Imkern hinter Gittern „Zellengold“ aus der JVA Lingen

Von Sven Lampe


Lingen. Diese Geschichte beginnt mit einem Ausbruch, genauer gesagt mit dem größten Massenausbruch in der Geschichte der Justizvollzugsanstalt Lingen. Rund 30.000 schwarz-gelb-gewandeten Ausreißern gelang es vor einiger Zeit bei hellem Tageslicht, über die hohen Mauern des roten Klinkerbaus an der Kaiserstraße zu entfleuchen. Doch Gemach, bei den Ausbrechern handelte es sich um ein Bienenvolk der Anstaltsimkerei.

Jens Laurenz, Sportbetreuer in der JVA und selbst Hobbyimker, kann sich beim Erzählen dieser Anekdote ein Grinsen nicht verkneifen. Derartige Ereignisse geschehen halt in der Imkerei, und fliegende Wildtiere, wie Bienen es sind, lassen sich von übermannshohen Mauern nicht aufhalten.

Alleinstellungsmerkmal

Begonnen hat die Geschichte der Imkerei hinter Gittern vor rund zwei Jahren. Da hörten die Lingener von einer derartigen Einrichtung bei ihren Kollegen in Offenbach und übertrugen die Idee aufs Emsland. Gemeinsam mit der JVA in Bielefeld haben die Lingener mit diesem Angebot nun so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal in Sachen sinnvoller Beschäftigung ihrer Insassen.

Imkerei-Grundkursus

Mit ins Boot holten die Lingener den Imker Rolf Krebber. Für 14 Gefangene und drei Mitarbeiter der JVA startete der Meppener Bienenfachmann einen Imkerei-Grundkursus. Über zehn Wochen kamen die Teilnehmer aus dem Haupthaus, der Außenstelle Groß Hesepe und dem offenen Vollzug in Damaschke zusammen. Die Kombination aus wie bei allem oft trockener Theorie und spannender Praxis am lebenden Objekt kommt bei den Teilnehmern offensichtlich gut an. Zehn Häftlinge sind bis zum Schluss dabei geblieben. Zwei wurden zwischenzeitlich entlassen, zwei hätten es sich zwischenzeitlich anders überlegt, sagt Laurenz. Der Kursus ist so gut eingeschlagen, dass sich für das nächste Jahr bereits Interessenten gemeldet haben. Bis dahin werden die Gefangenen mit ihrem frisch erworbenen Wissen nicht allein gelassen. Krebber will alle paar Wochen vorbeikommen und die Gefangenen mit Rat und Tat unterstützen.

Mit Engagement bei der Sache

Die Dabeigebliebenen sind mit vollem Engagement bei der Sache, lassen sich von Krebber und einigen Kollegen praktische Tipps zum Umgang mit den Tieren geben und fragen den Imkern die berühmten Löcher in den Bauch. Einer der Kursteilnehmer hat hinter Gittern sein Interesse an der Imkerei entdeckt. Nun will er die Zeit „nicht einfach so verstreichen lassen“ und sieht für sich eine Chance für die Zeit nach der Haft. „Nicht professionell, aber als Hobby“ möchte er sich auch nach seiner Entlassung mit der Imkerei beschäftigen. Aber auch in seiner jetzigen Situation saugt er Nektar aus dem Kursus: „Man hat eine Beschäftigung“, sagt er etwas leiser. Denn so viel könne man im Gefängnis auch nicht tun, „und irgendwann kennt man halt auch die Geschichten der anderen“.

Perspektive für den Tag X

Ähnlich sieht es ein Mitgefangener. Er habe sich schon als Kind mit Imkerei beschäftigt und will durch den Kursus auf dem neusten Stand bleiben, erzählt er: „Drei Jahre Unterbrechung sind eine lange Zeit.“ Auch er sieht in dem Kursus eine Perspektive für die Zeit nach dem Tag X. Denn der Teilnahmenachweis gilt als eine Voraussetzung dafür, dass ein Imker auf seinen Honiggläsern das Siegel des Deutschen Imkerbundes führen darf.

Stadt als geeigneter Lebensraum

Drei Völker leben mittlerweile hinter den Mauern an der Kaiserstraße. Ihr Futter finden sie ganz in der Nähe. Im Innenhof bieten Blumenbeete, Apfelbäume und nicht zuletzt eine bei Autobesitzern wegen ihres klebrig-süßen Saftes auf den Blättern nur wenig geschätzte Linde eine üppige Ernährungsgrundlage. Überhaupt sei eine Stadt für Bienen als Lebensraum für Bienen wesentlich geeigneter als landwirtschaftlich genutzte Gebiete, sagt Jens Laurenz: „In der Stadt steht in fast jedem Garten ein Obstbaum, in der freien Natur dagegen gibt es immer mehr Monokulturen. Von Mais und Getreide haben Bienen nichts.“

Ernte reicht für den Eigenbedarf

Direkt etwas von ihrem Hobby haben die Anstalts-Imker. Die erste Ernte ist bereits eingefahren, zwar nicht wirklich viel, aber jeder hat einmal klein angefangen. Für den Eigenbedarf der Kursteilnehmer und ein Gläschen für die Anstaltsleitung hat es gereicht. Irgendwann einmal wollen die Imker ihr auf „Zellengold“ getauftes Produkt auch über den Knastshop verkaufen. Wenn ein Bienenstock voll im Saft steht, können jährlich rund 30 Kilogramm der süßen Flüssigkeit geerntet werden.

Bruch mit einem Klischee

Mit einem Klischee der Imkerei brechen die Lingener. Niemand trägt einen der bekannten weißen Umhänge oder eine Schutzhaube über dem Kopf. Die Zeiten seien in der Imkerei schlichtweg vorbei, lässt Krebber wissen: „Die trägt man nicht mehr.“ Ziel eines jeden Imkers sei es, sich ohne Schutzkleidung inmitten seiner Völker zu bewegen. Und das sei, wenn man sich entsprechend ruhig verhalte, in aller Regel auch problemlos möglich. Das haben auch die Gefangenen schnell gelernt. „Am Anfang des Kurses haben fast alle einen Schutzanzug getragen, jetzt liegen sie in der Kammer“, skizziert Laurenz die Entwicklung.

„Imkerei erlebt einen Boom“

„Die Imkerei erlebt derzeit einen echten Boom“, erzählt Krebber. Der teilweise als „Alte-Männer-Hobby“ verschrieene Umgang mit Bienen sei auch für jüngere Menschen interessant geworden. Vielleicht liegt das auch an der um sich greifenden Erkenntnis, dass die Menschheit ohne die unermüdliche Bestäubungsarbeit der Bienen ein echtes Problem hätten. Ohne Bienen keine Bestäubung, ohne Bestäubung keine Früchte, ohne Früchte... Nicht zuletzt aus diesem Grunde stehen Bienen laut Krebber in der Liste der wirtschaftlichen Bedeutung für der Landwirtschaft auf einem der Spitzenplätze. Nicht etwa wegen der Menge des verkauften Honigs, sondern aufgrund des wirtschaftlichen Wertes der Bestäubung.

„Das System Biene“

Aber nicht nur rein wirtschaftlich, auch auf weniger in Zahlen auszudrückende Weise seien Bienen äußerst wertvoll, sagt Krebber voller Begeisterung über das Zusammenleben und die interne Organisation der Bienenvölker. Imker könnten immer nur neben den Bienenvölkern stehen, sie beobachten, versuchen die Tiere zu verstehen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen: „Das System Biene ist intelligenter als der Mensch.“


Gelee royale

Chefin im Bienenstock ist die Königin. Sie wird von den anderen umsorgt und gepflegt wird – und mit einem speziellen Futter gepäppelt: dem Gelee royale. Die Substanz ist mittlerweile auch in der Gesundheitsindustrie beliebt und wird in homöopathischen Dosen als Nahrungsergänzung verkauft. Die Königin ist die einzige Biene, die Eier legen und somit für den Fortbestand eines Volkes sorgen kann. Nach etwa drei Jahren gerät die Regentschaft allerdings in ernste Gefahr, da ihre Fruchtbarkeit deutlich nachlässt. Dann ist es für sie Zeit zum Abdanken, auch ohne Eingriff eines Imkers setzen die Arbeitsbienen ihre Königin ab und suchen sich eine potente Nachfolgerin. Königinnen sind begehrt. Imker können entweder auf den natürlichen Gang der Dinge setzen oder eigens gezüchtete Exemplare mit gewünschten Eigenschaften für ihre Völker kaufen. Die Preisspanne reicht von ein paar Euro bis hin zu 150 Euro für Spitzenexemplare. Ein Zentrum für die Reinzucht von Bienenköniginnen sind die ostfriesischen Inseln. Dort machen Züchter sich die Eigenschaft der Bienen zunutze, dass sie nicht über Gewässer fliegen und lassen Bieneneier von Drohnen aus ausgewählten Völkern befruchten.

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