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Schon früher Schüsse auf Flüchtlinge? Schüsse in Lingen: Polizei findet weiteres Projektil

Von Wilfried Roggendorf

Die Flüchtlingsunterkunft am Langschmidtsweg in Lingen. Ein 21-jähriger Mann soll am 12. Juni 2016 aus einem benachbarten Haus auf zwei Flüchtlinge, ein Mann und ein fünfjähriges Mädchen, mit einem Luftgewehr geschossen haben. Nun ist der Verdacht aufgekommen, dass er bereits am 10. Juni eine Bewohnerin beschossen hat. Foto: Wilfried RoggendorfDie Flüchtlingsunterkunft am Langschmidtsweg in Lingen. Ein 21-jähriger Mann soll am 12. Juni 2016 aus einem benachbarten Haus auf zwei Flüchtlinge, ein Mann und ein fünfjähriges Mädchen, mit einem Luftgewehr geschossen haben. Nun ist der Verdacht aufgekommen, dass er bereits am 10. Juni eine Bewohnerin beschossen hat. Foto: Wilfried Roggendorf 

wrog/slx Lingen. Hat ein 21-Jähriger bereits am vergangenen Freitag in Lingen auf einen Flüchtling geschossen? Diesen Verdacht hegt die Staatsanwaltschaft im Fall des Mannes, der am Sonntag in Lingen zwei Flüchtlinge mit einem Luftgewehr beschossen haben soll. Am Mittwoch hat die Polizei ein weiteres Projektil gefunden, dass möglicherweise am Freitag verschossen wurde.

Das Projektil wird nach Angaben von Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer zurzeit beim Landeskriminalamt in Hannover daraufhin untersucht, ob es zur vom Tatverdächtigen benutzten Waffe gehört. Auf das Geschoss gestoßen war die Polizei laut Retemeyer, nachdem die Mutter des angeschossenen fünfjährigen Kindes gesagt hatte, dass ihr Ähnliches am Freitag widerfahren sei.

„Wiederholungsgefahr“

Eine nach den Schüssen vom Sonntag beantragte Unterbringung des Verdächtigen in der Psychiatrie hat das Amtsgericht Lingen am Dienstag abgelehnt. Zunächst hatte die Staatsanwaltschaft auf den Antrag verzichtet, den Tatverdächtigen in einer Psychiatrie unterbringen zu lassen oder hilfsweise in Untersuchungshaft zu nehmen. „Doch im Laufe der Ermittlungen haben sich Anhaltspunkte dafür ergeben, dass der Mann gefährlich ist und Wiederholungsgefahr besteht“, sagte Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer. Daher habe die Ermittlungsbehörde am Dienstagnachmittag einen entsprechenden Antrag beim Amtsgericht in Lingen gestellt. (Weiterlesen: Lingen: 21-Jähriger schießt mit Luftgewehr auf Flüchtlinge)

„Ein Grund ist, dass der 21-Jährige bei der Polizei war und seine sichergestellte Waffe wiederhaben wollte“, erläutert Retemeyer. Zudem ergab sich für die Staatsanwaltschaft nach der Vernehmung von Zeugen ein neuer Verdacht: Der 21-Jährige soll nicht nur am Sonntag ein fünfjähriges mazedonisches Mädchen und einen 18-jährigen Syrer an der Flüchtlingsunterkunft am Langschmidtsweg in Lingen mit einem Luftgewehr beschossen haben, sondern auch schon die Mutter des Mädchens am Freitag. Die Staatsanwaltschaft schreibt dem Mann „rechtsradikale Neigungen“ zu. (Weiterlesen: Entsetzen nach Schüssen auf Flüchtlinge in Lingen)

Antrag der Staatsanwaltschaft abgelehnt

Den Antrag der Staatsanwaltschaft auf die Psychiatrie-Einweisung oder hilfsweise Untersuchungshaft hat das Amtsgericht Lingen jedoch am Dienstag abgelehnt. Das bestätigte dessen Direktor Michael Schwickert am Mittwochvormittag. „Eine Unterbringung in einer Psychiatrie setzt unter anderem voraus, dass es dringende Gründe für die Annahme gibt, dass eine rechtswidrige Tat im Zustand der Schuldunfähigkeit oder verminderter Schuldfähigkeit begangen wurde.“ Diese Gründe habe der Haftrichter nicht gesehen. (Weiterlesen: Kritik an Staatsanwaltschaft nach Schüssen auf Flüchtlinge)

Schuldfähigkeit festgestellt oder nicht?

„Erst im Februar 2016 hat ein Facharzt für Psychiatrie den 21-Jährigen untersucht und dabei keine Erkrankung festgestellt“, erläutert Schwickert. Somit sei der Mann nach Ansicht des Haftrichters voll schuldfähig und die Unterbringung in einer Psychiatrie rechtlich unzulässig.

Dies sieht Oberstaatsanwalt Retemeyer anders: „Im Februar wurde nur ein kurzes diagnostisches Gespräch mit dem Tatverdächtigen geführt. Ein richtiges psychiatrisches Gutachten dauert länger.“ Laut Retemeyer gibt es Anzeichen für eine psychische Erkrankung des Tatverdächtigen. Die Polizei in Lingen habe mehrfach beim Landkreis Emsland Anträge auf Unterbringung des Mannes nach dem Pschychisch-Kranken-Gesetz (PsychKG) gestellt. Die Anträge seine jedoch abgelehnt worden, so Retemeyer. Der Landkreis Emsland wollte sich am Mittwochabend unter Berufung auf den Datenschutz nicht äußern.

Voraussetzungen für U-Haft nicht erfüllt

Auch für die alternativ beantragte Untersuchungshaft hat der Haftrichter die Voraussetzungen als nicht erfüllt gesehen. Schwickert erklärt diese: „Erstens müssen bestimmte Tatsachen dafür sprechen, dass der Beschuldigte weitere erhebliche Straftaten gleicher Art begehen wird, bevor es zu einer Verurteilung in der jetzigen Sache kommt. Und zweitens müsste er schon vorher wiederholt solche Straftaten, im konkreten Fall gefährliche Körperverletzungen, begangen haben oder dieser dringend verdächtig sein.“ Und diese zweite Voraussetzung habe der Haftrichter als nicht erfüllt gesehen. „Es ist für den Haftrichter völlig unklar gewesen, ob der Verdächtige schon am Freitag auf eine Bewohnerin der Flüchtlingsunterkunft geschossen hat oder nicht“, sagt Schwickert.

Retemeyer: Verfahren schnell abschließen

Jetzt kann die Staatsanwaltschaft gegen die Entscheidung des Lingener Haftrichters Beschwerde beim Landgericht Osnabrück einlegen. „Bevor wir entscheiden, ob wir Rechtsmittel dagegen einlegen, müssen erst die Ermittlungen abgeschlossen sein“, sagt Retemeyer hierzu. Der Oberstaatsanwalt hofft, dass dies innerhalb von zwei Wochen der Fall sein wird: „Unser Ziel ist es, das Verfahren möglichst schnell abzuschließen.“

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