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14.06.2016, 14:45 Uhr KOMMENTAR ZU SCHÜSSEN IN LINGEN

Verdächtiger auf freiem Fuß: eine müßige Diskussion

Ein Kommentar von Sven Lampe


Durch den dichten Bewuchs an der Flüchtlingsunterkunft am Langschmidtsweg hat ein Mann mit einem Luftgewehr auf zwei Flüchtlinge geschossen. Foto: Wilfried RoggendorfDurch den dichten Bewuchs an der Flüchtlingsunterkunft am Langschmidtsweg hat ein Mann mit einem Luftgewehr auf zwei Flüchtlinge geschossen. Foto: Wilfried Roggendorf

Lingen. In Lingen ist am Montag mit einem Luftgewehr auf ein spielendes Kind und einen 18-jährigen Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft geschossen worden. Der Tatverdächtige ist auf freiem Fuß, da die Staatsanwaltschaft keinen Haftantrag gestellt hat. Diese Entscheidung ist der Öffentlichkeit schwer zu vermitteln, spricht aber für unsere Gesellschaft, meint unser Kommentator Sven Lampe.

Ja, es ist pervers, auf ein fünfjähriges Kind zu schießen. Diesen Schuh muss sich der Schütze anziehen. Dass er für sein Tun bestraft werden muss, ist klar. Ebenso klar ist aber auch der reflexhafte Ruf aus der Öffentlichkeit, den Tatverdächtigen sofort und ohne viel Federlesens hinter Schloss und Riegel zu bringen. Aber soweit ist es noch nicht, die Ermittlungen laufen noch. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück hat aufgrund geltender Gesetze darauf verzichtet, einen Haftantrag zu stellen. Somit muss der Tatverdächtige nicht sofort in Untersuchungshaft. Gesetzestexte sind in aller Regel dehnbar, nicht umsonst gibt es den Spruch „Zwei Juristen, drei Meinungen“.

Die Staatsanwaltschaft hat die Rechtslage dergestalt ausgelegt, dass sie keinen Haftgrund sieht. Sie erkennt weder Fluchtgefahr noch eine weitere Gefährdung durch den Verdächtigen. Es ist müßig darüber zu diskutieren, ob ein Haftrichter oder ein anderer Staatsanwalt anderer Ansicht gewesen wären. Letztlich ist es eine Stärke unseres Rechtsstaates, Menschen nicht sofort „verschwinden“ zu lassen. Das müssen wir aushalten.


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