„Alle haben nur weggeschaut“ War Missbrauchsfall im Emsland vermeidbar?

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Immer wieder soll der heute 24-jährige Tatverdächtige seine kleinen Schwestern missbraucht haben. Symbolfoto: imago stock&peopleImmer wieder soll der heute 24-jährige Tatverdächtige seine kleinen Schwestern missbraucht haben. Symbolfoto: imago stock&people

Lingen. Ein Jugendbetreuer steht im Verdacht, bei einem Sportverein im südlichen Emsland Anfang Juni 2016 ein elfjähriges Kind sexuell missbraucht zu haben. Das hätte verhindert werden können, behauptet jetzt die Mutter des mutmaßlichen Täters. Denn schon vor Jahren habe er seine Schwester und seine beiden Stiefschwestern immer wieder missbraucht.

Stefanie H.* wohnt heute mit ihrer Tochter in Nordrhein-Westfalen. Als sie die Berichterstattung unserer Redaktion über den Missbrauchsfall im Emsland liest, wird ihr schnell klar, wer der heute 24 Jahre alte Tatverdächtige sein könnte: ihr eigener Sohn. Die 45-Jährige hält ihn schon lange für gefährlich; aufgrund der aktuellen Vorwürfe sitzt der Mann seit dem 12. September in der JVA Lingen in Untersuchungshaft. „Ich will ihn nicht anprangern, aber ich wollte schon sehr lange, dass ihm geholfen wird“, sagt sie. Denn ihr Sohn soll schon mit elf Jahren angefangen haben, seine vier Jahre jüngere Schwester zu missbrauchen.

Die Schwester „komisch berührt“

Wie kam es dazu? 2002 trennt sich Stefanie H. von ihrem Ehemann. Das Paar hat zwei Kinder. Sohn und Tochter lebten danach bei ihrer Mutter. „Meine damals siebenjährige Tochter hat mir erstmals 2003 erzählt, dass ihr Bruder sie immer so ‚komisch berühren‘ würde“, berichtet sie. Stefanie H. sucht Beratungsstellen auf. Dort vermutet man „Doktorspiele“. Die Mutter möchte, dass ihr Sohn behandelt wird, in eine Wohngruppe kommt. Doch dies lehnte ihr Ex-Mann ab, sagt sie heute. Der Sohn zieht stattdessen zu den Eltern seines Vaters in einen Ort im Emsland. Stefanie H. sagt, dass sie dem unter der Voraussetzung zugestimmt habe, dass sich ihr Sohn in eine psychologische Behandlung begeben würde. Dies sei aber, sagt Stefanie H. heute, nie geschehen.

Termin beim Jugendamt

Danach achtet Stefanie H. nach eigenen Angaben zunächst darauf, dass ihre Kinder bei Besuchen nicht unbeaufsichtigt zusammen sind. 2007 hat sie, so berichtet sie, einen Termin beim Jugendamt. Dieses hatte um ein Gespräch gebeten, weil ihr Sohn, damals 15 Jahre alt, anderen Jungen an der Schule in die Hose gepackt und sexuelle Handlungen vorgenommen haben soll. Doch wieder sei seitens der Behörden nichts unternommen worden, sagt Stefanie H.

Immer wieder Missbrauch

2011 begibt sich die Tochter von Stefanie H., mittlerweile 15 Jahre alt, aus anderen gesundheitlichen Gründen in eine länger andauernde stationäre Behandlung. Und dort habe sie sich den Ärzten offenbart: Bis 2010 soll ihr Bruder sie immer wieder bei seinen Besuchen sexuell missbraucht haben. Die Tochter stellt Strafanzeige gegen ihren mittlerweile volljährigen Bruder.

Verfahren eingestellt

Doch die Staatsanwaltschaft Münster stellt das Verfahren Ende 2011 ein – obwohl, so Stefanie H., ihr Sohn die Taten zugegeben habe. „Das Verfahren ist eingestellt worden, weil nach einem fachärztlichen [...] jugendpsychiatrischen Gutachten [...] erhebliche Zweifel an der strafrechtlichen Verantwortungsreife [...] bestanden und zudem die Voraussetzungen einer erheblich verminderten Steuerungsfähigkeit [...] vorlagen“, begründet die Staatsanwaltschaft Münster in einer E-Mail auf Nachfrage unserer Redaktion die Einstellung.

Keine Therapie

In dem Gutachten sei jedoch empfohlen worden, dass sich der Sohn von Stefanie H. einer Langzeittherapie unterziehe. „Dies ist jedoch meines Wissens nie gemacht worden“, sagt seine Mutter. Gescheitert sei dies nach ihren Worten am Widerstand ihres Ex-Mannes und dessen Eltern. „Schwiegereltern, mein Ex-Mann, die Behörden, alle haben immer nur weggeschaut“, sagt die Mutter.

Albträume Realität

Vermutlich haben auch die Töchter von Julia L.* gelitten. Die Frau war von 2003 bis 2011 mit dem Ex-Mann von Stefanie H. verheiratet und brachte zwei Töchter aus einer früheren Beziehung mit in die Ehe. Die jüngere Tochter habe 2013 psychische Probleme bekommen, sich immer wieder in die Haut geritzt, selbst verletzt. „Aber sie hat nicht geredet“, sagt Julia L. Erst als die Probleme Ende 2015 immer größer geworden seien, ihre Tochter Albträume gehabt und nur noch bei Licht habe schlafen können, habe sie sich ihr gegenüber ihr offenbart. „Ich träume davon, dass mein Stiefbruder mich immer anpackt“, habe die Tochter gesagt. Dass diese Träume tatsächlich Realität waren, habe ihre ältere Schwester bestätigt: „Das ist kein Traum. Das ist zwischen 2005 und 2010 immer wieder so gewesen, auch bei mir.“

Anzeige gegen Stiefbruder

Anfang Januar 2016 erstatten die beiden mittlerweile 18 und 19 Jahre alten jungen Frauen Strafanzeige gegen ihren Stiefbruder. „Meine Töchter wollten damit vor allem verhindern, dass er anderen Kindern ähnliches antut“, sagt Julia L. Dass ihr Stiefbruder schon im August 2014 vom Amtsgericht Papenburg – dorthin war er 2012 gezogen – zu einer auf Bewährung ausgesprochenen Haftstrafe von anderthalb Jahren wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde, wissen zu diesem Zeitpunkt weder die beiden jungen Frauen noch Julia L. und Stefanie H.

Gericht kannte Vorgeschichte nicht

Doch nicht nur die beiden Frauen wussten etwas nicht. Offenbar kannten weder die Staatsanwaltschaft Osnabrück, die 2014 Anklagebehörde gegen den Sohn von Stefanie H. war, noch der Amtsrichter in Papenburg die Vorgeschichte des Täters. „Das 2011 von der Staatsanwaltschaft Münster eingestellte Verfahren gegen den Mann konnten wir nicht sehen“; sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Osnabrück, die auch für das Amtsgericht Papenburg zuständig ist. Die Frage, ob der Papenburger Richter 2014 dem Angeklagten mit diesem Wissen auch eine günstige Sozialprognose gestellt und die Strafe zur Bewährung ausgesetzt hätte, sei rein hypothetisch.

Ermittlungen laufen noch

In Papenburg soll der Sohn von Stefanie H. seine Stellung als Betreuer in einem Sportverein ausgenutzt und einen elfjährigen Jungen zwei Mal missbraucht haben. Dafür wurde der Mann zu der Bewährungsstrafe verurteilt. Bei dem nun angezeigten Fall im südlichen Emsland soll der 24-Jährige ähnlich vorgegangen sein. Und dort hätte es nach Meinung von Stefanie H. und Julia L. Anfang Juni nie zu dem Missbrauch eines Kindes kommen dürfen. „Im März waren offenbar alle Vernehmungen im Fall meiner Töchter abgeschlossen“, erklärt Julia L. Sie und Stefanie H. verstehen nicht, dass bis jetzt seitens der Strafverfolgungsbehörden noch keine Konsequenzen gezogen wurden. „Wir haben die Akten erst Anfang Mai erhalten und dann intern weiter ermittelt“, sagt ein Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Münster dazu. Jetzt ermitteln gleich zwei Staatsanwälte gegen den mittlerweile in Untersuchungshaft sitzenden 24-Jährigen: in Münster wegen des Missbrauchsverdachts von 2005 bis 2010 an den Stiefschwestern und in Osnabrück wegen des aktuellen Falls im Emsland. Auf Nachfrage unserer Redaktion lehnte der Anwalt des 24-Jährigen eine Stellungnahme mit Hinweis auf die schwebenden Verfahren ab.

* Namen von der Redaktion geändert


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