann versucht man, es irgendwie noch zu retten und dann kann auch mal der Feierabend dafür draufgehen. In 99,5 Prozent der Fälle ist mir das bisher auch immer geglückt. Meistens liegt das aber nicht an unseren Fähigkeiten als Friseure, sondern an sonderbaren Wünschen der Kunden oder weil man einfach an die Grenzen der Produkte stößt. Mal eben pechschwarze Haare in weiße Haare zu verwandeln, ist meist mit einem Friseurtermin nicht umsetzbar…

Wie ist das mit treulosen Kunden? Also solchen, die von heute auf morgen einfach wegbleiben?

Ich hatte letztens eine Kundin, die hat von vorne herein gesagt, dass sie eine Reisende ist, also immer wieder den Friseur wechselt. Das finde ich völlig in Ordnung. Ich kann aktuell bestimmt 20 Kunden nennen, die nicht mehr kommen. Wenn von heute auf morgen jemand wegbleibt, dann mache ich mir Gedanken. Das macht mich total traurig, weil ich mich frage, ob ich etwas falsch gemacht habe. Aber zum Glück haben wir ja auch Kunden, die seit 26 Jahren zu uns kommen. Mit vielen haben wir uns dadurch auch privat angefreundet. Einige waren auch vor drei Wochen auf der Hochzeit von meinem Mann und mir.

Unter uns: Haben Sie in den Gesprächen dann auch schon vom Ehepartner was erfahren, was der Mann oder die Frau nicht wissen durfte?

(lacht) Dass Friseure eine Art Seelenklempner sind, stimmt auf jeden Fall. Ich erfahre von meinen Kunden vieles. Vor 20 Jahren hatte ich mal den Fall, dass ein Kunde sich eine jüngere Freundin gesucht hat. Seine Ehefrau war aber ebenfalls Kundin bei mir. Natürlich war das Thema und um ehrlich zu sein, etwas froh war ich, als der Mann sich einen anderen Friseur gesucht hat…

Was ist mit Kunden, die überhaupt gar keine Lust auf ein Gespräch mit dem Friseur haben. Ist das unhöflich?

Das ist doch völlig in Ordnung. Es gibt Kunden, die reden ohne Punkt und Komma, andere sind stiller. Das Wichtige ist, dass der Friseur erkennt, was der Kunde möchte. Ich finde es auch mal gut, wenn nicht so viel geredet wird. Früher fand ich es richtig gut zu tratschen, mittlerweile bin ich älter und bin ruhiger. Mit vielen meiner Kunden bin ich ja auch befreundet, das ist dann ja kein Smalltalk mehr.

Gibt es etwas, was Sie bei Kunden stört?

Die Ansprüche der Kunden an die Frisur sind in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Gerade bei Bräuten. Mittlerweile sage ich, dass ich keine Brautfrisur mache, wenn die Frau nicht mindestens zu einem Vorgespräch in meinem Salon war. Ich mag es überhaupt nicht, wenn ein Kunde von oben herab mit mir spricht, schließlich sind Friseure auch keine Zauberer. Auch nicht nachts. Wir werden oft nachts, wenn wir privat unterwegs sind, nach Frisurentipps gefragt. Ich frage doch auch nicht nachts einen Arzt in der Kneipe, ob er sich meine Wehwehchen anschaut (lacht).


Zur Person

Ulrich Fürstenberg arbeitet seit 37 Jahren als Friseur. Seine Lehre hat er 1979 mit gerade einmal 15 Jahren begonnen. Vor 26 Jahren hat er sich in Lingen mit dem Friseursalon Haar-Genau an der Burgstraße selbstständig gemacht. Seit drei Jahren hat er einen weiteren Salon „Am Pferdemarkt“. Mittlerweile beschäftigt der heute 52-Jährige 19 Angestellte. Zu den Kunden des Salons gehörten schon Peter Maffay und Paul Panzer.

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