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Unzensierte Momentaufnahmen Theaterpädagogen zeigen literarische Figuren im Lingener Burgtheater


Lingen. Sie lassen sich den Mund nicht verbieten und auch nicht, wie und was sie auf der Bühne zeigen. Studierende des sechsten Semesters des Instituts für Theaterpädagogik der Hochschule Osnabrück/Lingen haben ihre „Monologe“ unter das Motto „Zensur“ gestellt. „Was würden Sie niemals sagen? Wir sagen es!“, behaupten sie in ihrer Ankündigung.

Im Foyer des Burgtheaters herrscht Zensur – eine Band hat ihre Instrumente aufgebaut, darf aber nicht spielen, weil die GEMA ihr die Rechte verweigert hat, Zuschauer können sich fotografieren lassen, aber nur mit einem Balken im Gesicht. Nur auf der Bühne ist nichts verboten.

Ein junger Mann (Benjamin Nutzinger) sitzt auf einer Parkbank mit einem Hot Dog in der Hand und spricht über seine Gleichgültigkeit gegenüber allem. Dieser Figur aus Xavier Durringers „Ganze Tage, ganze Nächte“ ist alles egal: Das Elend in der Welt, Kriege, Kindesmisshandlung – egal. Doch er hat Emotionen, denn als er ein Tütchen mit Mayonnaise aufreißt und sich dabei bespritzt, ist seine Wut grenzenlos…

Einem Engel gleicht die junge Frau (Nina Weber), die unter einem kurzen Pelz nur Unterwäsche trägt. Doch ihre Worte und ihr Verhalten haben nichts Engelhaftes – es ist die Beichte einer angstgepeitschten, sexsüchtigen einsamen Frau aus „Sex“ von Justine del Corte. Und Mariedl (Franziska Lutz) in Werner Schwabs „Die Präsidentinnen“ hofft auf Beifall, weil sie mit bloßen Händen meisterhaft verstopfte Kloschüsseln reinigt.

Facettenreiche Sinnbilder

17 literarische Figuren treten im Burgtheater auf, ringen um Liebe, schreien ihren Schmerz hinaus, sind zärtlich und aggressiv, romantisch und brutal – kurze unzensierte Momentaufnahmen des ganz alltäglichen Wahnsinns Leben, facettenreiche Sinnbilder für den ewigen Lebenshunger des menschlichen Herzens. Lässig setzt Simon Käppler seine Sprachmaske als Ulrich in „Täglich Brot“ von Gesine Danckwart auf, wütend tritt Andri (August von Gehren) in „Andorra“ von Max Frisch gegen eine Bierdose, verzweifelt leert Nora (Irina Barca) ein Glas Champagner nach dem anderen (Henrik Ibsen: „Nora oder Ein Puppenheim“). Lasziv reckt Mirjam Lemdjadi ihre Beine in roten Pumps in die Luft („Belghouz Place“ von Amira Ghazi), Sarah Nadge („Bekenntnisse“ von Nina Hagen) spricht ihre Sinn-Fragen in eine Kloschüssel, Marielle Hennrich lässt aus dem Off für sich sprechen, tanzt wild (frei nach „Dass die Nacht dem Tag folgt von Tim Etchells), Benedict Kömpf spricht fast teilnahmslos einen Monolog aus „Die 120 Tage von Sodom“ von Marquis de Sade.

Die Darbietenden setzen vielfältige schauspielerische Techniken, aber auch unterschiedliche Requisiten ein. Doppeldeutig der riesige Teddy, den Nicole Raab für ihren Seelenstrip als Una in David Harrovers „Blackbird“ einsetzt, während Dirk Kaufmann im Monolog des Kindermörders Bollin in „Onkel Onkel“ von Günter Grass einen winzigen Teddy anspricht.

Wechselnde Szenen

Wie „Der biblische Weg für die gläubige Frau“ (Rudolf Ebertshäuser) aussieht, erklärt Katrin Möller alias Eva einer ganzen Reihe von Plüschtieren. Einen mit Lebensmitteln voll bepackten Einkaufswagen fährt Imke Allerbeck auf (Rosetta in „Mamma hat den besten Shit“ von Dario Fo), und Stefanie Büttgenbach transportiert ihr verhülltes Objekt der Begierde auf einem Palettenwagen (frei nach „Ein Moment“ von Jane Martin). Einen Stapel Schuhkartons beschwört Julia Windisch in „Rede – ungebändigt!“ frei nach Texten von Martin Heckmanns, Eve Ensler und Jean Ziegler und Pia Brockmann gießt als Elektra (Hugo von Hoffmannsthal) eimerweise Wasser über ihr Haupt.

Die Zuschauer müssen sich bei dem vielseitigen und spannenden Programm alle paar Minuten auf eine andere Figur, einen neuen Text, neue szenische Bilder und Stimmungen einstellen, aber das macht den besonderen Reiz der Veranstaltung aus.


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