Mit Harry Baer und Axel Pape Spritzige szenische Lesung von „Lola“ in Lingen

Von Elisabeth Tondera

Eine mitreißende Lesung im Rahmen des Literaturfestes Niedersachsen gestalteten Harry Baer (links) und Axel Pape im Professorenhaus. Foto: Elisabeth TonderaEine mitreißende Lesung im Rahmen des Literaturfestes Niedersachsen gestalteten Harry Baer (links) und Axel Pape im Professorenhaus. Foto: Elisabeth Tondera

to Lingen. Eine literarische Reise in die Bundesrepublik der Adenauer-Ära, eine Hommage an einen Film aus dem Jahr 1981 und zwei Schauspieler – die szenische Lesung „Fassbinders Lola – nur ganz anders“ mit Harry Baer und Axel Pape im Rahmen des Literaturfestes Niedersachsen der VGH-Stiftung war ein kulturelles Ereignis der besonderen Art.

Der Leiter der Stadtbibliothek Lingen Josef Lüken versprach nicht zu viel, als er den Gästen im Professorenhaus eine Lesung ankündigte, wie es sie in Lingen noch nicht gegeben hatte. „Wir sind stolz darauf, dass Lingen zum vierten Mal als Veranstaltungsort für das Literaturfest ausgewählt wurde“ sagte er. Auch der Vertreter der VGH-Direktion Lingen Andreas Jantzen freute sich darüber und dankte den Partnern vor Ort: Der Stadtbibliothek und dem Fachdienst Kultur, „ohne deren Hilfe die Umsetzung dieser Veranstaltung nicht möglich gewesen wäre.“

Kungelei im Bordell

In diesem Jahr gibt sich das Literaturfest Niedersachsen der „Leidenschaft“ hin. In Fassbinders „Lola“ geht es um verschiedene Leidenschaften: Geld, Besitz, Macht, Geschäft und Politik vor allem aber um eine Frau, die Edelhure Lola. Die Geschichte spielt in einer Provinzstadt Ende der 50-Jahre, es wird gekungelt, was das Zeug hält, die Honoratioren der Stadt treffen sich im Bordell, wo sie sich vergnügen, Geschäfte abwickeln und Kontakte pflegen. Den Ton gibt Bauunternehmer Schuckert, er beherrscht die Stadt und hält auch Lola für seinen Besitz. In diesen Sumpf gerät der neue Baudezernent von Böhm, ein Mann mit Grundsätzen, der sich nicht um die bestehenden Strukturen kümmert. Bis auch er Lola kennenlernt und ihr verfällt.

Drehbuch als Bühnenvortrag

Harry Baer und Axel Pape lesen das Drehbuch des Films samt Regieanweisungen. Mancher wird vielleicht stutzen: Drehbuch lesen? Eignet sich das als Bühnenvortrag? Wenn es Schauspieler vom Format Baer und Pape sind, wird das Kino-im-Kopf der Zuschauer lebendig. Wer den Film kennt, hat die Figuren vor Augen und erlebt die Handlung ganz neu, wer „Lola“ nicht gesehen hat, gestaltet mithilfe der Schauspieler seine eigene Bildstory.

Wenige szenische Mittel

Die beiden schaffen das Kunststück mit wenigen szenischen Mitteln. Auf der Bühne stehen ein vorsintflutliches Tonbandgerät, ein stilisierter 50er-Jahre-Tisch und ein verhülltes Objekt, das sich später als ein Adenauer-Plakat entpuppt. Licht und gelegentlich eingespielte Geräusche deuten Raumwechsel an und schaffen entsprechende Atmosphäre. Die Schauspieler sitzen am Tisch und lesen den Text mit verteilten Rollen. Irgendwann fragt Baer plötzlich: „Sag mal, warum muss ich immer die Frauenrollen spielen?“

Unvermittelte Einwürfe

Solche unvermittelten Einwürfe machen einen großen Reiz der Veranstaltung aus. Zwischendurch unterbricht mal der eine, mal der andere die Lesung, um ein Erlebnis zu erzählen, eine Frage zu stellen oder eine Anekdote zum Besten zu geben, denn Baer und Pape haben jeweils ihre eigene besondere Beziehung zu Fassbinder und zu dem Film. Der eine war Akteur in Fassbinders Drehstab, für den anderen ist der Film eine Jugenderinnerung. Da erinnert sich Baer, dass Fassbinder einmal mit vergipstem Bein am Drehort erschien, obwohl er sich nur am Zeh gestoßen hatte. Oder Pape fragt, wer auf die Idee gekommen ist, die nur als Ulknudel bekannte Helga Feddersen die Sekretärin spielen zu lassen.

Charme aus gespielten Pannen

Es ist eine spritzige, humorvolle Lesung, die ihren zusätzlichen Charme aus den gespielten „Pannen“ und „spontanen“ Wortwechseln der Schauspieler bezieht. Für die Gäste war es ein mitreißendes Erlebnis, ein wahres Literaturfest.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN