Johanna Reiss liest in Lingen Den Naziterror in einer Dachkammer überlebt

Von Elisabeth Tondera


to Lingen. Johanna Reiss hat als jüdisches Kind den Naziterror in den Niederlanden in einer kleinen Dachkammer versteckt überlebt. Ihre Erlebnisse hat sie in dem Buch „Und im Fenster der Himmel“ aufgeschrieben. In der Kreuzkirche war kaum ein Platz frei, als die heute in New York lebende Autorin dort ihre Lebensgeschichte erzählte.

Josef Lüken, Leiter der Stadtbibliothek, die mit dem Heimatverein Lingen in Zusammenarbeit mit dem Forum Juden Christen die Veranstaltung durchgeführt hatte, freute sich, dass diese Begegnung an einem so würdigen Ort stattfinden konnte. Er dankte den Mitveranstaltern, vor allem aber der Autorin, dass sie den langen Weg auf sich genommen hatte. Sein Dank galt auch der Moderatorin und Dolmetscherin Sixtina Harris, die sich dafür engagiert, dass die Holocaust-Überlebende immer wieder nach Deutschland kommen kann. Die ehemalige Lehrerin aus Borken hat sich auch für die Neuübersetzung des Buches eingesetzt, das 1972 zum ersten Mal in den USA und sechs Jahre später in Deutschland erschienen war.

Blick in den Himmel

Johanna Reiss wurde 1932 als Johanna (Annie) de Leeuw im niederländischen Winterswijk geboren. Als die Deutschen 1940 die Niederlande besetzten, war sie acht Jahre alt. „Hitler war krank im Kopf“, erklärte sie ihrem Publikum auf Deutsch, in das sie zwischendurch immer wieder verfiel. „Er hasste Menschen, die anders waren, er hasste Homosexuelle, vor allem aber hasste er Juden“, sagte sie.

Als Johanna zehn Jahre alt war, wurde es für die Juden sehr gefährlich. Zusammen mit ihrer zehn Jahre älteren Schwester Sini wurde sie bei der Bauernfamilie Oosterveld in Usselo, in der Nähe von Enschede versteckt. Von November 1942 bis zur Befreiung 1945 konnte sie die kleine Kammer auf dem Dachboden nur selten verlassen. Die Schwestern durften nicht einmal durch das kleine Fenster nach draußen schauen, um nicht von außen gesehen zu werden. Jeden Morgen stellte sich Johanna unter das Fenster und sah sich den Himmel an. „Ich habe mir vorgestellt mit den Wolken auf Reisen zu gehen“, sagte sie.

Traumatische Zeit

Es war eine traumatische Zeit, doch Angst und Bedrängnis haben sie nicht gebrochen. Wer sie erlebt, könnte im ersten Moment glauben, einen Menschen mit glücklicher Vergangenheit vor sich zu haben. Die 84-jährige ist ein Energiebündel, sprühend vor Humor und Lebensfreude.

Lebendig, locker und sehr engagiert erzählte Johanna Reiss ihre leidvolle Kindheitsgeschichte. Voller Dankbarkeit und Zuneigung sprach sie von den Oostervelds –Johann, Dientje und Opoe (Oma) -, die ihr Leben für die fremden Mädchen riskierten. Es war auch eine Erzählung voller Anekdoten über die Schrullen und Eigenheiten der Bauersleute: Johann hatte seine Frau wegen der großen Hände geheiratet, die Oma wusch sich nur selten.

Erinnerungen aufschreiben

Ursprünglich wollte Johanna Reiss, die 1955 in die USA auswanderte, ihre Erinnerungen nur für ihre Töchter aufschreiben. Sie habe kein Tagebuch geschrieben, aber sie habe ein sehr gutes Gedächtnis, verriet sie den Zuhörern, die anschließend viele Fragen an die Autorin hatten.

Zwischendurch unterbrach Reiss ihre Erzählung, um vor allem an die anwesenden Kinder und Jugendlichen zu appellieren: „Folgt nie, nie jemandem, der sagt, er hasse diese oder jene Gruppe von Menschen, aus welchen Gründen auch immer. Das ist sehr wichtig.“

Ihr leidenschaftlicher Appell für den Frieden ist gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse in Europa und den USA von besonderer Brisanz.

Empfang in der Jüdischen Schule

Am Nachmittag war Johanna Reisin der Jüdischen Schule empfangen worden, wo Heribert Lange und Benno Vocks über die Geschichte des Gedenkortes berichteten.


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