Im September erneuter Besuch Lingener in der Ukraine wie Staatsgäste empfangen

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Lingen. Der Freundeskreis der Ukrainefahrer in Lingen wird am 17. September zum nächsten Transport aufbrechen, um Hilfsgüter nach Juskovzy zu bringen.

Das haben Hajo Wiedorn und Hinrikus Ude vom Freundeskreis in einem Gespräch mit der Redaktion mitgeteilt. Juskovzy (etwa 1700 Einwohner) liegt rund 1550 Kilometer von Lingen entfernt in der Westukraine. Freundschaftliche Kontakte bestehen seit Langem auch zu Verantwortlichen in der sechs Kilometer entfernten Kreisstadt Lanovzy. Die Rückkehr der Helfer ist am 24. September vorgesehen.

Lebensverhältnisse haben sich verschlechtert

Die beiden Ukrainefahrer bitten die Bevölkerung um Geldspenden, da sich die Lebensverhältnisse in den beiden Dörfern verschlechtert hätten. Dies hatten sie beim letzten Besuch festgestellt, der vom 29. Mai bis 5. Juni stattfand. Die Reisegruppe bestand insgesamt aus 14 Personen. Mit den Geldspenden will der Freundeskreis im September Lebenswichtiges vor Ort in der Ukraine einkaufen.

Junge Leute verlassen die Dörfer

Ude: „Die wirtschaftliche Lage ist gekennzeichnet von einer hohen Inflationsrate, die im vorigen Jahr 53 Prozent betrug und einer weitverbreiteten Arbeitslosigkeit.“ Eine große Zuckerfabrik in der Kreisstadt Lanovzy (38000 Einwohner), in der viele Menschen arbeiteten, hatte nach seinen Angaben schon vor sieben Jahren geschlossen. Wiedorn wies ergänzend darauf hin, dass aufgrund fehlender Perspektiven die meisten jungen Menschen die Dörfer verlassen hätten. Ude: „Hungern braucht die Landbevölkerung zwar nicht, weil sich die Menschen notfalls selbst versorgen können, aber in den Städten fehlt es oftmals an Nahrungsmitteln.“

Flüchtlinge leben in Ruinen

Verschärft habe sich die Lage, weil inzwischen circa 3000 Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet der Ostukraine im Bezirk Ternopil leben, zu dem auch Lanovzy und Juskovzy gehören. „Dafür wurden ihnen verlassene Häuser überlassen, die wie Ruinen aussehen,“ bemerkte Wiedorn. Der Staat kümmere sich kaum um diese Menschen. Hilfe bekämen sie nur vom ukrainischen Roten Kreuz.

Von der Polizei eskortiert

Gerührt äußerten sich die beiden über die große Wertschätzung, die der Reisegruppe von den Ukrainern entgegengebracht wurde. „Wir wurden empfangen wie Staatsgäste und von der Polizei eskortiert“, berichtete Ude.

Großer Empfang im Landratsgebäude

Gleich zu Beginn des Besuchs aus Anlass des 25-jährigen Bestehens der Ukrainehilfe gab es für die Gäste aus dem Altkreis Lingen im Landratsgebäude in Lanovzy einen großen Empfang. Ein Chor in Nationaltracht brachte den Besuchern ein Ständchen. Dabei bedankte sich der Bürgermeister von Juskovzy, Mykhaylo Kutran, für die vielfältige und nachhaltige Hilfe, die der Freundeskreis mithilfe des Deutschen Roten Kreuzes leistete. Die Besucher nahmen insgesamt sechs Dankesurkunden in Empfang.

Vielfältige Unterstützung

Im Laufe der Jahre hatten die Lingener vor allem die Modernisierung von Schule und Sozialstation in Juskovzy vorangetrieben. Zudem unterstützten sie das Kreiskrankenhaus in Lanovzy und die dortige Sozialstation.

Interesse an wirtschaftlicher Zusammenarbeit

Wiedorn: „Am liebsten würden Landrat Juliant Sirant und der Bürgermeister von Lanovzy, Roman Kasnoveskyi, eine Städtepartnerschaft mit Lingen eingehen. Diese Erwartungen haben wir gedämpft.“ Wiedorn und Ude würden es begrüßen, wenn weitere Vereine und Verbände aus dem Altkreis Lingen Kontakte zu den Ukrainern aufnehmen würden. Großes Interesse hätten die Ukrainer an wirtschaftlicher Zusammenarbeit bekundet. Zu diesem Zweck möchten sie mit Firmen im Emsland ins Geschäft kommen.

Kinder führen Theaterstück auf Deutsch auf

Sehr herzlich sei auch der Empfang in der Schule in Juskovzy gewesen, wo Kinder das Theaterstück „Ein Schornsteinfeger ging spazieren“ auf Deutsch aufführten (Ude war früher Bezirksschornsteinfegermeister). Zudem besuchten die Emsländer einen orthodoxen Gottesdienst in der neuen Kirche. Der Priester hob dabei die gelebte Völkerverständigung hervor.

Treffen mit dem weltberühmten Künstler Iwan Martschuk

Während des Besuchs trafen die Gäste auch mit dem weltberühmten 80-jährigen Künstler Iwan Martschuk in dessen Geburtsort Moskalivka zusammen. Wiedorn: „Es wäre eine fantastische Sache, wenn Martschuk seine Werke in einer Ausstellung in der Lingener Kunsthalle präsentieren könnte.“

Zwangsarbeiter im Reichsausbesserungswerk tätig

Ins Leben gerufen wurde der Freundeskreis, nachdem Wasilij Ratuschko und Prokop Schafuruk aus Juskovzy, die während des Zweiten Weltkriegs als Zwangsarbeiter im Reichsausbesserungswerk in Lingen schuften mussten, Anfang der 90-er Jahre Lingen besuchten. Beide sind inzwischen verstorben und auf dem Friedhof in Juskovzy begraben.


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